Von news.de-Redakteur Sven Wiebeck - 13.07.2011, 16.35 Uhr

«An American Crime»: Ein heftiger Schlag ins Gesicht

Zu Tode gefoltert: Mit An American Crime zeigt Tele 5 heute Abend ein verstörendes Missbrauchsdrama, das auf wahren Begebenheiten beruht. Regisseur Tommy O'Haver setzt darin zwei großartige Hauptdarstellerinnen eindrucksvoll in Szene - und mutet dem Zuschauer einiges zu.

Markerschütternde Schmerzensschreie gellen aus dem Haus. Das dunkelhaarige Mädchen windet sich unter den fürchterlichen Qualen der Folter, als sich das glühend heiße Metall durch Haut und Fleisch frisst. Die Nachbarn beschneiden derweil die Blumen in ihrem Garten. Die Leiden des gepeinigten Mädchens sind auch nebenan nicht zu überhören. Es sei denn, die Menschen verschließen Augen und Ohren vor dem, was sich da in unmittelbarer Nähe im Keller eines ganz normalen Einfamilienhauses in der vorörtlichen Idylle abspielt. So tatsächlich geschehen in der US-amerikanischen Stadt Indianapolis.

Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte schreibt das Jahr 1965. Regisseur Tommy O'Haver erzählt diese anhand von Zeugenaussagen und Gerichtsakten - und zeichnet in seinem eindringlichen Drama An American Crime die Marter der 16-jährigen Sylvia Likens nach.

Jeder darf mal

Es ist eine äußerst spontane Entscheidung: Das Schausteller-Ehepaar Betty und Lester Likens (Romy Rosemont und Nick Searcy) entschließt sich, die Töchter Sylvia (Ellen Page) und Jennie (Hayley McFarland) für einige Zeit bei Gertrude Baniszewski (Catherine Keener) zu lassen. Obwohl sie Gertrude bis zu diesem Tag gar nicht kannten und sich deren Kinder erst vor wenigen Stunden zufällig mit Sylvia und Jennie angefreundet haben. Doch mit der Freundschaft ist es schon bald vorbei.

Als der angekündigte Scheck der reisenden Eltern ausbleibt, meint die Pflegemutter, dies an Sylvia und Jennie auslassen zu müssen. «Euer Daddy hat heute kein Geld geschickt», sagt Gertrude in vorwurfsvollem Ton, bevor sie zum ersten Mal zuschlägt - zur Strafe. «Ohne das Geld geht es nicht.» Und überhaupt wollten die Eltern ihre beiden Mädchen loswerden. Wenig später kommt der Scheck mit der Post. Nebst einem Brief an Sylvia und Jennie, die an Kinderlähmung leidet. Die Zeilen bekommen sie nie zu lesen, stattdessen immer häufiger Gertrudes Zorn zu spüren. Vor allem Sylvia.

Nach nur wenigen Tagen ist ihr ganzer Körper von der Folter gezeichnet: Geschlagen, mit Zigaretten verbrannt, die Kellertreppe heruntergestoßen, vegetiert sie ohne Essen und Trinken auf dem nackten Kellerboden vor sich hin. «Sie hat eine Lektion verdient», sagt Gertrude. Nachdem Sylvia nun auch noch angeblich boshafte Lügen über deren Tochter Paula (Ari Graynor) verbreitet hat. Eine schamlose Lüge - von Paula, um sich selbst zu schützen.

Doch damit nicht genug der unfassbaren Erniedrigung: Sehen Gertrudes Kinder zunächst nur zu, wie ihre Mutter Sylvia demütigt und foltert, legen sie nach kurzer Zeit gar selbst Hand an sie. Führen das Mädchen den Nachbarskindern als kurioses, leblos an einen Balken gefesseltes Ausstellungsstück vor. Und lassen jeden mal zuschlagen, der will.

Das Herz pocht schneller und lauter


Verstörende Bilder, die im Zuschauer nicht nur maßlose Wut aufkommen lassen, sondern ebensolches Unverständnis, zu welchen Grausamkeiten Menschen offenkundig in der Lage sind. Seine Suche nach den Gründen inszeniert Regisseur Tommy O'Haver sehr ruhig sowie bar jeder Effekthascherei. Um die grässlichen Erlebnisse greifbarer für seine Darsteller und die Crew zu machen, drehte der Regisseur den Film in chronologischer Reihenfolge.

Die Bedrohung ist in jeder Sekunde spürbar und bricht sich in exzessiven Momenten immer wieder Bahn. Glücklicherweise geht O'Haver dabei nicht ins Detail, schildert ohnehin nicht alles, was Sylvia Likens in der Realität angetan wurde. Doch mitunter reichen Großaufnahmen von zu Folterwerkzeugen umfunktionierten Haushalts- und Alltagsgegenständen sowie ein für den Zuschauer zu hörendes, immer lauter und schneller pochendes Herz, um Spannung zu kreieren.

Hinzu kommt ein großartiges - mit Ellen Page, Catherine Keener und James Franco namhaftes - Darstellerensemble. Besonders Keener und Page aber auch Ari Graynor als Paula machen An American Crime zu einem differenzierten, ausdrucksstarken Drama.

Keener als etwas verlebte, unter Asthma und Depressionen leidende Kirchgängerin mit einem Hang zu deutlich jüngeren Männern. Die zunehmend den Bezug zur Realität, zu ihrem Handeln verliert, ihre schrecklichen Taten verdrängt und immer mehr in Apathie verfällt.

Page als lebenslustiges Mädchen, das mit zarter Stimme vom Rummel schwärmt und niemandem etwas Böses will. Sich im nächsten Moment aber gnadenlos erniedrigt und verprügelt, mehr tot als lebendig am Boden wiederfindet. Dafür wurde sie in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin für den Emmy und den Golden Globe nominiert. Tommy O'Haver und Irene Turner erhielten als Drehbuchautoren zudem eine Nominierung für den Writers Guild Award.

Tele 5 zeigt das verstörende Missbrauchsdrama heute Abend um 22.05 Uhr - und vermittelt dem Zuschauer damit zu später Stunde ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Eines, das länger vorhält.

Titel: An American Crime
Regie: Tommy O'Haver
Darsteller: Ellen Page, Catherine Keener, Ari Graynor, Hayley McFarland, Nick Searcy, Romy Rosemont
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Sendetermin: Mittwoch, 13. Juli, 22.05 Uhr, Tele 5

 

zij/news.de

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