Rechtskonservative EU-Fraktion: "No-Go-Zonen" in Deutschland: Ein schlechter Ruf, der haftet
Drei deutsche Stadtteile tauchen in einem Papier der rechtskonservativen Fraktion im EU-Parlament zu angeblichen "No-Go-Zonen" auf. Die haben schon länger mit diesem Image zu tun.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Eine dunkle Unterführung, eine Tiefgarage in der Nacht oder ein leerer Park - es sind solche Orte, von denen es immer wieder heißt, Menschen würden sie aus Angst meiden. Manche sprechen gar von rechtsfreien Räumen, von "No-Go-Zonen". So prangern Rechtskonservative in der EU nun mit einem Papier solche Gegenden als angebliches Tabu-Thema an - und listen auch drei Stadtteile in deutschen Städten auf. Dabei haben Neukölln in Berlin, Chorweiler in Köln und Marxloh in Duisburg schon länger einen schlechten Ruf.
Man habe einen Zusammenhang zwischen Migration, Islam und "No-Go-Zonen" gefunden, gibt die Denkfabrik New Direction in einem kürzlich veröffentlichten Papier an. Die Stiftung steht der rechten Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR) im EU-Parlament nahe. "Zu lange wurde der Begriff "No-Go-Zone" von manchen als politische Übertreibung oder Medienmythos abgetan", heißt es im Vorwort des Papiers.
So wurden insgesamt 17 Stadtgebiete aus den Ländern Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Belgien, Schweden und den Niederlanden untersucht - ausgewählt auf Basis ihrer Nennung in offiziellen Berichten, Medien und wissenschaftlichen Quellen.
Ein Begriff, viele Bedeutungen
Der Ausdruck "No-Go-Zone" oder Area ist seit Jahrzehnten umstritten und hält sich doch hartnäckig in der Öffentlichkeit. Je nach Kontext hat der Ausdruck viele Bedeutungen. Die brandenburgische Zentrale für politische Bildung definiert "No-Go-Areas" in Deutschland als Gebiete, "in denen Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung einem hohen Risiko rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt sind". Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln 2025/16 tauchte der Begriff ebenfalls vermehrt in der Debatte auf.
Von Behörden wird er allerdings abgelehnt. So teilte das Bundesministerium des Innern (BMI) mit, es verwende den Begriff grundsätzlich nicht. Rechtsfreie Räume gibt es nach Einschätzung des BMI in Deutschland nicht, laut Gewerkschaft der Polizei (GdP) ebenso keine "polizeifreien Räume".
Bestimmte Gegenden können trotzdem auf manche Menschen bedrohlich wirken. Darum ging es auch immer wieder in der von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) losgetretenen "Stadtbild"-Debatte. So fragte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend im November bei Bürgerinnen und Bürgern nach. Und stellte dabei fest: Nur noch jeder Zweite (50 Prozent) fühlt sich sehr oder eher sicher – fünf Prozentpunkte weniger als noch im Februar 2025.
Viertel als "No-Go-Areas": Woher kommt der Ruf?
Stadtteilen wie Neukölln, Chorweiler und Marxloh heftet ein Stigma an. Das habe vor allem mit der Kriminalisierung von armen Menschen zu tun, sagt Sebastian Kurtenbach, Stadt- und Migrationsforscher. "Und in den westdeutschen Großstädten hat man es eben damit zu tun, dass die armutsgeprägten Stadtteile auch die am stärksten diversifizierten Stadteile sind." Damit meint Kurtenbach, dass in ärmeren Vierteln in Großstädten auch viele Menschen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten leben.
Das falle allerdings nicht mit Gewaltkriminalität zusammen, so der Forscher. Andere Orte der Stadt seien "gewaltgeprägter", Bahnhöfe etwa oder Gegenden rund um Stadien bei Fußballspielen. Bei Neukölln, Chorweiler und Marxloh handele sich außerdem um sehr unterschiedliche Stadtteile, sagte der Forscher, der in Chorweiler lebte und dort wie auch in Marxloh forschte. Er finde die Auswahl der Quartiere in der Untersuchung "relativ fragwürdig".
Orte, Bereiche, Städte, an denen viele Menschen aufeinandertreffen, hätten das Risiko einer im Vergleich höheren Kriminalitätsrate, teilte die GdP mit. "Dies ist abhängig von sehr unterschiedlichen Faktoren. Auch die Interaktion verschiedener Kulturen, Ethnien, Religionen, und ähnlichem stellt einen Einflussfaktor dar", so der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Alexander Poitz. Würde mehr in die Kriminalitätsforschung investiert, erleichtere es der Polizei präventiv tätig zu werden, teilte er weiter mit.
Einmal schlechtes Image, immer schlechtes Image?
Für Gegenden mit schlechtem Ruf ist es laut dem Forscher Kurtenbach schwierig, etwas dagegenzusetzen. Jahre nach den ersten negativen Schlagzeilen zu Marxloh, wird der Stadtteil weiter damit in Verbindung gebracht. "Ich kann das nicht mehr hören", sagte Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) erst Mitte März in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung". Es gebe in Duisburg keine "No-Go-Areas".
In Chorweiler wurde in den vergangenen zehn Jahren groß saniert, Plätze wurden umgestaltet, wie die Stadt Köln auf ihrer Internetseite schreibt. Davor habe es zwar "fürchterlich" ausgesehen, abends auf der Straße habe er trotzdem vor allem Rentner mit Hunden getroffen, erinnert sich Kurtenbach. "Aber das Image ist einfach so, dass man glaubt, dass da irgendwas passieren würde."
Vom "Gefahrenort" zu "Erlebnisort"
Ähnlich sei das in Neukölln. Dort erlebe man aber gerade zum Teil, wie durch Gentrifizierung "aus dem Gefahrenort ein urbaner Erlebnisort gelabelt" werde, so Kurtenbach. Es habe sich nicht viel geändert, aber die Erzählung über den Ort ändere sich, sagte er. So kürte das Stadtmagazin "Time Out" Neukölln vor wenigen Jahren als eines der weltweit coolsten Viertel, das Maybachufer erhielt 2025 den Titel als eine der coolsten Straßen.
Ebenfalls mit Blick auf Neukölln sagte der Forscher aber auch: auf der Sonnenallee "mit einer Kippa langzulaufen kann zu einem Problem werden", vor dem man nicht die Augen verschließen dürfe. "Aber es war 2017 in Bautzen auch ein Problem, mit Kopftuch durch die Stadt zu laufen." Nicht speziell auf Neukölln bezogen äußerte sich auch Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Ende 2024 ähnlich und riet Juden und Homosexuellen zu Vorsicht in Teilen Berlins.
Das sei schon Gesprächsthema, erzählt eine queere Person, die anonym bleiben möchte. "Ich habe das Gefühl, vielleicht muss ich aufpassen in Neukölln", sagt sie. "Aber eigentlich deckt sich das jetzt nicht mit meiner persönlichen Erfahrung." Im Viertel angemacht oder angegriffen worden sei weder sie noch ihr direktes Umfeld. Und in der queeren Szene ist das Viertel beliebt. "Mittlerweile sind eigentlich die hippen neuen queeren Bars alle in Neukölln", erzählt die ehemalige Neuköllnerin, die noch immer oft in dem Viertel ausgeht. Trotzdem: Dass sich etwas an dem Image eines Stadtteils ändert, so Stadtforscher Kurtenbach, dauere sehr lange.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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