Wladimir Putin: Zensurpolitik eskaliert – Kremlchef lässt Bücher schreddern

Putins Zensurpolitik wird für Russlands Buchhandel zur teuren Belastung. Eine große Buchhandelskette muss unerwünschte Werke aus den Regalen nehmen und teilweise vor laufender Kamera schreddern lassen. Die Kosten dafür trägt das Unternehmen selbst.

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Wladimir Putin lässt unerwünschte Literatur verschwinden. (Foto) Suche
Wladimir Putin lässt unerwünschte Literatur verschwinden. Bild: picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin | Mikhail Metzel
  • Zensurpolitik von Wladimir Putin eskaliert
  • Buchhändler müssen Literatur schreddern und die Prozedur filmen
  • Zwei Millionen Bücher wurden bereits mit vorgeschriebenen Aufklebern versehen

Harte Regeln für den russischen Buchmarkt: Die Zensurpolitik von Wladimir Putin hat drastische Folgen. Russlands mächtigster Buchhandelskonzern Chitay-Gorod – Bukvoed hat in den vergangenen Jahren Literatur im Wert von rund 100 Millionen Rubel – umgerechnet etwa eine Million Euro – aus dem Verkehr gezogen und zerstört. Das berichtete Konzernchef Alexander Brytschkin in einem Interview mit dem Wirtschaftsportal "RBC".

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Wladimir Putin dreht seit dem Ukraine-Krieg die Zensurschraube an

Die Vernichtung der unerwünschten Werke folgt dabei einem geradezu rituellen Ablauf: "Ein Dienstleister vernichtet die Bücher vor laufender Kamera mithilfe eines Industrieschredders", erklärte Brytschkin. Bücher, die als zu kriegskritisch gelten, homosexuelle Themen behandeln oder gegen andere staatliche Vorgaben verstoßen, müssen aus sämtlichen Regalen der knapp 650 Filialen verschwinden. Einfach wegwerfen ist dabei keine Option. Die beanstandete Literatur wird behördlich als eine Art Sondermüll eingestuft und muss dokumentiert entsorgt werden. Auf Kosten des Unternehmens, versteht sich.

Der Druck auf den russischen Buchmarkt hat sich seit Beginn des umfassenden Krieges gegen die Ukraine massiv verschärft. Einen weiteren Schub erhielt die Kontrollwut im November 2023, als der Oberste Gerichtshof die sogenannte "internationale LGBT-Bewegung" zur extremistischen Organisation erklärte. Seitdem geraten Verlage und Buchhändler zunehmend ins Visier der Behörden – mit konkreten strafrechtlichen und verwaltungsrechtlichen Konsequenzen.

Zusätzlich führte der russische Staat ein Verbot von sogenannter Drogenpropaganda ein. Bücher, die auch nur Bezüge zu Rauschmitteln enthalten, dürfen seither nur noch in versiegelter Verpackung mit dem Hinweis "18+" verkauft werden. Der Verlagskonzern Eksmo-AST ließ nach eigenen Angaben rund 20.000 interne Überprüfungen durchführen und durchkämmte dabei sein gesamtes Programm der vergangenen zwei Jahrzehnte auf entsprechende Inhalte.

Zensierte Bücher als politischer Sondermüll

Für den Konzernchef ist die Situation ein bürokratischer Albtraum. "Wir können diese Bücher nicht einfach in den Müll werfen. Sie sind politisch betrachtet Sondermüll", stellte Brytschkin klar. Eine Rückgabe an die Verlage sei ausgeschlossen, sämtliche Kosten – vom Herausnehmen aus den Regalen über den Rücktransport ins Lager bis zur dokumentierten Vernichtung – bleibe am Händler hängen. Entschädigung? Fehlanzeige.

Besonders absurd: Die Entscheidungen über Verkaufsverbote fallen laut Brytschkin häufig ohne jede Vorwarnung. Sobald eine Prüfung LGBT-Propaganda in einem Werk feststellt, muss es sofort aus dem Sortiment verschwinden. Das Verfahren sehe keinerlei rechtzeitige Benachrichtigung der Händler vor – diese könnten die gesetzlichen Anforderungen daher gar nicht erfüllen, bevor sie bereits zur Verantwortung gezogen würden. "All das summiert sich zu einem enormen Arbeitsaufwand und beträchtlichen Kosten", so der Konzernchef.

Verbotene Romane und zwei Millionen neu etikettierte Bücher

Wie weitreichend die Zensur inzwischen greift, zeigen aktuelle Fälle: Erst im Oktober 2026 untersagte die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor die Romane "Der zweihundertdritte Tag des Winters" und "Frühling des Wassers" der Autorin Olga Ptizewa – offenbar wegen mutmaßlicher "Förderung nicht-traditioneller sexueller Beziehungen". Ptizewas Winterroman, der von einer endlosen Kälteperiode erzählt und weithin als Metapher für die Stagnation unter Putin gedeutet wird, darf seither nicht mehr verkauft werden.

Werke prominenter Autoren wie Ljudmila Ulitskaja und Boris Akunin lagern derweil in einer Art Sonderverwahrung im Konzernlager – weder verkäuflich noch an die Verlage rückgabefähig. Parallel verschlingt die Kennzeichnungspflicht weitere Ressourcen: Chitay-Gorod – Bukvoed hat bereits zwei Millionen Bücher mit "18+"-Aufklebern versehen und dafür zweistellige Millionenbeträge in Rubel aufgewendet.

Brytschkin fordert grundlegende Reformen bei den Prüfverfahren. Konkret verlangt er, dass Händler vorab über den Beginn von Gutachten informiert werden, und plädiert zudem für eine Zertifizierungspflicht für die eingesetzten Sachverständigen. Denn selbst wenn der Russische Buchverband ein Werk für unbedenklich erkläre, gebe es "keine Garantie, dass nicht gleichzeitig irgendwo in einer anderen Organisation eine parallele Begutachtung stattfindet", so der Konzernchef.

Für Chitay-Gorod – Bukvoed kommt die staatliche Zensurpolitik zur denkbar ungünstigsten Zeit. Mit knapp 650 Filialen kämpft der Konzern ohnehin gegen den wachsenden Online-Handel. Zu diesem wirtschaftlichen Druck addieren sich nun Millionenkosten für Vernichtung, Kennzeichnung und Lagerung verbotener Literatur – ohne jede staatliche Kompensation. Die Rechnung für Putins Kulturpolitik zahlt am Ende der Buchhandel.

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