Von news.de-Redakteurin Katharina Peter - 04.09.2009, 18.09 Uhr

Histamin-Intoleranz: Rotwein und Schokolade sind tabu

Der Kopf dröhnt, die Nase ist dicht und das Herz rast. Wer würde bei diesen Symptomen vermuten, dass der Schluck Rotwein, das Stück Schokolade oder der Thunfisch im Salat schuld ist. Grund ist die Histamin-Intoleranz.

Wer Rotwein nicht verträgt, hat wahrscheinlich eine Histaminintoleranz. Bild: dpa

Histamin ist ein Entzündungstoff, der im Körper produziert wird und dort einige Funktionen erfüllt. So ist der Stoff etwa zuständig für die Magensaftproduktion und für die Blutdruckregulation. Aber Histamin spielt auch eine große Rolle bei Allergien, ist schuld am Ausschlag, wenn man mit nackten Beinen durch Brennnesseln geht, dreht Asthmatikern die Luft ab, löst als Mediator Heuschnupfen aus und kann verantwortlich sein für einen anaphylaktischen Schock bei Wespenstichen oder Medikamenten.

Auch See- und Reisekrankheit ist auf Histamin zurückzuführen. In Sachen Ernährung ist Histamin ein Element, das beachtet werden muss und sehr vielen Menschen Schwierigkeiten bereitet in Form von einer Histaminintoleranz.

Von dieser Erkrankung wird gesprochen, wenn ein Mißverhältnis zwischen Histamin und dem Enzym Diaminooxidase (DAO) besteht, welches für den Abbau zuständig ist. Wird Histamin zusätzlich zum körpereigenen Stoff über Lebensmittel zugeführt, kann es zu einem Überschuss kommen, der nicht mehr verarbeitet wird, erklärt Professor Reinhart Jarisch vom Floridsdorfer Allergie Zentrum in Wien.

FOTOS: Histamin-Intoleranz Vorsicht vor Rotwein, Schokolade und Hartkäse

Die meisten Symptome, die mit der Erkrankung einhergehen, sind häufige Kopfschmerzen und Migräne, aber auch angeschwollene Nasenschleimhäute. «Man sieht das oft im Restaurant», erläutert Jarisch. «Die Leute fangen an zu essen und schnäuzen sich dann. Auch Herzrhythmusstörungen in Form von Herzrasen, Asthmaanfälle sowie Durchfälle und Blähungen können auf eine Histaminintoleranz hindeuten.

Einige Frauen bekommen zudem Gebärmutterkrämpfe, weil dort Histaminrezeptoren am Organ liegen. «Das ist ein ganz brutaler Schmerz», sagt Jarisch. Weitere Signale, die eine Histaminintoleranz vermuten lassen könnten, sind ein niedriger Blutdruck sowie eine Empfindlichkeit gegenüber Narkose- und Röntgenkontrastmitteln.

Reifeprozess bedeutet Histamin

Ausgelöst werden diese vor allem durch Lebensmittel, die einen Reifeprozess durchlaufen, da bei der Lagerung Histamin durch Bakterien entsteht. So stehen etwa Hartkäse, Salami, geräucherter Fisch und Schinken sowie Thunfisch ganz oben auf der Tabuliste. Aber auch Tomaten, Spinat und Schokolade sowie Rotwein werden ganz schlecht vertragen. «Wenn man Rotwein nicht verträgt, dann ist das schon ein sehr starker Hinweis darauf, dass man wahrscheinlich an Histaminintoleranz leidet», so Jarisch.

«80 Prozent der Patienten, die wir hier haben, sind Frauen. Typischerweise im Alter von 40 Jahren, plus minus fünf Jahre», sagt der österreichische Mediziner. Diese Verteilung komme zustande, obwohl Frauen mit den histamintypischen Symptomen viel seltener zum Arzt gehen würden. «Frauen sehen Kopfschmerzen einmal pro Woche als normal an», sagt Jarisch. «Das ist aber nicht normal. Jeder Mann würde da ausflippen und glauben er hätte einen Gehirntumor.»

Wer an Histaminintoleranz leidet, der kann die Symptome bereits durch Meiden der entsprechenden Lebensmittel abstellen. Auch die Einnahme eines Antihistaminikums hilft. «Etwa wenn man im Restaurant nicht weiß, was man genau bekommt», empfiehlt der Mediziner mit dem in der Apotheke rezeptfreien Medikament vorzusorgen.

Aber auch vor einer Operation hält Jarisch die Gabe von Antihistamin für sinnvoll. Denn: Narkosemittel gehören zu den sogenannten Histaminliberatoren, die das Freisetzen von Histamin begünstigen. Deshalb vertragen Menschen mit Histaminintoleranz Narkosen sehr schlecht und müssen sich nach einer Operation häufig erbrechen. Jarisch: «Warum das Antihistaminikum nicht immer verabreicht wird, ist mir ein völliges Rätsel.» Schließlich sei dies nicht teuer und das Mittel habe weder Risiken noch Nebenwirkungen und könne im Zweifelsfall ohne Bedenken jeden Tag eingenommen werden. «Das ist nie falsch», sagt Jarisch und fügt hinzu: «Man sollte das ‹Vater Unser› ändern in ‹Unser täglich Antihistaminikum gib uns heute›.»

Jarisch entwickelt ersten Test

Aufgrund dieses Zusammenhangs zwischen Histamin und DAO hat Jarisch als erster einen Test entwickelt, in dem die Erkrankung nachgewiesen werden kann. Dieser funktioniert, indem man die Spiegel von Histamin und DAO misst und dann etwa zwei Wochen lang eine strenge histaminfreie Diät hält. Anschließend werden die Spiegel erneut bestimmt. Hat sich das Verhältnis durch das Essverhalten gebessert, liegt eine Intoleranz vor.

Aber Histamin ist nicht nur ein Stoff, der unangenehme Symptome auslösen kann. Bei einem Experiment, das vor einigen Jahren in Innsbruck durchgeführt wurde, so erzählt Jarisch, hat man bei Schweinen das histaminabbauende Enzym DAO komplett blockiert. Die Tiere starben alle an Kreislaufversagen.

Wird Histaminintoleranz nicht diagnostiziert und verläuft die Ernährung völlig falsch, dann kann die Erkrankung richtig gefährlich werden, warnt der Experte. So sind Todesfälle aufgrund von Fischvergiftung auf den Anteil von Histamin im verdorbenen Fisch zurückzuführen. «Im Übermaß ist Histamin lebensbedrohlich.» Deshalb würde Jarisch auch jedem Notarzt raten, bei einer Lebensmittelvergiftung erstmal ein Antihistaminikum zu spritzen.

Jarisch setzt sich auch dafür ein, dass histaminhaltige Lebensmittel, wie etwa Rotwein oder bestimmte Käsesorten, etikettiert werden sollten, damit jeder Verbraucher erkennen kann, welchen Histamingehalt das Nahrungsmittel hat. «Das ist nämlich sehr unterschiedlich und derzeit kann niemand sehen, wo wie viel drin ist. Diese Angabe gehört da drauf»

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