Experte bewertet Rentenreform: Wer würde von der Kapitalrente profitieren - und wer zahlt mehr?
Mehr Beiträge, ein späterer Renteneintritt und eine neue Kapitalrente: Die Rentenkommission schlägt einen weitreichenden Umbau vor. Doch für wen lohnt sich das Paket - und wer trägt die Kosten?
Von news.de-Redakteur Felix Schneider - Uhr
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- Die Rentenkommission hat nun einen vollständigen Entwurf zur Rentenreform vorgelegt
- Dabei ist der wohl wichtigste Punkt der Reform die Kapitalrente für Arbeitnehmer
- Wie gut diese funktionieren könnte und wie hoch sie ausfallen würde, erfahren Sie hier
Mehr über das Thema Rente finden Sie am Ende dieses Beitrags.
35 Euro im Monat: So viel würde ein Arbeitnehmer mit 3.500 Euro brutto nach den Vorschlägen der Rentenkommission zusätzlich für seine Rente aufbringen, sobald die geplante Kapitalrente vollständig eingeführt wäre. Klingt nach einer weiteren finanziellen Belastung? Ist es auch. Ob daraus Jahrzehnte später eine lohnende Zusatzrente entsteht, hängt von weitaus mehr ab als nur der Entwicklung der Aktienmärkte.
Noch ist dieses Modell keine beschlossene Reform. Die Alterssicherungskommission hat der Bundesregierung am 23. Juni 2026 einen Bericht mit 33 Empfehlungen übergeben. Welche der Vorschläge jetzt in Gesetze überführt werden, das entscheidet die Politik - bislang sieht es allerdings aus, als würden alle übernommen werden. Wie gut ist das Paket nun also - und wer würde davon profitieren?
Rentenreform soll als großes Gesamtpaket kommen
Der Bericht der Rentenkommission enthält einen weitreichenden Umbau der Alterssicherung. Im Zentrum steht eine verpflichtende gesetzliche Kapitalrente. Gleichzeitig soll das reguläre Renteneintrittsalter nach 2031 schrittweise an die Lebenserwartung gekoppelt werden, während die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren entfällt. Zudem schlägt die Kommission vor, Selbstständige und Minijobs in die gesetzliche Rentenversicherung zu überführen und die betriebliche Altersvorsorge stärker zu verbreiten.
Damit reagiert die Kommission auf ein bekanntes Problem: Immer weniger Menschen im Erwerbsalter müssen die Renten einer wachsenden älteren Bevölkerung finanzieren. Das würde langfristig zu einem extrem steigenden Beitragssatz führen. Ohne Reformen könnte dieser dem Bericht zufolge bis 2050 auf über 21 Prozent ansteigen.
Rente als Kapitalanlage - das schlägt die Kommission vor
Christian Machts, Country Head Deutschland und Österreich beim Vermögensverwalter Franklin Templeton, hält die neue Kapitalrente für die folgenreichste Änderung. "Sie ergänzt das bisher überwiegend umlagefinanzierte Rentensystem um ein kapitalmarktorientiertes Element", erklärt er auf Anfrage. Neben den laufenden Beiträgen könnten künftig auch Erträge aus Kapitalanlagen zur Alterssicherung beitragen.
Konkret schlägt die Kommission einen zusätzlichen Beitrag von 2 Prozent des Bruttogehalts vor, der auf ein individuelles Kapitalkonto angelegt werden würde. Dabei würden Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils die Hälfte des Beitrags übernehmen. Die Einführung könnte idealerweise 2028 beginnen und in jährlichen Schritten von jeweils 0,5 Prozentpunkten erfolgen. Das Geld soll dabei in einen öffentlich verwalteten, breit gestreuten Fonds fließen. Versicherte sollen allerdings auch die Möglichkeit erhalten, aus einer begrenzten Zahl an zertifizierten Fonds zu wählen.
Die zusätzliche Vorsorge würde das verfügbare Einkommen zunächst belasten, bei einem Arbeitnehmeranteil von einem Prozent ergäbe sich in der vollständigen Ausbaustufe folgende vereinfachte Rechnung (ohne Beachtung individueller Steuerwirkungen oder Beitragsbemessungsgrenze):
| Monatliches Bruttogehalt | Beitrag des Arbeitnehmers | Beitrag des Arbeitgebers |
| 2.500 Euro | 25 Euro | 25 Euro |
| 3.500 Euro | 35 Euro | 35 Euro |
| 5.000 Euro | 50 Euro | 50 Euro |
Wie hoch könnte die Kapitalrente später ausfallen?
Mit unserem Rechner lässt sich beispielhaft ermitteln, wie sich die geplanten Beiträge zur Kapitalrente über mehrere Jahrzehnte entwickeln könnten. Dabei können unter anderem Gehalt, Laufzeit, Rendite, Kosten und Auszahlungsdauer angepasst werden. Die Ergebnisse dienen nur zur Orientierung und sind keine verbindliche Prognose.
