16.07.2021, 08.54 Uhr

WDR sorgt für Empörung: Öffentlich-Rechtliche senden Olympia-Doku während Jahrhundertflut

Während in NRW Menschen in den Fluten starben, sendete der WDR eine Olympia-Doku. Zuschauer und Zuschauerinnen sind außer sich. Im Netz hagelt es Kritik für die Öffentlich-Rechtlichen. So rechtfertigt der WDR die fehlende Hochwasser-Berichterstattung.

Während in NRW und Rheinland-Pfalz Menschen im Unwetter starben, sendete der WDR eine Olympia-Doku. Bild: dpa

Die Hochwasser-Katastrophe ist derzeit DAS beherrschende Thema. Das zumindest sollte man meinen. Während in der Eifel erstmals die Sirenen heulten, um den Katastrophenalarm auszurufen, pennten einige öffentlich-rechtliche Sender offenbar schon. Statt live mit Reportern vor Ort zu sprechen, sendete der WDR eine Olympia-Doku. Bei Zuschauerinnen und Zuschauern sorgt das für Empörung.

Kritik an Hochwasser-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen: Während NRW versinkt, sendet der WDR eine Olympia-Doku

In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz herrscht seit Tagen Ausnahmezustand. Mindestens 80 Menschen kamen bislang im Westen des Landes ums Leben. Ganze Orte wurden überspült. Und dennoch hatte das Funkhaus des Westdeutschen Rundfunks (WDR) am Donnerstag zunächst nur unregelmäßig über die verheerende Flut-Katastrophe berichtet. Tatsächlich hatte der größte ARD-Sender das dramatische Wetter-Chaos offenbar verpennt - obwohl sich die Katastrophe bereits am Mittwochabend angekündigt hatte. Unbeirrt sende der WDR eine Archiv-Doku über das Attentat auf die Olympischen Spiele 1972.

Erst um 1.20 Uhr erscheint beim WDR ein Infoband zur Flut-Katastrophe

Über mehrere Stunden lang habe sich die Situation im Westen zugespitzt, ohne dass der WDR auch nur ein einziges Wort über das Hochwasser-Drama verlor. Erst um 1.20 Uhr sei dann ein Laufband im Fernsehprogramm aufgetaucht, das auf die Website und die Nachrichten der WDR-Hörfunkprogramme verwiesen habe, erklärte der Medienjournalist Thomas Lückerath gegenüber "RND". Eine Fehlleistung, die dem WDR scharfe Kritik von Experten, Zuschauern und Zuschauerinnen einbrachte.

"Unterlassene Hilfeleistung": Branchendienst DWDL teilt gegen Öffentlich-Rechtliche aus

Der Branchendienst DWDL warf dem Sender von Intendant Tom Buhrow (62, zugleich amtierender ARD-Chef) "unterlassene Hilfeleistung" vor: "Der WDR betont so gerne 'Wir sind der Westen', doch genau den hat man in der Nacht zu Donnerstag im Stich gelassen." Das niederschmetternde Fazit von DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath: "Sich auf den WDR zu verlassen, kann lebensgefährlich sein." Weiter polterte der DWDL-Chef: "Wenn der finanziell großzügig ausgestattete öffentlich-rechtliche Rundfunk wie hier im Falle des WDR es in akuten Krisensituationen nicht schafft, ein verlässliches Informationsangebot für das Sendegebiet zu liefern, was wohl unbestritten zur Kernaufgabe gehört, dann wird bei all den Sparbemühungen der Häuser an den falschen Stellen gespart."

Auch Meteorologe und MDR-Moderator Jörg Kachelmann machte seinem Ärger über die fehlende Hochwasser-Berichterstattung Luft. Bei Twitter schrieb er: "Ich hätte mich gefreut, wenn es diesmal anders gewesen wäre. Es tut weh, wenn genau die, die die Mittel hätten, um eine solche Wetterlage 24/7 zu begleiten, nichts tun, um Leben zu retten. Aber sie senden irgendeinen Scheiß und lassen die Leute ersaufen."

