Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 26.06.2009, 15.16 Uhr

Vom Herz bis zur Nase: Krankenakte Michael Jackson

«Heal The World» - die Welt zu retten, war sein Ziel. Sich selbst konnte er nicht retten. Michael Jackson starb vermutlich an einem Herzstillstand. Ursache bislang unbekannt. So rätselhaft wie sein Tod ist auch die Krankheitsgeschichte, die er hinterlässt.

Michael Jacksons Haut wurde immer bleicher. Als Grund nannte er die Weißfleckenkrankheit. Bild: dpa

Dass Michael Jackson körperlich gebrechlich war, konnte jeder sehen, der sich gerne TV-Bilder anschaut. Im vergangenen Sommer wurde der King of Pop im Rollstuhl durch eine Einkaufsmeile geschoben. Und im März, als er auf einer Pressekonferenz in London sein Konzertcomeback ankündigte, fragte sich die Welt: Schafft er das überhaupt körperlich? Denn Jacksons Auftritt war äußerst kurz, er wirkte unsicher, kraftlos und ferngesteuert. Groß muss der Leistungsdruck gewesen sein, der auf ihm lastete. Er war ja seit zwölf Jahren nicht mehr aufgetreten. War er daran zerbrochen?

Immer wieder hatte es Spekulationen um eine ernsthafte Erkrankung gegeben. Vor den für Juli geplanten Konzerten in London hatte ein Ärzteteam den Popsänger mehrere Stunden untersucht und danach öffentlich verkündet: «Michael Jackson ist kerngesund.» Wobei diese Ärzte von den Konzertveranstaltern bestellt waren. Wollten sie gut Wetter für den Vorverkauf machen?

In Jacksons Umfeld reagierten einige nicht überrascht auf den Tod: Brian Oxman, Anwalt der Jackson-Familie, sagte, der Tod sei nicht unerwartet gekommen. Jackson habe verschreibungspflichtige Medikamente genommen, im Zuge der Vorbereitung auf die London-Konzerte. In erheblichem Umfang, auch auf Druck der Veranstalter, so der Vorwurf der Jackson-Familie. Ob es eine falsche Dosierung war oder gar bewusster Missbrauch, bleibt abzuwarten.

Für Experten ist denkbar, dass die Medikamente die Ursache für Michael Jacksons Herzstillstand waren. «Anti-Depressiva und Psychopharmaka können Auswirkungen auf den Herzrhythmus haben», sagt Martin Linke vom Berufsverband der Fachärzte für Kardiologie. Das gelte auch für zahlreiche andere Medikamente wie Betablocker.
Deren Wirkung auf die Herzfrequenz sei durchaus gewollt, erklärt Linke. Aber eine Überdosierung könne zur tödlichen Gefahr werden. Nicht auszuschließen sei auch, dass Jackson Aufputschmittel genommen hat, die sich ebenfalls auf den Herzrhythmus auswirken und gerade in Verbindung mit anderen Medikamenten gefährlich sein können.

Linke glaubt zudem, dass Jackson bei den Vorbereitungen auf seine Bühnenshow «wahnsinnig im Stress war» und durch vermehrtes Schwitzen bei körperlichem Training zu wenig Kalium im Blut hatte. «Auch das könnte gefährlich geworden sein», sagt Linke. Aber auch eine Herzerkrankung, die bislang nicht entdeckt wurde und plötzlich zum Ausbruch gekommen ist, wäre nach Ansicht des Mediziners möglich.

Michael Jackson war mindestens seit seiner Jugend anfällig für Krankheiten. Er litt unter starker Akne sowie unter Fieber- und Schwächeanfällen, hatte Nieren-, Leber- sowie Magen-Darm-Probleme und klagte im Jahr 2002, eine Spinne habe ihn in den Fuß gebissen. Eine Rippenprellung, ein Stimmbandschaden und mehrere Knochenbrüche – die Krankenliste ist endlos und vermutlich Ausdruck seiner angeschlagenen Psyche.

