Ukraine-Krieg aktuell: Putins Drohnen-Offensive eskaliert? Experte warnt vor schwerem "Winter"

Russland baut seine Infrastruktur für den Drohnenkrieg aus. Neue Startbasen und schnellere Drohnen könnten die ukrainische Luftverteidigung vor neue Herausforderungen stellen. Ein Militärexperte warnt zugleich vor einer weiteren Eskalation und einem schwierigen Winter für die Ukraine.

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Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auf verstärkte Drohnenangriffe. (Foto) Suche
Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg auf verstärkte Drohnenangriffe. Bild: picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin | Pyotr Kovalev
  • Russland hat laut einer Analyse 59 neue Startschienen an zehn Standorten entlang der Grenzen zur Ukraine und zu Belarus errichtet.
  • Das russische Militär setzt auf neue und reichweitenstarke Drohnen
  • Ukraine stößt mit Luftabwehr an ihre Grenzen
  • Oberst Markus Reisner warnt vor einem "sehr schwierigen Winter" und sieht Hinweise auf einen möglichen russischen Bodenangriff aus nördlicher Richtung.

Russland rüstet seine Drohnenkriegsführung in beispiellosem Tempo auf. Entlang der Grenzen zur Ukraine und zu Belarus hat Moskau 59 neue Startschienen an zehn verschiedenen Standorten errichtet, wie "The Telegraph" Mitte August unter Berufung auf Analysen eines Drohnen-Geheimdienstunternehmens berichtete. Jede dieser Basen verfügt über Kapazitäten für mehr als 1.000 Drohnen.

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Russland baut neue Drohnen-Startrampen

Die neuen Drohnentypen stellen einen qualitativen Sprung gegenüber ihren Vorgängern dar. Während die Geran-2 – wegen ihres charakteristischen Klangs auch als "fliegendes Moped" bekannt – maximal 330 Kilometer pro Stunde erreichte, fliegen die strahlgetriebenen Nachfolger mit bis zu 600 km/h. Die Geran-4 kommt auf eine Reichweite von 450 bis 850 Kilometern, die Geran-5 sogar auf 950 bis 1000 Kilometer. Rund 20 der neuen Abschussrampen sind auffällig lang konstruiert. Das deutet laut der Analyse darauf hin, dass sie für den Start der neuesten strahlgetriebenen Drohnenmodelle Geran-4 und Geran-5 ausgelegt sind.

Ukraine unter Druck - Abwehr von Putins Drohnen erschwert

Gegen die älteren Modelle hatte die Ukraine hochwirksame Abwehrmethoden entwickelt: Abfangdrohnen, bewaffnete Pickups, umgerüstete Propellerflugzeuge und vor allem den deutschen Flakpanzer Gepard, der sich laut dem Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer Markus Reisner als regelrechter "Geran-Killer" bewährt hatte. Die Abfangquote lag bei 80 bis 90 Prozent.

Gegen die deutlich schnelleren neuen Modelle versagen diese Mittel jedoch weitgehend. Laut Reisner wären dafür Flugabwehrraketen mittlerer Reichweite nötig – doch genau daran mangelt es.

Putin überarbeitet Strategie - Russland plantgrößere Drohnenangriffe aus dem Hinterland

Hinter dem Ausbau der Startinfrastruktur steckt eine mehrdimensionale Strategie. Laut der vom Institute for the Study of War (ISW) zitierten Analyse will Russland seine Fähigkeit ausbauen, größere Drohnensalven als Teil seiner regulären Angriffspakete gegen die gesamte Ukraine abzufeuern. Die strahlgetriebenen Geran-4 und Geran-5 sollen dabei gezielt tiefer in die Westukraine vordringen – ihre höhere Geschwindigkeit und Überlebensfähigkeit soll das Durchbrechen der ukrainischen Luftverteidigung ermöglichen.

Gleichzeitig verlagert Moskau seine Startpositionen ins russische Hinterland, um sie vor ukrainischen Gegenangriffen zu schützen. Ukrainische Streitkräfte hatten zuvor erfolgreich Drohnen-Abschusspunkte nahe dem besetzten Donezk getroffen. Zudem bereitet Russland möglicherweise den Einsatz seiner Rassvet-Satellitenkonstellation – einem russischen Pendant zu Starlink – vor, um präzisere Schläge gegen ukrainische Luftabwehrsysteme aus mehreren Richtungen gleichzeitig führen zu können.

