Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 08.03.2010, 18.56 Uhr

Hormondiät: Aufs Zunehmen programmiert

Abnehmen hat Hochsaison während der Fastenzeit. Da kommt das Buch von Internist und Ernährungsmediziner Detlef Pape gerade zur rechten Zeit. Die Hormonformel: Wie Frauen wirklich abnehmen heißt es. Doch darin sind alte Thesen nur neu verpackt.

Frauen speichern ihr Fett an Po und Oberschenkeln, von wo es (leider) nicht mehr so leicht verschwindet. Bild: Istockphoto

Beim Abspecken kennt die Natur keine Gerechtigkeit. Männer haben es viel leichter als Frauen. Nach Schlemmertagen genügen ihnen in der Regel ein paar Fastentage und schon haben sie wieder ihr Normalgewicht. So zeigt sich die Situation zumindest aus Sicht von Frauen. Die Damen müssen sich dagegen meist richtig anstrengen, um überflüssige Pfunde wieder loszuwerden.

«Schuld daran ist der weibliche Hormonhaushalt», sagt Dr. Detlef Pape. Genauer: Die Geschlechtshormone Östrogen, Gestagen und Testosteron sind verantwortlich dafür, «wenn Frauen schon seit ihrer Kindheit zu viel Gewicht mit sich herumschleppen, zyklusbedingt zunehmen, nach einer Schwangerschaft auf ihrem Babyspeck sitzen bleiben oder im Lauf der Wechseljahre oder Menopause dick werden». Aber, so behauptet Pape, «jede Frau hat es selbst in der Hand, ihren eigenen Hormonhaushalt positiv zu beeinflussen und ihr Gewicht ins Lot zu bringen». Wie das gehen soll? Mit der Hormonformel, die Pape gemeinsam mit der EndokrinologinDie Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen Dr. Beate Quadbeck aufgestellt hat.

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Hinter der Hormonformel verbirgt sich nichts anderes als die Insulintrennkost, die darauf abzielt, die Ernährung an den menschlichen Biorhythmus anzupassen: Morgens füllen Kohlenhydrate die über Nacht geleerten Glukosedepots, mittags sind Kohlenhydrate und Eiweiß erlaubt (dann darf auch genascht werden), und abends kurbelt Eiweiß die nächtliche Fettverbrennung an.

Mit Schlank im Schlaf Kasse gemacht

Kommt einem irgendwie bekannt vor? Richtig! Denn die Insulintrennkost basiert auf der inzwischen 100 Jahre alten Hayschen Trennkost und ist auch der Schlüssel zu Schlank im Schlaf. Dem Ernährungsprogramm hat Pape in den vergangenen Jahren gleich mehrere Bücher gewidmet und damit ordentlich Kasse gemacht. Mit seinen mittlerweile vier Schlank-im-Schlaf-Büchern – neben dem Standardwerk gibt es eine Ausgabe für Berufstätige, ein Kochbuch und einen 4-Wochen-Power-Plan - führt Pape die Bestsellerlisten der Ratgeber rund um das Thema Abnehmen an. Auch der Hormonformel dürfte ein ähnlicher Erfolg beschert sein.

Zugegeben: Das Buch liefert reichlich Stoff für vergnügliche Frauenabende. Teilt Pape die Abnehmwilligen bei Schlank im Schlaf in Ackerbauern und Nomaden ein, wird auch im Hormonbuch gleich als erstes der Typ bestimmt. Hier zeigt sich Papes Drang, alle Menschen irgendwie zu kategorisieren. Die Frauen lassen sich dem Mediziner zufolge in Östrogen-, Gestagen- und Testosteron-geprägte Typen einteilen. Der Körperbau verrät, welche Hormone für die Figur verantwortlich sind.

