Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Ob jemand keinen Sinn mehr im Leben sieht und den Tod als verlockende Möglichkeit in Betracht zieht, ist für nahestehende Menschen schwer zu erkennen. Dennoch können sie manchmal einige Signale deuten und sogar eine helfende Hand reichen.
Angehörige trifft die Nachricht von einem Freitod oft völlig hilflos. Dennoch ist der Psychologe Georg Fiedler überzeugt, dass das Vorurteil, dass ein Suizid aus heiterem Himmel kommt, ein Mythos ist. «Es gibt häufig Ankündigungen», so das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Aber: «Menschen, die einem Suizidgefährdeten nahe stehen, haben es oft schwer zu helfen», sagt Fiedler. Denn der Auslöser für den Freitod steckt oft in den Beziehungen selbst. Deshalb verspreche professionelle und neutrale Hilfe von außen den meisten Erfolg.
Das große Problem: Selbst im Gespräch mit einem Arzt können die Betroffenen das Problem häufig gar nicht richtig artikulieren. Die Gefahr des Freitodes ist somit nicht klar und Hilfsmaßnahmen können gar nicht in Gang gesetzt werden. Dennoch gibt es einige Alarmsignale, die Angehörige aufhorchen lassen sollten. «Wenn sich jemand immer weiter zurückzieht, Beziehungen abbrechen lässt und wenn sich jemand verstärkt mit dem Tod auseinandersetzt, dann sollte man versuchen zu helfen», sagt Fiedler.
Wer dann versucht Kontrolle auszuüben und den Betroffenen geradezu einsperrt, um einen möglichen Suizid zu verhindern, erreicht vermutlich das Gegenteil. Auch einfach alle spitzen Gegenstände oder Tabletten zu verstecken, dürfte nur wenig bringen. «Wer sich wirklich das Leben nehmen will, der kann sich Tabletten auch neu besorgen», gibt der Psychologe zu bedenken.
Stattdessen sollten die Sorgen und Vermutungen idealerweise direkt angesprochen werden. «So könnte man etwa das Gespräch damit beginnen, dass man den Eindruck hat, dass derjenige so wirkt, als wolle er gar nicht mehr leben. Oder von den Sorgen sprechen, die man sich macht», rät Fiedler. Direkt zu fragen, ob jemand seinen Selbstmord plant, wäre dagegen zu sehr mit der Tür ins Haus gepoltert. Egal welches Problem den Betroffenen an den Rand der Lebensmüdigkeit treibt: «Nur nicht trivialisieren», warnt Fiedler. Stattdessen muss man zuhören können und die Krise sehr ernst nehmen. «Das ist die Grundvoraussetzung dafür, helfen zu können.» Wer versucht zu zeigen, dass doch alles gar nicht so schlimm ist, erreicht gar nichts.
Aber: Der Partner, eine Freundin oder die Mutter sind keine Therapeuten und sollten diese Bürde auch nicht auf sich nehmen. «Die Gefahr, dass sich die Ebenen vermischen, ist einfach zu groß.» Stattdessen muss der nächste Schritt sein, sich neutrale Hilfe von außen zu haben.
Statistik hilft im Einzelfall wenig
Es gibt zwar einige Faktoren, die statistisch dafür sprechen, dass jemand besonders suizidgefährdet ist. So etwa psychiatrische Erkrankungen, wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen. Doch das hilft im Einzelfall wenig, sagt Fiedler. Denn nicht jeder, der unter Depressionen leidet, ist suizidgefährdet und nicht hinter jedem Suizid steckt auch eine Erkrankung. «Das macht die Prävention so schwierig», so der Psychologe.
Häufig gehen eine frühere Traumatisierung und eine aktuelle Krise Hand in Hand. Doch was zu einer Traumatisierung in der Vergangenheit geführt hat, ist für Außenstehende nur sehr schwer zu sehen. «Manche Menschen werden durch ganz kleine Kränkungen bereits schwer verletzt, andere verarbeiten selbst massive Gewalterfahrungen vollständig und sind mit sich im Reinen», erklärt der Experte die unmögliche Kategorisierung von gefährdeten Menschen.
Die aktuellen Krisen hängen oft mit Verlusterfahrungen zusammen. Etwa durch eine zerbrochene Beziehung, den Verlust von Autonomie, etwa durch Alter oder Krankheit, oder eine Kündigung. Auch die Pubertät als krisenbehaftete Lebensphase kann Auslöser sein.
«Häufig besteht gar nicht das Problem, dass der Mensch sterben will, sondern, dass er nicht mehr weiß, wie er weiterleben soll», sagt Fiedler. In einer Therapie stelle sich deshalb vor allem die Frage, warum keine andere Möglichkeit als der Tod gesehen wird.
