Finnland und Norwegen wagen Alleingang: Wladimir-Putin-Telefonat ohne Absprache schürt EU-Zoff
Das erste Telefonat europäischer Ukraine-Verbündeter mit Wladimir Putin seit über einem Jahr sorgt für offenen Streit unter Europas Partnern. Der unabgesprochene Vorstoß von Norwegen und Finnland stößt in der Ukraine jedoch auf Begeisterung.
Erstellt von Claudia Löwe - Uhr
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- Nicht abgesprochenes Telefonat mit Wladimir Putin sorgt in Europa für Zoff
- Staatschefs von Finnland und Norwegen plaudern ohne EU-Abstimmung 90 Minuten lang mit Kreml-Chef
- Wladimir Putin hält ausufernden Vortrag am Telefon und schweigt zum Ukraine-Krieg
Finnlands Präsident Alexander Stubb und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre haben am 27. Oktober 2026 mit Wladimir Putin telefoniert – und damit innerhalb der Europäischen Union für reichlich Zoff gesorgt. Was als 20-minütiges Gespräch geplant war, zog sich über anderthalb Stunden. Es war der erste direkte Austausch zwischen europäischen Verbündeten der Ukraine und dem russischen Präsidenten seit einem Telefonat von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron mit dem Kreml im Juli 2025.
Norwegen und Finnland im Alleingang auf Putin-Kurs
Vorab angekündigt hatte den Anruf keine der beteiligten Seiten. Die beiden nordeuropäischen Politiker erklärten anschließend, sie hätten Wladimir Putin Botschaften mit Blick auf künftige Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg übermitteln wollen. Doch statt konkreter Fortschritte sorgt die Initiative nun vor allem für eines: erheblichen Unmut unter den europäischen Partnern. Denn abgestimmt war der Vorstoß offenbar mit niemandem.
Wladimir Putin hält Telefon-Vortrag über mittelalterliche Fürsten statt über Waffenstillstand
Was genau in den 90 Minuten besprochen wurde, lässt sich inzwischen etwas genauer rekonstruieren. Laut "Financial Times" verbrachte Putin den Großteil des Telefonats mit einem ausschweifenden Vortrag über mittelalterliche slawische Geschichte. Drei mit dem Gespräch vertraute Quellen berichteten der Zeitung, dass der russische Präsident dabei seine bekannten historischen Obsessionen ausbreitete – ein Muster, das er bereits beim Alaska-Gipfel mit US-Präsident Trump im August 2025 gezeigt hatte, als er über altrussische Fürsten wie Rurik und Jaroslaw den Weisen sowie den Kosakenführer Bohdan Chmelnyzkyj referierte. Die von der Ukraine geforderte sofortige Waffenruhe kam dabei kaum zur Sprache. Einer der Informanten erklärte, Stubb und Støre hätten Putins Monolog nicht unterbrochen, um seine Ernsthaftigkeit bezüglich eines künftigen Dialogs mit Europa auszuloten.
Norwegens und Finnlands Staatschefs rechtfertigen Putin-Telefonat im Alleingang
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Stubb und Støre verteidigten ihren Vorstoß mit der geographischen Nähe ihrer Länder zu Russland. Als direkte Nachbarn Russlands müsse man in der Lage sein, der Kreml-Führung ohne Umwege Botschaften zu übermitteln, argumentierte Støre. "In einer Zeit wie der heutigen könne es nicht sein, dass nur die US-Regierung einen Kanal habe, um mit der russischen Führung zu sprechen", erklärte der norwegische Regierungschef. Beide Politiker betonten zudem, klar an der Seite Kiews zu stehen.
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Bereits in der Vorwoche hatten sie in Oslo sowohl den ukrainischen Präsidenten Selenskyj als auch Trumps Sondergesandten Steve Witkoff empfangen. Im Anschluss an jenes Treffen hatte Witkoff mit Putin gesprochen – mit dem Ergebnis, dass Russland, die Ukraine und die USA ihre Dreier-Verhandlungen wieder aufnehmen wollen. Der Kreml signalisierte dabei auch Offenheit für eine europäische Beteiligung.
Dänemark und Italien gehen nach Skandinavien-Vorstoß auf Konfrontationskurs
Nicht alle europäischen Partner zeigten sich von der finnisch-norwegischen Eigeninitiative begeistert. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen widersprach der Darstellung, Verbündete seien vorab eingebunden gewesen. Das Telefonat sei "nicht mit anderen Partnern abgestimmt" worden, sagte sie dem dänischen Rundfunk DR. Sie stehe dem Ganzen "sehr skeptisch" gegenüber und sehe keinerlei Hinweise darauf, dass Russland tatsächlich Frieden mit Europa anstrebe. Statt Alleingängen brauche es europäischen Zusammenhalt.
Auch aus Rom kam deutliche Kritik. Aus italienischen Regierungskreisen hieß es, der Vorfall offenbare, dass Europa sich bislang nicht auf Verhandlungsvertreter geeinigt habe. Die Regierung dränge darauf, zügig "eine oder mehrere Persönlichkeiten zu bestimmen, die ein klares Mandat haben, im Namen Europas zu sprechen". Andernfalls drohe ein "fortschreitender Bedeutungsverlust in den Verhandlungen".
Ukraine-Präsident Selenskyj bejubelt Finnlands und Norwegens Vorstoß - und was sagt Putin?
Der ukrainische Präsident Selenskyj reagierte positiv auf den Vorstoß der beiden Nordeuropäer. Er zeigte sich dankbar dafür, dass Stubb und Støre gegenüber Putin "konkrete Schritte zur Deeskalation in Bezug auf unsere Energieversorgung und Infrastruktur" eingefordert hätten. Vor dem mittlerweile fünften Kriegswinter bombardiert Russland systematisch ukrainische Kraftwerke und Leitungsnetze mit Raketen und Drohnen.
Putin hingegen wiederholte seine altbekannten Positionen. Für eine Friedenslösung müssten auch die Interessen Moskaus Berücksichtigung finden – eine Formulierung, hinter der sich weitreichende Maximalforderungen verbergen. Zugleich machte er EU und NATO für die Fortdauer der Kämpfe verantwortlich. Immerhin teilte der Kreml mit, dass in der ersten Novemberhälfte in Abu Dhabi Dreier-Gespräche zwischen Russland, der Ukraine und den USA stattfinden sollen. Außerdem informierte Putin die beiden Gesprächspartner über eine lokale Feuerpause bei der Frontstadt Oleschky im Gebiet Cherson, wo ein humanitärer Korridor eingerichtet werden soll.
Ukraine-Krieg aktuell: Europas Koordinierungsproblem bleibt ungelöst
Alle drei Gesprächsteilnehmer vereinbarten laut Kreml, den direkten telefonischen Kontakt aufrechtzuerhalten. Vor dem erwarteten Abu-Dhabi-Treffen Anfang November dürfte es nach Angaben eines hochrangigen EU-Beamten gegenüber dem "Kyiv Independent" zunächst noch eine Gesprächsrunde in Europa geben.
Die EU-Kommission betonte ihrerseits, man sei entschlossen, "nicht nur den Krieg zu beenden, sondern einen gerechten und nachhaltigen Frieden zu erreichen". Doch die zentrale Frage, die Italiens Regierung aufgeworfen hat, bleibt offen: Wer spricht eigentlich für Europa? Solange sich die Mitgliedstaaten nicht auf Verhandlungsvertreter mit klarem Mandat einigen, droht genau das Szenario, vor dem Rom warnt – dass der Kontinent bei den entscheidenden Gesprächen zunehmend an den Rand gedrängt wird.
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loc/news.de/dpa/stg
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