So., 27.05.12

Veronica Ferres 04.02.2012 «Ich war atemlos»

Tsunami - Das Leben danach (Foto)
Billi Cramer (Veronica Ferres) trauert um Söhne und Mann. Bild: ZDF/Alexander Fischerkoesen

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Hamburg

Veronica Ferres spielt in Tsunami - Das Leben danach Billi Cramer. Eine Frau, die 2004 in Thailand ihren Mann und zwei kleine Kinder verlor. Mit news.de spricht die Schauspielerin über die wahre Geschichte einer Katastrophe und einen unglaublichen Zufall.

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Frau Ferres, eigentlich wollten Sie die Rolle der Billi Cramer noch ablehnen. Sind Sie jetzt froh, dass Sie sie doch gespielt haben?

Veronica Ferres: «Froh» ist der falsche Ausdruck. Diese Erfahrung gehört nun zu meinem Leben. Sie war nicht leicht. Ich bin aber dankbar, dass ich sie gemacht habe.

Wussten Sie schon beim Lesen des Drehbuchs, dass das die schwierigste Rolle Ihres Lebens wird?

Ferres: Nein, das habe ich vollkommen unterschätzt. Ich dachte schon, dass es eine große Herausforderung wird. Aber wie belastend das jeden Tag auch nach Drehschluss war, konnte ich nicht ahnen. Man schaut ganz anders aufs Meer, ich konnte auch nicht mehr hinein gehen.

Haben Sie jetzt noch am Schicksal von Frau Cramer und den Dreharbeiten zu knabbern?

Ferres: Ganz sicher. Wenn sich diese Geschichte ein Drehbuchautor ausgedacht hätte, hätte ich gesagt: So ein Kitsch, das spiele ich nicht. Das glaubt doch kein Mensch. Weil ich wusste, dass es wirklich passiert ist, war ich atemlos. Wie stark muss der Überlebenswillen dieser zwei Menschen sein, die am gleichen Tag zur gleichen Sekunde ihre geliebten Ehepartner und die kleinen Kinder verloren haben? Heute leben sie zusammen und haben eine gemeinsame Familie gegründet. Das ist ein unfassbares Schicksal, das das Leben schreibt. Bewundernswert und faszinierend.

Bei der ersten Begegnung mit Billi Cramer waren Sie tatsächlich sprachlos. Wie hat sich Ihr Verhältnis verändert?

Ferres: Wir sind einkaufen gegangen. Wir haben Kleider anprobiert. So haben wir über etwas anderes geredet und uns kennen gelernt. Dann hat sie angefangen zu erzählen. Sie ist eine sehr schöne, feine, faszinierende Frau. Eigentlich von Grund auf fröhlich und gleichzeitig ein emotionaler Vulkan mit viel Temperament. In der Emotionalität sind wir uns durchaus nah. Sie liebt Pferde, reitet jeden Tag. Die Beziehung und die Nähe zur Natur gibt ihr Kraft. Wenn sie in den Himmel schaut und die Schönheit der Natur sieht, kann sie sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen.

Was war daran schwierig, diese Frau darzustellen?

Ferres: Die Gratwanderung auf der einen Seite Billi Cramer sehr nah kommen zu müssen, um sie spielen zu können. Und andererseits will man jemandem nicht zu nahe kommen und ihr mit sehr viel Respekt aus der Distanz begegnen. Das Unvereinbare zu vereinbaren hat mich sehr gereizt.

Gab es besonders aufwühlende Szenen?

Ferres: Der Moment als wir zum Tempel hochkommen und da liegen die drei Leichen. Als ich das Motiv mit den Leichen zum ersten Mal gesehen habe, war ich geschockt. Ich bin wieder in den Wohnwagen, weil ich damit nicht umgehen konnte.

Wie war es für Sie, den fertigen Film dann zu sehen?

Ferres: Es war beklemmend. Ich bin froh über die wunderbare Regisseurin Christine Hartmann, die eine strukturierte Klarheit hat und sehr zurückgenommen inszeniert. Jede Träne, die zu viel geweint ist, wäre fatal. Es ist keine typische Geschichte, wie man sie kennt mit Vorspiel, Hauptakt und Nachspiel. Der dramaturgische Bogen besteht aus den Irrungen und Wirrungen der Figuren. Jeder entwickelt sich in eine andere Richtung, bis die beiden irgendwann zusammenkommen. Es ist kein normaler Film, er ist unvorhersehbar.

Sie sollen auch mit einem Seelsorger über die Dreharbeiten gesprochen haben. Stimmt das?

Ferres: Ja, ich habe mit ihm vor den Dreharbeiten alles erarbeitet und durchgesprochen, wenn ich irgendwelche Frage hatte. Das Gleiche habe ich mit einem Rettungssanitäter und einer Traumatherapeutin gemacht. Es war mir wichtig, zu wissen, wie ein Mensch in verschiedenen Stadien eines Traumas reagiert. Sonst hätte ich das Verdrängen auch nicht so heiter gespielt. Als Billi Cramer einen Freund in Deutschland anruft und sagt: «Ach, der Burkhard, der ist doch Bodyguard, dem passiert schon nichts, der kommt überall klar.»