Oberst warnt - Putins Militär will Moral der Ukrainer brechen

Der österreichische Historiker Oberst Markus Reisner zeichnet im Gespräch mit "n-tv" ein düsteres Bild der kommenden Monate. Russland habe über vier Tage hinweg ununterbrochen schwerste Angriffe geflogen – mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Ziel sei es, "die Moral der Ukrainer zu brechen", so Reisner. Neben der Stromversorgung würden inzwischen auch Verteilzentren für Lebensmittel zerstört.

Besonders alarmierend: Es gebe Hinweise auf einen bevorstehenden russischen Bodenangriff aus nördlicher Richtung. "Im Moment sind die Signale aus Russland auf Krawall gebürstet", sagte Reisner. Kompromissbereitschaft seitens Moskau könne er derzeit nicht erkennen. Der Ukraine stehe ein "sehr schwieriger Winter" bevor, da Russland sowohl Qualität als auch Quantität seiner Luftkriegsführung kontinuierlich gesteigert habe.

Ukrainische Gegenoffensive auf Russlands Startrampen

Doch die neuen Abschussbasen sind keineswegs unangreifbar. Satellitenaufnahmen liefern laut Reisner ein klares Bild der russischen Drohneninfrastruktur. Die Standorte befinden sich überwiegend in besetzten Gebieten sowie im Grenzraum – auf der Krim, im Donbass und entlang der ukrainisch-russischen Grenze. "Reichweite ist hier also kein Problem", so der Oberst.

Selenskyj will Drohnenproduktion steigern

Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj strebe deshalb an, die tägliche Drohnenproduktion von 300 auf 1000 Stück zu steigern, um neben Raffinerien und Energieanlagen auch gezielt Startrampen, Depots und Werkstätten ins Visier nehmen zu können. Jede dieser Komponenten sei ein verwundbarer Punkt: Ein Treffer auf die Rampe verhindere den Start, ein Treffer auf das Lager blockiere den Nachschub, ein Treffer auf die Werkstatt stoppe die Einsatzvorbereitung. Der ukrainische Präsident hatte bei einem Treffen der "Koalition der Willigen" betont, dass sein Land Kapazitäten besitze, um die Drohnenproduktion zu erhöhen.Bislang seien solche Angriffe noch nicht zu beobachten, doch Reisner rechnet damit vor dem Winter.

Europas Luftverteidigung: Zu wenig Raketen, zu wenig Sprengstoff

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fordert verstärkte Luftverteidigung aus europäischer Produktion – konkret das System S/MPT, das die Abhängigkeit von den USA verringern würde. Doch die verfügbaren Mengen an Abfangraketen dieses Typs reichen laut Reisner bei Weitem nicht aus. "Das erfüllt nicht im Ansatz den Bedarf der Ukrainer", stellte der Oberst klar.

Auch beim Patriot-System sieht es kaum besser aus: Die Munitionsvorräte sind nahezu aufgebraucht – eine direkte Folge des russischen Abnutzungskrieges. Dass selbst im fünften Kriegsjahr die europäische Produktionsrate für Batterien und Munition nicht nennenswert gestiegen sei, bezeichnete Reisner als unverständlich. Das Problem reicht jedoch tiefer. Europa verfügt kaum noch über eigene Sprengstoffkapazitäten. Selbst wenn Raketen gefertigt würden, fehle der Sprengstoff, um sie einsatzfähig zu machen. Der Großteil werde aus Indien und China importiert.

China bestimmt Europas Munitionsversorgung

Die Wurzeln des Problems reichen Jahrzehnte zurück. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der Neuausrichtung europäischer Streitkräfte auf Auslandseinsätze habe die Sprengstoffherstellung laut Reisner an Stellenwert verloren. Die Produzenten aus der Zeit des Kalten Krieges verschwanden, die gefährliche und umweltbelastende Fertigung wurde bereitwillig nach Asien verlagert.

Heute existiert in ganz Europa lediglich ein einziges Werk in Polen. Geplante Fabriken in Schweden, Finnland sowie ein tschechisch-griechisches Gemeinschaftsprojekt stecken noch in der Planungsphase. Die schwedische Anlage soll einmal 4500 Tonnen TNT jährlich liefern – wann sie den Betrieb aufnimmt, ist offen.

Die Konsequenzen sind drastisch: Eine 155-Millimeter-Granate kostet mittlerweile bis zu 14.000 Euro statt der früheren 2500 Euro. "Ob wir die Munition produzieren können, die wir wollen, und das auch in der Menge, die wir wollen, wird aktuell aus China gesteuert", warnte Reisner.

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