Mo., 13.02.12

Brustschmerzen Wenn die Psyche aufs Herz schlägt

Artikel vom 10.03.2010

Schmerzen in der Brust haben oft keine klare Ursache. Auch wenn Mediziner Herzerkrankungen und andere organische Ursachen ausschließen, pilgern viele Patienten weiter zu Kardiologen, manchmal jahrelang. Zu einem Psychologen wagt sich kaum jemand, zeigt eine Studie.

Schmerzen, Brennen oder Stechen in der Brust: Etliche Symptome können auf Herzprobleme hindeuten und sollten unbedingt abgeklärt werden. Aber meist stammen die Probleme nicht vom Herzen. «Bei 80 Prozent dieser Patienten gibt es keinen kardiologischen Hintergrund», sagt der Kardiologe Thomas Münzel von der Uniklinik Mainz. «Brustschmerzen können extrem viele Ursachen haben.» Mitunter steckt die Lunge dahinter, manchmal der Magen, gelegentlich der Rücken - und oft die Psyche.

Auch wenn Ärzte organische Ursachen ausschließen, verschwinden die Beschwerden eher selten. Meist werden sie mit der Zeit chronisch, wie die Studie der Universität Marburg zeigt. Die Forscher beobachteten den Alltag in 74 hessischen Hausarztpraxen. Nur bei einem Drittel der 1212 Patienten, die über Brustschmerzen klagten, konnten die Mediziner die Ursache klar orten. 179 hatten Probleme am Herzen, 226 an anderen Körperteilen.

«Nicht genug Hilfe»

Das eigentliche Interesse der Wissenschaftler galt aber dem Schicksal der 800 Patienten mit unklaren Brustschmerzen. Die erfreuliche Tatsache, dass die Ärzte bei ihnen keine Erkrankungen fanden, half den meisten nicht: Nach einem halben Jahr litten noch immer 56 Prozent an den Beschwerden. Dies ist schon deshalb bedenklich, weil Schmerzen nach sechs Monaten als chronisch und damit als schwerer heilbar gelten. «Den meisten Patienten mit unspezifischen Brustschmerzen bietet die medizinische Versorgung nicht genug Hilfe», bemängeln die Marburger Forscher im renommierten Fachblatt Archives of Internal Medicine.

In dem halben Jahr suchte jeder neunte Teilnehmer mit anhaltenden Problemen wiederholt bei Herzspezialisten Rat. «Manche gingen zu 10 bis 15 Kardiologen», sagt die Psychologin Julia Glombiewski, Erstautorin der Studie. Während Dutzende Patienten Kardiologen konsultierten, wandten sich nur sechs an einen Psychologen oder Psychosomatiker. Das ist umso erstaunlicher, als die Psyche nachweislich maßgeblich zur Chronifizierung von Schmerzen beiträgt.

«Sie wollen nicht als eingebildete Kranke gelten»

«Diese Möglichkeit wird offenbar nicht gern in Anspruch genommen», folgert Glombiewski. «Das wird als Eingeständnis betrachtet, dass man nichts Echtes hat.» Peter Henningsen von der Technischen Universität München kennt diese Scheu. «Vielen Patienten bietet nur eine organische Erkrankung eine legitime Erklärung», sagt der Experte für Psychosomatik. «Sie wollen nicht als eingebildete Kranke gelten.»

Dabei haben viele psychosomatische Beschwerden wenig mit Einbildung zu tun. Inzwischen kennen Forscher etliche Mechanismen, wie die Psyche die Körperwahrnehmung beeinflusst. Den Verdacht, jede psychosomatische Störung verberge eine verkappte Depression oder Angsterkrankung, teilen die meisten Experten nicht.

Oft liegen die Dinge komplizierter. Am Anfang vieler psychosomatischer Probleme stehe tatsächlich ein organisches Problem, glaubt Glombiewski. Erst im Lauf der Zeit gewinne die Psyche dann die Oberhand. Indem das Bewusstsein dem Körperteil mehr Aufmerksamkeit widme, wachse die Sensibilität des zuständigen Gehirnareals. «Da wird dann mehr gespürt», erläutert sie.

Unter Umständen kann auch die ständige Sorge um die Gesundheit den Körper so stark im Griff halten, dass die Daueranspannung das Herz oder andere Muskeln belastet. Aber in jedem Fall mündet die Entwicklung in einen Teufelskreis: Die Aufmerksamkeit erhält den Schmerz aufrecht, und der verstärkt wiederum die Selbstbeobachtung.

Henningsen vergleicht solche Störungen mit Problemen wie dem Reizdarm oder der Fibromyalgie. «Das sind alles heftige Beschwerden ohne klare organische Ursache», sagt er. «Solche Patienten werden jahrelang im somatischen System herumgereicht, bis sie endlich psychosomatische Hilfe bekommen.»

«Bei chronifizierten Fällen hilft meist nur eine Therapie»

Aber wie soll ein Arzt beim Verdacht auf eine pyschosomatische Ursache reagieren? Henningsen rät, die Beschwerden unbedingt ernst zu nehmen: «Wenn der Arzt sagt ‹Freuen Sie sich, Sie haben nichts›, fühlt sich der Patient nicht ernst genommen, denn er hat ja Beschwerden.» Erklärt der Mediziner dagegen sachlich, wie erhöhte Aufmerksamkeit Schmerzen verschlimmern kann, fühlt sich der Betroffene nicht zum Spinner abgestempelt. «Wir wollen unseren Patienten den Zusammenhang von Selbstbeobachtung und Schmerzen beibringen», sagt Henningsen. «Manchmal reicht das schon, um den Teufelskreis zu durchbrechen.»

Hilft auch das nicht, sollten Ärzte Patienten dazu motivieren, einen Spezialisten aufzusuchen. «Bei chronifizierten Fällen hilft meist nur eine Therapie», sagt Henningsen. «Damit können wir etwa zwei Drittel der Patienten helfen, die Hälfte davon wird wieder schmerzfrei.»

car/reu/news.de/ap
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