So zeichnet die typische «Sanduhrfigur» oder «Birnenform» den Östrogen-Typ aus. Diese Frauen neigen zu Cellulite und zu Wassereinlagerungen vor der Menstruation – und zu Fürsorglichkeit und Häuslichkeit. Zu viel Östrogen, so der Diät-Arzt, kann aber auch ganz schön wütend machen, und dann wird die sanfte Mutter zur Furie. Muss aber alles nicht sein, wenn sich der Östrogen-Typ richtig ernährt und trainiert. «Wichtig beim Östrogen-Typus ist ein Muskelaufbautraining.» Und: «Weil diese Frauen sehr gut Kohlenhydrate vertragen, müssen sie am Abend nur auf Eiweiß pur setzen, um mit den Hormonen abzuspecken. Tagsüber ist dagegen weniger tierisches Eiweiß und Fett angesagt», sagt Pape.

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Ganz anders der Gestagen-Typus, hochgewachsene, schlankgliedrige Frauen mit eher kleinen Brüsten und schmalem Becken zählen dazu. Pape bescheinigt diesem Typ Frau eine hohe Belastbarkeit und Ausdauer sowie gute Erfolgschancen beim Lernen und im Beruf. Er empfiehlt, auf Kohlenhydrate zu verzichten: «Die Ernährung sollte aus wenig Kohlenhydraten und Fett bestehen. Dafür ist hochwertiges Eiweiß empfehlenswert.»

Hormontyp Nummer drei ist der Testosteron-Typ. Sportliche, athletische Frauen à la Madonna zählen dazu. Man könnte meinen, die hätten keine Figurprobleme – von wegen: «Das Gewicht steigt auch durch Krafttraining, die Muskelmasse nimmt zu», erklärt Pape. Und: Kohlenhydratreiche Kost ist für diese Frauen Gift, denn darauf reagiert die Bauchspeichdrüse mit hohen Insulinantworten. Das Resultat: ein dicker Bauch. Dagegen hilft neben einer eiweißreichen Ernährung viel Yoga für eine bessere Beweglichkeit.

Verbraucherzentrale: Der Schein trügt

Werden hier alte Thesen neu verpackt? Ja, meint die Verbraucherzentrale Sachsen und rät ab von «nutzlosen Tests und fragwürdigen Empfehlungen». «Wie so oft trügt der Schein auch in diesem Fall», sagt Jens Luther. Ein neuer Name finde sich anscheinend schneller als das Erstellen und erfolgreiche Testen eines neuen Konzeptes.

Die Verbraucherzentrale hat die Einteilung in Hormontypen unter die Lupe genommen und festgestellt, dass neun von zehn Frauen exakt dieselben  Empfehlungen bekommen. «Es stellt sich nun die Frage, ob der Test eine ausreichende Differenzierung ermöglicht oder ob es vielleicht an den Testpersonen lag», sagt Luther. Denn auf sie trafen die vorgegebenen und zumeist «schwammigen Antworten» nur selten zu.

Fraglich sind aus Sicht der Verbraucherschützer zudem die Lebensmittelempfehlungen. Denn obgleich ein Kalorienzählen laut Autor der Hormon-Diät unnötig sei, nehmen die Frauen ohne umfangreiches Sportprogramm höchstwahrscheinlich zu, statt ab. «Die Verteilung der Lebensmittel zeigt, dass diese Diät nichts Neues ist», kritisiert Luther. Denn ab dem Mittag soll weitestgehend auf Kartoffeln, Nudeln, Reis und Brot jeglicher Art verzichtet werden. Spätestens bei diesen Empfehlungen erkennen auch Nicht-Ernährungsexperten, hierbei handelt es sich nur um einen weiteren Vertreter kohlenhydratarmer Diäten.

«Wer erfolgreich abnehmen will», sagt Luther, «sollte vermehrt zu kalorienarmen Getränken und reichlich Gemüse greifen. Ein maßvoller Umgang mit Getreideprodukten, Obst und Fleisch oder Fisch hilft ebenso, Kalorien zu sparen, wie die Beschränkung auf eine Portion Snacks oder Süßigkeiten pro Tag», empfiehlt Luther. Ein zusätzliches Bewegungsprogramm unterstützt den Gewichtsverlust und beugt dem Jo-Jo-Effekt vor - egal welcher Hormontyp man ist.


Dr. Detlef Pape: Die Hormonformel – wie Frauen wirklich abnehmen. Gräfe & Unzer, 190 Seiten, 19,99 Euro.

mat/reu/news.de

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