Zuschauer und Zuschauerinnen wüten auf Twitter nach fehlender Berichterstattung

Ebenso groß war die Wut auf den WDR in den sozialen Netzwerken. "Lieber @WDR, wäre es nicht angemessen, Euer Programm zu unterbrechen, um die Menschen auch über das Fernsehen zu informieren und zu warnen? Es ist ja nicht jede*r bei Twitter/Instagram/Facebook whatever", schreibt beispielsweise ein Nutzer auf Twitter. "Warum gibt es bei euch im TV keinen Banner wegen der Extremwettersituation in NRW?", will ein anderer von WDR und ARD wissen. "Es erwartet keiner, dass ihr das Programm ändert, aber Infos und Warnungen wären super. Auch im Radio!" Ein weiterer wird noch direkter: "Der WDR hat in der Nacht vollständig versagt. Aktuell auf WDR TV: Schönes Zypern."

Mangelnde Flut-Berichterstattung: WDR räumt Lücken in Berichterstattung ein

Und wie reagiert der Sender auf die harte Kritik? Der Westdeutsche Rundfunk hat Lücken bei der Berichterstattung über die Starkregen-Katastrophe in Nordrhein-Westfalen eingeräumt - zugleich wies der Sender aber darauf hin, dass er selbst von dem Unwetter betroffen gewesen sei.

"Wir teilen die Einschätzung, dass der WDR noch umfangreicher aus Wuppertal hätte berichten müssen, allerdings war das dortige WDR-Studio selbst so stark vom Unwetter betroffen, dass es ab 3.00 Uhr in der Nacht nicht mehr selber senden konnte", sagte eine WDR-Sprecherin in Köln am Donnerstag auf dpa-Anfrage. "Übernommen haben die Studios in Düsseldorf und Köln, um mit Regionalnachrichten die Bevölkerung im Bergischen Land informieren zu können. Dafür liefern WDR-Reporter, die in Wuppertal unterwegs sind, die Informationen zu."

ARD-Sender in der Kritik: Nicht genügend Sondersendungen zur Flut-Katastrophe

In sozialen Netzwerken mehrten sich Vorwürfe, dass der größte ARD-Sender trotz sich zuspitzender Lage in Wuppertal und anderen Orten in der Nacht zum Donnerstag nicht genügend Sondersendungen im Programm gehabt habe. Auch der frühere Leiter und Chefredakteur des ARD-Hauptstadtstudios Berlin, Ulrich Deppendorf, wandte sich auf Twitter mit seiner Kritik an die ARD: "Die schwersten Unwetter in Deutschland und im Ersten der ARD gibt es keinen Brennpunkt! Ist das die neue "Informations-Offensive" der neuen ARD-Programmdirektion? So beschädigt man die Informationskompetenz der ARD."

Öffentlich-Rechtliche wehren sich gegen Kritik - Radio Wuppertal führt WDR vor

Dem hielt der Sender am Donnerstag entgegen: "In der Nacht hat der WDR im Netz auf WDR.de und bei WDRaktuell zur Situation in Wuppertal, Euskirchen und Rhein-Sieg-Kreis aktualisierte Infos gepostet und alle 30 Minuten monothematische Sonderausgaben der Radio-Nachrichten auf allen Wellen gesendet." Beim Jugendsender 1Live sei das Thema die ganze Nacht lang mit Beiträgen in der jungen Nacht der ARD für ganz Deutschland begleitet worden. "Die ARD Nacht-Programme, wie die ARD Info Nacht, wurden aus dem WDR Newsroom mit Informationen versorgt." Tatsächlich wurden die Öffentlich-Rechtlichen vom Radio Wuppertal, ein lokaler Privatsender mit gerade mal zehn Angestellten, in der Katastrophennacht mit einer Marathonsendung regelrecht vorgeführt.

Der WDR zog erst am Morgen nach, indem er einige Extra-Formate in TV und Radio zur Flut-Katastrophe ankündigte. Zu diesem Zeitpunkt gab es in NRW bereits 20 Hochwasser-Tote.

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sba/loc/news.de/dpa