Billi Cramer oder die Mutter von Marco Weiß - wie ist es, eine Figur zu spielen, deren Vorlage tatsächlich existiert?

Ferres: Natürlich ist es anders, etwas Fiktionales zu spielen. Man ist unbefangen und frei. Bei einer Rolle, wie Die Frau vom Checkpoint Charlie (ARD, 2007) oder bei Marco W. (Sat1, 2010) hat man eine andere Verantwortung, weil es diese Menschen gibt. Man will ihnen gerecht werden. Aber wenn es sich dann noch um eine zeitgenössische Figur handelt, in deren Geschichte sechs Menschen verstorben sind, hat die Verantwortung eine ganz andere Dimension.

Können Sie sich erklären, wie Billi Cramer mit diesem Schicksal weiterleben kann?

Ferres: Ich bin mir sicher, dass nicht so starke Persönlichkeiten wie Billi Cramer und Michael Schäffer daran zerbrochen wären. Manche Überlebende haben sich noch Jahre nach dem Tsunami umgebracht, weil sie nicht damit klarkamen, dass sie Angehörige verloren haben.

Würden Sie noch Urlaub in Thailand machen?

Ferres: Auf einem Berg ja, direkt am Ufer nein. Bei den Dreharbeiten war meine Familie dabei und es war ganz schwierig für mich, wenn wir weiter weg gedreht haben. Ich habe oft angerufen und gefragt: Wie ist es? Alles gut? Ich hatte einfach Angst. Natürlich ist das total irrational. Die Wahrscheinlichkeit, dass das wieder passiert, ist klein. Ich habe durch eigene Recherche herausgefunden, wo das Hotel von damals ist. Es lag direkt neben unserem. Diese Nähe war gespenstisch. Frau Cramer und Herr Schäffer möchten auch nicht, dass man sagt, wo es liegt. Denn sie wollen den voyeuristischen Tourismus verhindern.

Ihre Familie war mit am Drehort. Darf Ihre Tochter alle Ihre Filme sehen?

Ferres: Nein, den nicht.

Warum nicht?

Ferres: Ich finde es nicht richtig, dass ein zehnjähriges Kind die Mutter in solchen Situationen erleben muss. Das erkläre ich ihr und sie versteht das auch.

Können Sie sich noch an die Katastrophe 2004 erinnern und was die Fernsehbilder in Ihnen ausgelöst haben?

Ferres: Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Wir waren in München, als es hieß, Burkhard Cramer ist gestorben.

Sie kannten den Mann von Billi Cramer?

Ferres: Nicht persönlich. Ein Freund von mir, Thomas Herbst, hatte zusammen mit Burkhard Cramer eine Sicherheitsfirma. Ich hatte Michael Schumacher in seinem Haus in Südfrankreich besucht. Er erzählte mir, dass er einen neuen Sicherheitsmann sucht. Und da habe ich Thomas Herbst angerufen, der mir seinen Kompagnon empfahl. Ich habe praktisch Burkhard Cramer den Job bei Michael Schumacher vermittelt.

Tsunami - Das Leben danach ist wieder ein Melodram. In einem früheren Interview mit einer meiner Kolleginnen haben Sie gesagt, Sie wollen wieder mehr Komödien drehen ...

Ferres: Ja, ich komme gerade von einer wunderbaren Komödie (ZDF/ORF, Die kleine Lady). Es ist die Neuverfilmung vom Kleinen Lord. Ich spiele eine Suffragette, eine Frauenrechtlerin im New York von 1890, die sehr komisch ist. Ich singe Arien, halte Reden für das Wahlrecht der Frauen mit erhobenem Rock auf einem Tisch. Ich zünde mir an der Schulsohle das Streichholz für meine Zigarette an, ich trinke Bier, boxe und bringe der Kleinen Lady all das bei, was sie auf dem Schloss der verbitterten Großmutter später zu einem selbstbewussten Menschen macht.

Veronica Ferres (Jahrgang 1965) gehört zu den bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands. Ihre Hauptrolle in Das Superweib machte sie 1996 einem großen Publikum bekannt. Seitdem spielte sie in zahlreichen TV-Filmen wie Die Frau vom Checkpoint Charly und Das Geheimnis der Wale mit. Zuletzt war sie in dem Film Die lange Welle hinterm Kiel zu sehen. Ferres ist Mutter einer Tochter und seit 2009 mit dem deutschen Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer liiert.

boi/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • jotis
  • Kommentar 1
  • 06.02.2012 14:06
 

Wieviel Prozent der Menschen im deutschsprachigen Raum haben diese Probleme (etwa Michael Schumacher einen Sicherheitsmann zu vermitteln)? Es wäre deshalb angeraten, den filmischen Aufwand diesem Verhältnis anzupassen. Wenn Frau Ferres mit den Folgen einer Naturkatastrophe nicht zurecht kommt, weil es ihresgleichen getroffen hat, ist das bedauerlich und zeigt die Begrenztheit der Dame. Vielleicht versucht sie es ja mal mit H-IV.

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