Der Biografie-Check: Wer könnte von der Kapitalrente profitieren?
Ob die Reform als gerecht empfunden wird, entscheidet sich nicht an einem einzigen Durchschnittsrentner. Ihre Wirkung sieht je nach Alter, Einkommen, Gesundheit und Erwerbsverlauf unterschiedlich aus. Machts schätzt, dass bestimmte Gruppen deutlich profitieren könnte, während für andere derzeit konkrete Absicherungen noch fehlen.
Fall 1: Die 30-jährige Vollzeitkraft
- mit regelmäßigem Einkommen, baut mehrere Jahrzehnte Kapital auf,
- könnte besonders stark vom Zinseszinseffekt und von langfristigen Kapitalmarkterträgen profitieren,
- wird durch zusätzliche Beiträge während des Berufslebens belastet
Bilanz: langfristig eher Gewinnerin - sofern Kosten niedrig bleiben und die Kapitalanlage ausreichende Erträge erwirtschaftet.
Fall 2: Die 45-jährige Teilzeitkraft mit Pflegephasen
- Eine 45-Jährige arbeitet wegen Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen in Teilzeit,
- zahlt weniger in das Umlagesystem ein, Kapitalstock wächst langsamer
"Frühe Lücken können besonders stark wirken, weil nicht nur Beiträge fehlen, sondern auch langfristige Kapitalmarkterträge", erklärt Finanzexperte Machts. Erwerbsunterbrechungen würden bei einer kapitalgedeckten Rente doppelt ins Gewicht fallen: Wer früh im Berufsleben weniger einzahlt, verliert neben den Beiträgen auch deren mögliche Wertentwicklung über mehrere Jahrzehnte.
Entscheidend wäre, ob der Staat oder die Versichertengemeinschaft für gesellschaftlich anerkannte Zeiten wie Kindererziehung und Pflege zusätzliche Beträge auf das Kapitalkonto einzahlt.
Fall 3: Der 60-jährige Beschäftigte
- wer nur noch wenige Jahre bis zur Rente hat, kann kaum einen großen Kapitalstock aufbauen,
- die Kommission schlägt für diesen Fall einen steuerfinanzierten Übergangsfaktor bis etwa 2040 vor
Rentennahe Jahrgänge würden nicht allein auf die Erträge ihrer kurzen Ansparzeit verwiesen. Allerdings wird ein Teil der Übergangskosten auf die Steuerzahler verlagert. Bedeutet in diesem Fall: weniger Nutzen aus der Kapitalanlage, aber vorgesehener Schutz durch Steuermittel.
Wie gut ist das Rentenpaket also wirklich?
Die Vorschläge der Rentenkommission gehen einige der zentralen Probleme des bisherigen Systems an. Eine breitere Finanzierungsbasis und der Aufbau einer zusätzlichen Kapitalrente können die Altersvorsorge langfristig stabiler machen. Ein großer Vorteil: Besonders jüngere Beschäftigte mit kontinuierlichen Erwerbsbiografien könnten davon profitieren.
Überzeugend ist das Paket dennoch noch nicht. Die zusätzlichen Beiträge belasten Arbeitnehmer bereits heute, während sich mögliche Vorteile erst nach Jahrzehnten zeigen. Für Menschen mit niedrigen Einkommen, Teilzeitphasen, Pflegezeiten oder körperlich belastenden Berufen bleiben wichtige Fragen offen. Gerade bei ihnen entscheidet die konkrete Ausgestaltung darüber, ob die Reform mehr Sicherheit schafft oder bestehende Ungleichheiten verschärft.
Finanzexperte Machts stellt klar: "Die Rente bleibt eine Gemeinschaft und der Generationenvertrag bleibt bestehen, wird nur ergänzt. Diese Gemeinschaft unterstützt bereits unterschiedlichste Erwerbsbiographien; je mehr dauerhaft eingezahlt wird, umso mehr kann auch eine gefühlte individuelle Gerechtigkeit entstehen, die 2% dürfen nur der Anfang sein."
Unser Fazit: Das Rentenpaket ist zwar ambitioniert, aktuell aber noch nicht sozial ausgewogen. Eine gute Reform wird erst daraus, wenn Menschen mit Erwerbsunterbrechungen auf konkrete Ausgleichsmaßnahmen bauen können, Härtefälle geschützt werden und die Kosten der Kapitalrente dauerhaft niedrig gehalten werden. Bis dahin bleibt das Konzept eher ein vielversprechender Entwurf als eine überzeugende Lösung.
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Christian Machts leitet seit Juni 2025 das Deutschland- und Österreichgeschäft des Vermögensverwalters Franklin Templeton. Zuvor war der zertifizierte europäische Finanzanalyst in leitenden Positionen bei Fidelity International, BlackRock und der Commerzbank tätig. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung im Finanz- und Asset-Management.
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sfx/hos/news.de
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