Kein Ukraine-Frieden vor Frühjahr 2027?: "Die Russen werden nur so tun" – Nato-Staatschef warnt vor Putin-Taktik

Die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Ukraine-Krieges bekommt einen Dämpfer. Litauens Präsident Gitanas Nausėda traut Wladimir Putin keine ernsthaften Friedensabsichten zu und warnt vor einer neuen russischen Strategie.

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Lässt Wladimir Putin die Friedensverhandlungen mit der Ukraine absichtlich scheitern? (Foto) Suche
Lässt Wladimir Putin die Friedensverhandlungen mit der Ukraine absichtlich scheitern? Bild: picture alliance/dpa/Pool AP | Pavel Bednyakov
  • Gitanas Nausėda erwartet erst im Frühjahr 2027 ernsthafte Verhandlungen
  • Wladimir Putin könnte Friedensgespräche gezielt scheitern lassen
  • Russland dürfte den militärischen Druck auf die Ukraine im Winter erhöhen

Litauens Staatsoberhaupt Gitanas Nausėda rechnet nicht damit, dass Wladimir Putin in absehbarer Zeit zu echten Friedensverhandlungen bereit sein wird. "Die russische Führung sieht derzeit keine Notwendigkeit, in Verhandlungen einzutreten – zumindest nicht vor dem Frühjahr 2027", erklärte er gegenüber der "WELT". Der Kreml werde stattdessen die Wintermonate nutzen, um die Ukraine mit massiven Luft­angriffen weiter unter Druck zu setzen.

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Drohnen und Raketen zielten dabei vor allem auf die Energieversorgung des Landes, um die Bevölkerung durch Kälte zum Einlenken zu zwingen. Nausėda forderte deshalb verstärkte westliche Hilfe – insbesondere bei der Flugabwehr und beim Wiederaufbau der zerstörten Energieinfrastruktur. Seine düstere Einschätzung stellt die aktuellen diplomatischen Bemühungen der USA, der EU und weiterer Verbündeter infrage, beide Kriegsparteien zurück an den Verhandlungstisch zu bringen.

Melania Trump bringt Kriegsparteien im Weißen Haus zusammen

Parallel zu Nausėdas Warnungen laufen intensive diplomatische Bemühungen. Am Donnerstag empfing US-First-Lady Melania Trump Vertreter beider Konfliktparteien im Weißen Haus und drängte auf eine gemeinsame Waffenruhe. Unter den Teilnehmern befand sich auch Putins Gesandter Kirill Dmitrijew. Als Vorbild nannte sie die von ihr mitvermittelte Evakuierung von 800 Menschen aus der umkämpften Grenzstadt Oleschky.

Trumps Sondergesandter Steve Witkoff kündigte an, dass ukrainische, russische und amerikanische Delegationen in der kommenden Woche in Abu Dhabi zusammenkommen würden. Dort sollen Sicherheitsarrangements für die Nachkriegszeit, Deeskalation und humanitäre Fragen besprochen werden. Zur Vorbereitung hatte die EU bereits am Mittwoch in Brüssel ein Abstimmungstreffen mit Vertretern der USA, der Ukraine, der NATO und weiterer europäischer Staaten ausgerichtet.

Nausėda: "Die Russen werden nur so tun, als würden sie verhandeln"

Der litauische Präsident begründete seine Skepsis mit einer klaren Analyse der russischen Strategie. "Die Russen werden nur so tun, als würden sie verhandeln. Ich vertraue ihnen nicht", sagte er der "WELT". Moskau werde gezielt Bedingungen formulieren, die für Kyjiw von vornherein unannehmbar seien – mit dem Kalkül, die Gespräche absichtlich zum Scheitern zu bringen.

Dennoch zeigte sich Nausėda für die Zeit nach dem Winter vorsichtig optimistisch. Sollte die Ukraine die kommenden Monate überstehen – wovon er fest ausgehe –, würden die Aussichten auf substanzielle Verhandlungen im Jahr 2027 deutlich steigen. Vor diesem Zeitpunkt hält er echte Fortschritte am Verhandlungstisch jedoch für ausgeschlossen. Deshalb bleibe die militärische Unterstützung des Westens, vor allem bei der Luftverteidigung, unverzichtbar.

Meloni warnt: Europa droht bei Friedensgesprächen zur Randfigur zu werden

Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni übte am Donnerstag scharfe Kritik an der europäischen Diplomatie im Ukraine-Konflikt. Der Kontinent laufe Gefahr, bei möglichen Verhandlungen in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen, solange einzelne Länder mit konkurrierenden Initiativen aufträten. Stattdessen müsse sich die EU auf einen einzigen, mit einem klaren Mandat ausgestatteten Vertreter einigen.

Meloni betonte, weder für sich persönlich noch für Italien einen Sitz am Verhandlungstisch anzustreben. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass Rom es nicht hinnehmen werde, wenn ohne offizielles EU-Mandat über Verpflichtungen verhandelt werde. Die Benennung eines gemeinsamen Sprechers für die gesamte Union sei dringend erforderlich, um Europas Gewicht in den Friedensbemühungen zu sichern.

Putin testet Nato-Grenzen mit Drohnen, Ballons und Sabotage

Nausėda zufolge setzt Russland seinen hybriden Krieg gegen Europa mit vielfältigen Mitteln fort. Er verwies auf "illegale Migration, Wetterballons, die in unseren Luftraum eindringen, und Drohnen, die aus der Ukraine oder Russland kommen". Litauen verfüge über nachrichtendienstliche Hinweise auf weitere geplante Provokationen und habe gemeinsam mit Polen die Grenzsicherung verstärkt.

Auch Warschau reagierte bereits: Am Dienstag verlegte Polen Sicherheitskräfte an die 230 Kilometer lange Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Ministerpräsident Donald Tusk berichtete von Männern mit Taschenlampen, die sich nachts in verdächtiger Weise im Grenzgebiet bewegt hätten.

Einen konventionellen Angriff auf NATO-Territorium schloss Nausėda vorerst aus, da Russlands militärische Kapazitäten in der Ukraine gebunden seien. "Aber Putin testet uns und nähert sich immer weiter Artikel 5, der kollektiven Beistandsverpflichtung der NATO", warnte er.

Kreml nimmt keine Rücksicht auf die eigene Bevölkerung

Nach Einschätzung Nausėdas wird Putin den Krieg so lange fortführen, wie ihm die nötigen Mittel zur Verfügung stehen. Zwar verschlechtere sich die wirtschaftliche Lage in Russland zunehmend, doch "der Kreml kümmert sich wenig um den Lebensstandard der Bevölkerung", so der litauische Präsident.

Litauen selbst treibe seine Aufrüstung mit hohem Tempo voran. Bis zur zweiten Jahreshälfte 2027 wolle das Land "deutlich besser ausgerüstet" sein, um jeder Bedrohung aus Moskau standhalten zu können.

Mit Blick auf Washington räumte Nausėda ein, dass das Vorgehen der USA unter Präsident Trump bisweilen schwer einzuordnen sei. Bestimmte Entscheidungen – etwa der Kauf russischen Diesels oder der Import belarussischer Düngemittel – ließen sich mit den bevorstehenden US-Zwischenwahlen erklären. "Das Handeln unseres wichtigsten Verbündeten ist manchmal schwer vorherzusagen", sagte er.

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