Von news.de-Redakteur Andreas Schloder - 09.07.2010, 11.20 Uhr

Borreliose: Auf qualvollen Irrwegen

Depression, Bandscheibenvorfall, Sehstörungen, Arthrose: Das alles wird ausgelöst durch einen einzigen Biss – dem der Zecke. Werden die übertragenen Borreliose-Bakterien zu spät erkannt, steht den Betroffenen ein schmerzhaftes Leben bevor.

Eine runde Errötung ist ein klares Anzeichen für einen Zeckenbiss, bei dem Borrelien übertragen wurden. Bild: istockphoto

Kein anderer Blutsauger sorgt in Deutschland mit einem kleinen roten Einstich für solch fatale Folgen: Während es gegen die von Zecken übertragenen FSME-Viren einen effektiven Impfschutz gibt, sucht man beim Borreliose-Erreger vergeblich. Etwa jede fünfte Zecke soll die Bakterien in sich haben.

Da die gefährliche Erkrankung nur in Berlin und den neuen Bundesländern meldepflichtig ist, geht das Robert-Koch-Institut von bis zu 60.000 Neuinfektionen pro Jahr in Deutschland aus. Hochrechnungen zufolge gibt es rund eine Million Bürger, bei denen die Krankheit chronisch verläuft. Stephan S. (Name der Redaktion geändert) ist einer davon.

Der Oberbayer ist ein erfolgreicher Coach und Unternehmensberater. Auch sportlich war Stephan S. auf der Überholspur: Pro Jahr strampelte er auf dem Rad über 5000 Kilometer ab, war ein ambitionierter Bergläufer und arbeitete im Winter zusätzlich als Skitrainer.

«Die Bakterien lassen sich nicht mehr besiegen»

Jetzt ist der 48-Jährige froh, wenn er auf dem Rad 20 Kilometer am Stück schafft. Auch beruflich musste der Coach mehrere Gänge zurückschalten: Während vor der Erkrankung sein Wochenplan mit Seminaren voll gespickt war, ist er nach zwei Tagen an seiner Leistungsgrenze. «Ich muss mich damit abfinden. Die Bakterien lassen sich nicht mehr besiegen», erklärt Stephan S. gefasst.

Sein Martyrium begann vor rund zwölf Jahren, als nach einem Bandscheibenvorfall auch ein erhöhter Wert an Borrelien im Blut gemessen wurde. Doch dieser war so gering, dass ihm keine weitere Beachtung geschenkt wurde. «Wenn man gerade in Bayern viel Freizeit im Freien verbringt, wird man schon öfters von einer Zecke gebissen. Aber eine rote Einstichstelle als Anzeichen für eine Borreliose-Infektion habe ich nie an mir bemerkt», so der Oberbayer.

Auch nach dem Bandscheibenvorfall hatte Stephan S. starke Schmerzen, die er aber mit einem gezielten Rückentraining wieder in den Griff bekam. Scheinbar: Denn vor drei Jahren ging es bei ihm sowohl auf der Arbeit als auch im Sport richtig bergab: «Ich konnte mich gar nicht mehr konzentrieren, war höchstens nur einen halben Tag lang belastbar und kämpfte mit starken Kopfschmerzen. Die hatte ich noch nie», schildert Stephan S. die Symptome. Das Leistungstief im Sport war für ihn noch ungewohnter und schmerzhafter: «Hitzeschübe, Lymphschwellungen und Muskelschmerzen, als hätte ich Glasscherben drinnen.»

Der Diagnose-Marathon begann – und nahm kein Ende. «Als ich nach dem Sport so grippeähnliche Symptome und geschwollene Lymphknoten überall am Körper hatte, interpretierten die Ärzte, dass ich am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt bin. Sie hatten mir daraufhin über drei Monate lang absolute Ruhe verordnet. Als ich danach wieder Sport machte, kamen die Symptome in der gleichen Intensität zurück», schildert der Personalcoach.

Selbst eine 80-Jährige hatte acht Mal bessere Hirnströme

Als wäre die ungeklärte Suche nach der Erkrankung nicht schon Belastung genug gewesen, machte ihm auch noch seine Krankenkasse wegen den Krankheitstagen zu schaffen. Diese verwies Stephan S. zu einem Vertrauensarzt. Befund: «Klassische Depression, das war für mich ein absoluter Schock.»

Erst der Besuch beim Neurologen im Sommer vergangenen Jahres brachte die Gewissheit: Beim 48-Jährigen wurden die Hirnströme gemessen. Bei einem gesunden Menschen beträgt die Leistung im Durchschnitt 250 Millihertz. Bei Stephan S.: 30 Millihertz. «Vor meiner Analyse war eine 80-jährige Frau zur Untersuchung, die laut dem Arzt einen achtfach höheren Wert als ich hatte und damit im Normalbereich war.» Das zeigt, wie derart fortgeschritten die Entzündungsherde sich auf seinen Körper ausgewirkt hatten.

So schlimm die Diagnose auch war, so erleichtert war auch der 48-Jährige. «Es war gut zu wissen, dass es doch eine Krankheit war - und keine Einbildung. Das machte es auch für mich in meinem Umfeld leichter.»

Aber gesundheitlich stellte sich keine Besserung ein. Im Gegenteil: Um die Borreliose-Bakterien zu bekämpfen, die durch komplexe, aufeinander abgestimmte Vorgänge das Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringen, wenden die meisten Ärzte eine Behandlung mit Antibiotika an. «Normalerweise soll die Antibiose ganze drei Monate andauern. In meinem Fall waren es neun Monate», schildert der 48-Jährige. Die starken Medikamente lösten bei ihm massive Magenbeschwerden aus. «Das würde ich nie wieder machen. Doch ich kann nur für mich sprechen. Denn nichts ist so individuell wie die erfolgreiche Behandlung von Borreliose», so der Betroffene.

Das Einzige, was Stephan S. hilft, ist, ein starkes Immunsystem aufzubauen, das den Erregern wenig Spielraum zur Entfaltung gibt: so oft wie möglich an der frischen Luft bewegen, viel trinken und den Körper entgiften. Er hat dies mit ätherischen Ölen und Heilerde schon ausprobiert und fühlte sich danach besser. Selbst der Ernährungsplan wurde komplett umgestellt: Auf dem Speiseteller ist beispielsweise Rote Beete unverzichtbar geworden, die den Körper von innen reinigt. «Man muss hart an sich arbeiten, zugleich aber auch ein Gespür entwickeln und auf die Warnsignale des Körpers hören, wann die Belastung zu viel wird. So kann ich trotz Borreliose ein relativ unkompliziertes Leben führen», erklärt der 48-Jährige. 

kat/ivb/news.de

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