Jackson hatte kein Problem, öffentlich zu machen, dass er viele Jahre seines Lebens sehr unglücklich war. Das Unglück begann bereits in seiner Kindheit, die gezeichnet war von hartem Training und brutaler Erziehung.

Der Musiker hatte zudem große Angst vor Ansteckung und trug zum Schutz vor Viren und Bakterien häufig Handschuhe und eine Maske vor Mund und Nase. Mit letzterer war er zu Lebzeiten selten zufrieden. Ungefähr Anfang der 1980er Jahre unterzog er sich der ersten kosmetischen Operation, der weitere Eingriffe folgten. Nicht nur die Nase ließ er verändern, auch Kinn und Wangenknochen entsprachen nicht seinem Schönheitsideal.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Jackson ein Dysmorphoph gewesen ist

Professor Volker Faust, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, sieht in Michael Jackson das Paradebeispiel eines Dysmorphophoben: eines Menschen, der sich selbst hässlich findet und dies partout ändern möchte - ohne je ein Ende zu finden. Betroffene glauben etwa, ihre Nase sei grässlich geformt - obwohl Mitmenschen sie als ganz normal empfinden.

Helfen könnten nur Psychiater oder Psychologen, erläutert Faust. Die aber würden von Dysmorphophoben meist gemieden, da sie sich nur körperlich beeinträchtigt fühlten. Stattdessen konsultieren sie Haut- , HNO- und Zahnärzte - und immer öfter auch plastische Chirurgen. Das Leiden aber gehe nach jeder OP weiter, solange nicht die seelische Störung erkannt und behandelt werde.

Jackson selbst erklärte 1993 in einem Interview mit Oprah Winfrey, sich zwei Eingriffen an der Nase und einem Eingriff am Kinn unterzogen zu haben. Er gab an, dass er aus medizinischen Gründen gezwungen gewesen sei, zusätzliche Eingriffe am Kopf vornehmen zu lassen. Bei einem Unfall mit Feuerwerkseffekten beim Dreh eines Pepsi-Werbespots habe er schwere Verbrennungen am Kopf erlitten.

Vermutungen, er habe sich die Haut aufhellen lassen, um wie ein Weißer zu wirken, stritt Jackson in dem weltweit ausgestrahlten Fernsehinterview ab. «Ich leide an einer Hautfunktionsstörung», erklärte er. Die Veränderung seiner Hautfarbe sei auf die Hautkrankheit Vitiligo zurückzuführen. Dabei handelt es sich um die unheilbare Weißfleckenkrankheit, bei der immer mehr Pigmentzellen der Haut zerstört werden. Die Haut verliert ihre natürliche Farbe, wird dünner und reagiert sehr empfindlich auf Sonnenlicht. Jackson schminkte sich – offenbar um die Flecken zu verbergen.

Viele Vitiligo-Kranke leiden unter ihrem Aussehen. Sie fühlen sich ausgestoßen, gebrandmarkt und ziehen sich aus der Gesellschaft zurück. Tatsächlich wurden Betroffene früher stigmatisiert, da diese Erkrankung äußerlich Ähnlichkeit mit der Lepra hatte, die anfangs auch mit weißen Flecken einhergehen kann.

Ob Hautbleichung oder Vitiligo: Bei beidem ist das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, relativ groß. Beim 50-jährigen Popstar wurde vor einigen Wochen Hautkrebs festgestellt. Ende Mai entfernten Experten für kosmetische Medizin einige Hautpartien von Jacksons Nase und Brust, wie die Londoner Zeitung The Sun seinerzeit schrieb. Jacksons Kommentar: «Mir geht es gut.» Dann folgte die Erklärung, dass seine Londoner Konzerte im Juli um einige Tage verschoben werden müssen. «Er freut sich auf die Auftritte und will seine Fans bei jedem einzelnen Konzert ins Staunen versetzen», hieß es aus dem Umfeld des Sängers.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Jackson lässt eine trauernde Fangemeinde zurück. Und als hätte er seinen Tod vorausgesehen, verkündete er im März in London: «This is the final curtain call.» Der letzte Vorhang ist für Jackson nun endgültig gefallen.

kat

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