Von news.de-Redakteurin - 19.07.2021, 11.08 Uhr

Nach Flutkatastrophe : "Dumm und skrupellos!" Kachelmann rechnet mit ARD und ZDF ab

Nach der Flutkatastrophe in Deutschland werden schwere Vorwürfe laut. War der Katastrophenschutz ausreichend vorbereitet für die Hochwasser in Deutschland? Hätte die Bevölkerung besser gewarnt werden können? Meteorologe Jörg Kachelmann rechnet mit der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender ab.

Nach der Flutkatastrophe liegen Häuser, Straßen und Brücken in Trümmern. Bild: dpa

Seit Wochen sorgten immer wieder heftige Unwetter für überflutete Straßen. Doch in der vergangenen Woche gipfelte der Wetter-Wahnsinn in einer Katastrophe. Mitten in der Nacht wurden Hunderttausende Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz von gewaltigen Flutwellen überrascht. Obwohl der Deutsche Wetterdienst rechtzeitig vor sintflutartigem Starkregen warnte, passierte nur wenig, um die Bevölkerung zu schützen. Meteorologe Jörg Kachelmann rechnet auf Twitter bitterböse mit den Medien und der Politik ab.

Nach Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz: Kachelmann rechnet mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk ab

"Wenn man weiß, dass es ganz sinnlos ist, wenn man etwas schreibt. 2016 war auch viel #Hochwasserkatastrophe. Es hat sich seither nichts verändert. Rein gar nichts", heißt es in einem Tweet von Kachelmann. Dazu teilt der Meteorologe zwei Blog-Beiträge und löste eine hitzige Debatte aus. Unter dem Titel "#Hochwatergate" kritisierte Kachelmann bereits 2016 die katastrophale Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bei Unwettern. "Stell Dir vor, es ist Naturkatastrophe in Deutschland, Menschen sterben, werden schwer verletzt. Und das ganze Leid, die ganze Katastrophe findet im Stillen statt", ätzte der Wetter-Experte. "Kein Brennpunkt im Ersten, keine Sondersendungen in SWR und BR, wo das Desaster hauptsächlich stattgefunden hat, kein Trend bei Twitter." Auch vor fünf Jahren warnten alle Wetterdienste in Deutschland vor einer Wetterlage mit akuter Hochwasser-Gefahr, doch die Medien griffen die Warnungen nicht auf.

Nun wiederholte sich das Dilemma erneut. "Wir schrieben das VORGESTERN. Es kann nicht sein, dass irgendjemand von irgendwas 'überrascht' wurde", wettert Kachelmann auf Twitter über einen Bericht des BR und teilt einen Tweet vom 16. Juli. Darin heißt es: "Viele hochaufgelöste Wettermodelle sehen durch Dauerregen mit gewittrigen Verstärkungen schlimme Regenmengen von Berchtesgaden bis rüber nach Österreich. An Bächen, Flüssen, Campingplätzen etc. sollte man sich vorbereiten!"

"Herr @Kachelmann... Herzlichen Glückwunsch. Sie teilen das Schicksal mit führenden Virologen und anderen Experten in Deutschland. Warum auch auf Experten hören? Es tut mir leid für alle, die mit ihrem Fachwissen unermüdlich gegen Windmühlen kämpfen müssen", heißt es in einem Kommentar.

Keine Warnkette in Deutschland! Medien berichten viel zu spät über Naturkatastrophen

In den USA agieren die Medien völlig anders. "Es ist kein Zufall, dass selbst bei schlimmsten Tornados und Hurrikanen in den USA nur wenige Menschen sterben, wenn überhaupt", schreibt Kachelmann. "Gibt es in einem Bundesstaat eine Warnung, stellen alle vier konkurrierenden Sender ihr Programm um und senden monothematisch Wetter, um Leben zu retten." In Deutschland wird oft erst dann berichtet, wenn es bereits zu spät ist. Ob sich daran jemals etwas ändern wird?

Wetterdienste warnte rechtzeitig vor sintflutartiger Unwetterlage

"Wie lange vor eintreffen der Fluten weiß man das es kritisch wird? Hätte man nicht 1 Tag vorher schon Rettungsteams / sichere Rückzugsorte bereitstellen können / müssen? Oder passiert es so schnell das keiner mehr etwas Organisieren kann?", fragt ein Twitter-Nutzer. "Ok, 1-2 h Vorwarnzeit ist natürlich sehr wenig. Rechtfertigt nicht das nichthandeln vom ÖRR aber Massenevakuierungen sind dann wohl leider nicht mehr möglich." Doch Kachelmann hält dagegen: "Man wusste es Tage vorher."

"Und es gab ja als 'Schuss vor den Bug' die Mini-Katastrophe in Fröndenberg. Da wusste man doch, was auf einen zukommt. Und warum werden eigentlich keine Sirenen mehr eingesetzt? Nur NINA Warn-App reicht nicht", wettert ein weiterer Twitter-Nutzer gegen die Katastrophen-Schutzmaßnahmen der Politik. "Viele Sirenen wurden nach Ende des kalten Krieges abgebaut, weil der Unterhalt für die Länder und Kommunen 'zu teuer war' und es ja keine 'echte Gefahr' mehr gab", ergänzt ein anderer

Lesen Sie auch: Trotz Flut-Warnungen! Hat der Katastrophenschutz zu spät reagiert?

Nach Fluten debattiert Politik über Katastrophen- und Klimaschutz

Derzeit werden vor allem dem Katastrophenschutz und Bundesinnenminister Horst Seehofer schwere Versäumnisse beim Bevölkerungsschutz vorgeworfen. "Die rechtzeitigen Warnungen der Meteorologen sind weder von den Behörden noch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinreichend an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert worden", sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer. "Es bietet sich das Bild eines erheblichen Systemversagens, für das der Bundesinnenminister Seehofer unmittelbar die persönliche Verantwortung trägt."

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sagte im ARD-"Morgenmagazin", dass man nicht nur Warnketten verbessern müsse. So müssten Städte umgebaut und Flüssen mehr Raum gegeben werden. "Das ist kein Entweder-oder zwischen Klimavorsorge, Klimaanpassung und Klimaschutz, sondern ein Dreiklang, der eigentlich in den ganzen Klimaschutzverträgen weltweit auch genauso beschlossen ist." Von der CDU forderte Baerbock im "Spiegel" außerdem, den Widerstand gegen ein striktes Bauverbot in Hochwasserrisikogebieten aufzugeben.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert die Politik zum Handeln auf. "Beim Katastrophenschutz sind wir genauso schlecht vorbereitet wie beim Pandemie-Schutz", sagte Lauterbach der "Rheinischen Post". "Wir müssen uns jetzt darauf einstellen und vorbereiten, dass es in Zukunft mehr Naturkatastrophen geben wird und auch regelmäßig Pandemien. Die Infrastruktur dafür muss geschaffen und ausgebaut werden, der Katastrophenschutz hat hier eine zentrale Bedeutung."

FOTOS: Unwetter Deutschland aktuell Alles unter Wasser! Die Schock-Bilder der Flutkatastrophe
zurück Weiter Drohnenaufnahmen von Autos in einem ausgespültem Teil des Ortsteils Blessem (Foto) Foto: picture alliance/dpa Kamera

Folgen Sie News.de schon bei Facebook und YouTube? Hier finden Sie brandheiße News, aktuelle Videos, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

bua/sig/news.de/dpa