Von news.de-Redakteurin Katharina Peter - 12.08.2009, 16.50 Uhr

Geschlechtsangleichende Operationen: Mädchen oder Junge, das ist hier die Frage

Bis in die 1980er wurde bei «geschlechtsangleichenden Operation» bei intersexuellen Kindern vor allem auf die Machbarkeit geachtet. Oft mit psychisch tragischen Folgen. Die Entscheidung fiel meist zugunsten des weiblichen Geschlechts.

Mädchen oder Junge: Das entscheidet sich bei Intersexuellen manchmal erst auf dem OP-Tisch. Bild: news.de/pixelio

Diese Tendenz hatte zur Folge, dass Kinder, die mit Anteilen beider äußerlicher Geschlechtsmerkmale – Vagina, aber auch Penis und Hoden – geboren wurden, oft zum Mädchen umoperiert wurden. «Heute ist man da sehr viel zurückhaltender geworden», sagt Professor Rolf-Hermann Ringert, Direktor der Abteilung Urologie an der Universitätsklinik Göttingen. Denn oft entsprachen die Entscheidungen nicht dem genetischen Geschlecht des Kindes. Folge: Massive psychische Probleme bei den Betroffen.

Intersexualität beinhaltet ein sehr breites Spektrum, sodass es keinen pauschalen Umgang mit dem Thema geben kann. Es reicht von der vollen Ausbildung beider Geschlechtsorgane, was auch mit den umstrittenen Begriffen Hermaphroditismus oder Zwittrigkeit bezeichnet wird, wie Dr. Dominique Finas, Oberarzt am Universitätsklinikum für Frauenheilkunde in Lübeck sagt. Bis hin zu vorerst äußerlich nicht sichtbaren Defekten auf molekularer Ebene. Diese machen sich erst in der Pubertät bemerkbar. Wie etwa durch Bartwuchs oder Brustbehaarung bei Mädchen oder dass bei dem Jungen das Wachstum des Penis und der Hoden verhindert wird, weil das Hormon Testosteron zwar produziert wird, aber nicht wirken kann.

Die Ausprägungen dazwischen sind genauso vielfältig wie die Möglichkeiten mit ihnen umzugehen. Liegen nur kleine äußerliche Fehlbildungen vor, die genetische Geschlechtsidentität ist aber eindeutig durch einen Bluttest ermittelt und andere Defekte sind ausgeschlossen, lassen sich diese oft durch kleine operative Eingriffe beheben. Aber auch eine einfache Hormontherapie kann eine Lösung sein. So könne etwa aus einem kleinen Penisansatz bei einem Mädchen, deren Geschlechtsorgane sonst voll ausgebildet sind, eine voll funktionsfähige Klitoris geformt werden, so Ringert.

Solche Operationen sollten möglichst zwischen dem 14. und 18. Lebensmonat erfolgen, rät Finas. Grund dafür ist nicht nur, dass in diesem Alter der Heilungsprozess günstiger als während der Pubertät oder im Erwachsenenalter verläuft. Auch stelle dieses Zeitfenster psychologisch einen besonders günstigen Moment dar, damit Kinder die Eingriffe verkraften. Dagegen würde Finas immer davon abraten, etwa bei einem zehnjährigen Kind eine Operation anzusetzen. «In diesem Alter formt sich gerade die geschlechtliche Identität», so der Mediziner.

Doch wann der Eingriff erfolgt – ob nun im Kleinkindalter auf Wunsch der Eltern oder in der Pubertät nach Entscheidung der Betroffenen selbst – hänge ganz stark von Gesprächen mit den Eltern ab. «Das mag dem Kind gegenüber unfair sein», räumt Finas ein, «aber es geht auch um die Akzeptanz innerhalb der Familie.» Wollen die Eltern partout eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht, dann rät Finas eher zum Eingriff. Sind sie offener eingestellt, dann sei es sinnvoller abzuwarten, bis sich die geschlechtliche Identität mit der Pubertät entwickelt und die Betroffenen für sich selbst entscheiden können.

Besonders risikoreich seien die Eingriffe nicht, sagt Rolf-Hermann Ringert. Das größte Problem, neben der psychischen Belastung und der Akzeptanz im sozialen Umfeld, sei die Frage der Fruchtbarkeit und in selteneren Fällen auch die Fähigkeit, penetrativen Geschlechtsverkehr zu haben. Wird etwa eine sogenannte Neovagina angelegt, bei der künstlich die inneren weiblichen Geschlechtsorgane geformt werden müssen, dann ist eine Schwangerschaft nicht möglich. Auch ist ein Mann mit einem Penis, dessen Wachstum gestört ist, in einigen Fällen nicht in der Lage mit seiner Partnerin Geschlechtsverkehr zu haben. «Auch dann sind noch operative Eingriffe möglich, die von der Geschlechtsumwandlung von Transsexuellen abgeleitet werden», sagt Ringert.

Unter den Betroffenen hat sich seit kurzem ein neues Bewusstsein entwickelt, hat Finas beobachtet. «Es gibt im Internet inzwischen sehr selbstbewusst auftretende Selbsthilfegruppen», sagt er. Aber auch diese haben natürlich keine Pauschalantwort darauf, ob, wie und vor allem wann ihre geschlechtliche Besonderheit angegangen werden sollte. «Es gibt viele, die ihren Eltern durchaus dankbar sind, dass sie sich für eine frühe Operation entschieden haben», so Finas. Das gebe ihnen zumindest eine klare Linie. Einige seien sehr froh, selbst entscheiden zu können, andere leiden unter der aufgezwungenen Identität. Wieder andere haben ihr Dasein zwischen den gängigen Kategorien akzeptiert.

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iwe/news.de

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