Wer sich Sorgen um einen potenziell suizidgefährdeten Menschen macht, über ein Gespräch aber nichts erreichen kann, sollte, auch durchaus ohne den Betroffenen im Schlepptau, eine Beratungsstelle aufsuchen. Fiedler: «Dort kann man dann ganz individuell Wege finden.» Da es nicht überall solch spezialisierte Anlaufstellen gibt, wie sie auf der Seite des Nationalen Suizid Präventionsprogramms aufgelistet zu finden sind, können auch der Hausarzt oder in den Nachtstunden die Abteilung einer psychiatrischen Ambulanz, wie es sie in vielen Krankhäusern gibt, weiterhelfen. Wichtig sei für Angehörige zu verstehen, dass sie keine Schuld an einem Selbstmord tragen. «Dennoch geben sie sich oft die Schuld», habe Fiedler die Erfahrung gemacht.
Jedes Mal, wenn ein Selbstmord prominent und detailliert in den Medien dokumentiert wird, steige zusehens durch Nachahmungstaten die Selbstmordrate. «Das ist der Werther-Effekt», sagt Fiedler. Den Namen bekam das Phänomen durch die ungewöhnliche Selbstmordwelle unter jungen Männer, die Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers im Erscheinungsjahr 1774 auslöste. Der Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke bereitet Fiedler deshalb auch große Kopfschmerzen. «Man kann nicht ausschließen, dass es nun wieder zu gehäuften Suiziden dieser Art kommt», befürchtet er.
Laut DGS tötet sich in Deutschland rein statistisch alle 47 Minuten ein Mensch selbst. Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes starben im vergangenen Jahr 9331 Menschen durch Selbsttötungen, 2007 waren es 9402 Personen. Die Zahl der Suizidversuche liegt nach DGS-Schätzungen mit etwa 100.000 pro Jahr weit höher. Die Gesellschaft hatte erst kürzlich bemängelt, dass das Problem der Selbsttötung etwa im Vergleich zu tödlichen Verkehrsunfällen, die 2008 bei 4477 lag, viel zu wenig beachtet werde.
car/news.de
Meine Schwester wollte sich vor 10 Jahren das Leben nehmen. Inzwischen ist Sie Rentnerin die Familie steht voll und ganz hint ihr, aber es ist immer noch nicht genug. Trotz Therapie und in ständigem Kontakt mit dem Psychologen, Maltherapie, Medikamenten der Mann und der Sohn können bald auch nicht mehr. Manchmal denke ich dass es besser gewesen wäre, wenn man Sie nicht gerettet hätte. Wie kann ich helfen? Immer wieder möchte sie sich komplett aus der alltäglichen Veeranwortung ganz rausziehen und am Liebsten in eine Klinik hocken, 3 mal warmes am Tag und rauchen. Ist das noch Leben?
jetzt antwortenKommentar meldenMan sollte Menschen ihre Rechte lassen. Viele junge Menschen Anfang Mitte 20 haben genug Gefühl für sich um sich auszurechnen wie ihr weiteres Leben verlaufen wird - und das: Möchten sie so nicht. Wirklich gute Therapeuten gibt es nicht Viele. Wirklich gute Therapien setzen Ansprüche an das Lebensalter an die Intelligenz den Charakter, die seelische sonstige Gesundheit um Grundsatzfragen überhaupt sinnvoll bearbeiten zu können. Und das erfordert Zeit und wahrscheinlich auch Geld. Oft liegen die Probleme ganz klar scheinbar auf der Hand. Das führt dann oft auch noch zu Ungeduld.
jetzt antwortenKommentar meldenHilfe - helfen gehören zu den schwierigsten und kompliziertesten Sachgebieten. Es geht wenn überhaupt nur: Wenn der Betroffene dieses wünscht. Sich mit sich selber auseinander setzt. In den meisten Fällen wären Paartherapien angesagt oder Familientherapien. Dazu sind die die es angehen würde aber nicht bereit. Eine/n Schuldige/n zu finden ist einfacher. Eine/r agiert die Probleme der Anderen aus. Oder bekommt sie aufgehalst. Für Suizid entscheiden sich Betroffene wenn ihnen klar ist, dass das Leben nichts mehr bereit hält halten kann in dieser Gesellschaft oder nachdem was vorgefallen ist.
jetzt antwortenKommentar meldenOb die Statistiken stimmen wissen wir nicht. Wir können nicht beurteilen oder im nachhinein genau feststellen was Unfall und was Mord oder was wirklich freiwillige Selbsttötung war. Hinzu kommt: Das Viele sich sicher Hilfe suchen würden - würden sie nicht gleichzeitig als "krank" "seelischkrank" eingestuft was die Folge hat: Die soz. Umgebung ist ab sofort gesund denn "krank" ist ja die oder der was zu weiteren Frechheiten wie Fehlhandlungen/Reaktionen führt. Gar zum Verlust der Rechte oder des Erbes usw. Benehmen, Höflichkeit, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Distanz, Etikette wären ausreichend
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