Von Martin Rieß - 30.09.2009, 08.35 Uhr

24-Stunden-Shopping: Der Supermarkt, der fast nie schläft

Nachtschicht im Supermarkt – seitdem in Sachsen-Anhalt Geschäfte nur noch am Sonntag schließen müssen, ist das Realität. Seit fast zwei Jahren können Nachtschwärmer in Magdeburg auch morgens um vier ganz normal einkaufen gehen. Eine Reportage.

Im Edeka in Halle/Saale ist Einkaufen ebenfalls rund um die Uhr möglich. Bild: ddp

In einer Stiege träumen die Tomaten neben den Gurken. Monoton summen die Kompressoren in den Kühltruhen, in denen erstarrte Suppenhühner, Kartons mit in Würfeln vorportioniertem Spinat, Schalen mit gefrorener Nudelpfanne und Eiscremewannen nebeneinander zu dösen scheinen. Es ist nachts, kurz nach ein Uhr, in der Magdeburger Jakobstraße.

Drinnen im NP-Markt gleißt das Neonlicht. Keine Zeit für eine Pause, keine Zeit, die automatischen Türen abzuschalten und die Kunden im Regen stehen zu lassen. Diese Kaufhalle hat rund um die Uhr geöffnet – soweit dies zumindest das Ladenschlussgesetz in Sachsen-Anhalt zulässt. Montagfrüh um 7 Uhr wird der Supermarkt aufgeschlossen und bleibt dann bis Samstagabend um 20 Uhr ohne Unterbrechung geöffnet. Im Raum Magdeburg ist der Supermarkt bislang der einzige, der diese Möglichkeit bietet. In Halle gibt es eine weitere Edeka-Filiale, die fast nie schläft.

An der Kasse des Magedeburger NP-Marktes sitzt Elke Grabowski. Die 51-Jährige ist eine derer, die wegen der Nachtschichten hier eine Arbeit gefunden haben. Sie sagt: «Es ist schon etwas Besonderes, in der Nacht in einem Supermarkt zu arbeiten.»

«Das ist die richtige Zeit für mich»

Einer der nächtlichen Einkäufer ist Sven Mederski. Seitdem der NP-Markt an der Jakobstraße rund um die Uhr geöffnet hat, kommt er zweimal in der Woche nachts vorbei. «Das ist die richtige Zeit für mich, wenn ich von Freunden oder aus dem Club nach Hause gehe», erzählt er.

Die Nachtschicht rekrutiert sich derweil aus Mitarbeitern einer Zeitarbeitsfirma. Elke Grabowski kann sich die Nachtarbeit an der Kasse und in den Regalreihen aber schon jetzt als dauerhafte Beschäftigung vorstellen.

Um halb zwei ist es etwas ruhiger geworden, vor einer halben Stunde herrschte hier noch Hochbetrieb, das ist normal für einen Freitag. Neben denen, die in der Nacht zum Sonnabend schon ihren Wochenendeinkauf erledigen, sind an diesem Wochentag auch die Nachtschwärmer unterwegs: Eine Schachtel Zigaretten, zwei Packungen Chips, drei Flaschen Wein, vier Bier liegen dann in den Einkaufswagen. Die Menschen sehen im 24-Stunden-Markt die preiswerte Alternative zum Tankstellenshop.

«Ding-dong!» Ganz hinten kommt Bewegung in die Kaufhalle. Automatisch. Die Tür des Backofens öffnet sich selbständig, der weiße Dampf steigt in einer dichten Wolke zur Decke des Marktes empor. Es duftet wie beim Bäcker – die Nachtbrötchen sind fertig. In goldgelben Reihen liegen sie nebeneinander auf dem Blech, bis sie von einem Mitarbeiter der Nachtschicht in einen der bereitstehenden Körbe geschoben und für die Kunden bereitgestellt werden. Kurze Zeit später werden schon die nächsten vorgebackenen blass-weißen Roh-Brötchen in die heiße Röhre geschoben.

«Pro Nacht verkaufen wir 1000 Brötchen»

Frische Brötchen gehören zu den Verkaufsrennern in der nächtlichen Magdeburger Altstadt. Kein Wunder: Für sie wie für jeweils zwei weitere Produkte gelten Sonderpreise. Die Brötchen kosten ab 22 Uhr nur noch 7 Cent – «pro Nacht verkaufen wir 1000 Stück», sagt Aileen Bendler.

Sie ist Bezirksleiterin und damit Chefin von 14 NP-Märkten in und um Magdeburg. Als im November vergangenen Jahres der Rund-um-die-Uhr-Betrieb gestartet wurde, war sie zusammen mit der Marktleiterin der Jakobstraße auch nachts oft vor Ort. Inzwischen ist Routine eingekehrt.

Nicht zu den Stammkunden der Nachtschicht gehört Carmen Häusler. Sie wohnt am anderen Ende der Stadt und kommt aus dem Kino. Im Einkaufswagen liegen eine Nachfüllpackung Capuccino, Kochschinken, ein Brot, ein Karton mit gefrorenem Gemüse und die obligatorischen Frühstücksbrötchen. «Wenn ich jetzt nicht einkaufen gewesen wäre, hätte ich ja morgen noch einmal extra losgemusst.» Carmen Häusler sucht aus ihrer Handtasche die Geldbörse heraus, zahlt, und verabschiedet sich in die Nacht.

Zwischendurch muss all das erledigt werden, was in jedem normalen Supermarkt sonst erledigt wird, wenn geschlossen ist: Die Waren müssen aufgefüllt, die Fußböden gewischt, die Regale geordnet und geputzt werden. Die Mitarbeiter der Nachtschicht übernehmen diese Aufgaben mit.

Die Nachtschicht kauft bei der Nachtschicht ein

Selbst wenn gerade keine Einkäufer ihre Wagen durch den als Kaufhalle der Konsumgenossenschaft vor Jahrzehnten gebauten Supermarkt schieben – unbeobachtet bleibt das Tun der Mitarbeiter nicht. Zu jeder Nachtschicht ist ein Sicherheitsdienst vor Ort. Das soll nicht zuletzt das Vertrauen der Menschen in den Nachteinkauf stärken.

Ein Freizeitgewinn wohl für diejenigen, die nachts einkaufen – ein Gewinn auch für diejenigen, die nachts arbeiten müssen? Elke Grabowski jedenfalls möchte die Arbeit nicht mehr missen und sieht die Vorteile des ruhigen Nachtdienstes. Ob denn unter solchen Arbeitszeiten nicht das Privatleben ein wenig leidet? Bei aller Freude darüber, eine Arbeit zu haben, fragt die Kassiererin dann aber doch ganz leise: «Haben wir denn heute noch eine andere Wahl?»

Als selbstverständlich gilt heute, dass man nachts sein Auto betanken oder ins Fitnessstudio gehen kann, dass nachts im Fernsehen nicht bloß ein Testbild ausgestrahlt wird und der Discobetrieb erst nach Mitternacht so richtig losgeht. So sind unter den Kunden neben den genussvollen «In-Ruhe-Einkäufern» und den Nachtschwärmern auch etliche, die nachts arbeiten, Taxifahrer zum Beispiel oder Polizisten.

Und morgens um halb 5, wenn das erste Team der Nachtschicht längst Feierabend hat, geht der Betrieb schon wieder richtig los: Jens Albers, der zur Arbeit nach Hannover muss, deckt sich mit einem Frühstück ein. Der Tag kann kommen.

Martin Rieß ist Redakteur der Magdeburger Volksstimme. Diesen Text schrieb er im Januar 2008 für die Regionalzeitung.

ruk/news.de

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