Sie desertieren in Deutschland: Recherche enthüllt - Hunderte ukrainische Soldaten auf der Flucht

Mehrere Hundert ukrainische Soldaten haben sich während ihrer Ausbildung auf deutschen Truppenübungsplätzen abgesetzt – viele von ihnen wurden zwangsrekrutiert und sahen es als einzige Chance, dem Fronteinsatz zu entkommen.

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Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (48) gehen nach und nach die Soldaten aus.  (Foto) Suche
Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (48) gehen nach und nach die Soldaten aus.  Bild: picture alliance/dpa/Michael Kappeler
  • Hunderte ukrainische Soldaten fliehen aus deutschen Kasernen
  • Zwangsrekrutierung treibt Männer zur Desertion
  • Soldat gesteht: "Ich will einfach nicht sterben"
  • Deserteuren drohen bis zu zwölf Jahre Haft

Während ihrer militärischen Ausbildung auf deutschen Übungsplätzen haben sich offenbar mehrere Hundert ukrainische Soldaten von ihrer Truppe abgesetzt. Das geht aus einer Recherche der "Zeit" hervor. Zunächst wurden zehn konkrete Fälle von zwei Standorten bekannt – die tatsächliche Dimension ist jedoch erheblich größer.

Ukrainische Soldaten flüchten vor Krieg während Aufenthalt in Deutschland

Allein dem Innenministerium von Sachsen-Anhalt liegen Erkenntnisse über mindestens 80 Desertionen vor. Bundesweit geht die "Zeit" von mehreren Hundert Fällen aus. Das Bundesverteidigungsministerium lehnte es auf Nachfrage ab, konkrete Zahlen zu nennen.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 haben rund 29.000 ukrainische Militärangehörige eine Ausbildung in Deutschland absolviert. Dabei lernten sie unter anderem den Einsatz von Haubitzen und Panzern. Besonders der Truppenübungsplatz Altengrabow in Sachsen-Anhalt rückte in den Fokus der Berichterstattung.

Zwangsrekrutierung treibt Soldaten in die Flucht

Hinter den Desertionen steckt ein strukturelles Problem: Zahlreiche der geflohenen Männer haben sich nicht aus eigenem Antrieb zum Militärdienst gemeldet. Sie wurden gegen ihren Willen eingezogen. Den Aufenthalt auf deutschen Übungsplätzen sahen sie als Chance, sich dem Kriegseinsatz zu entziehen.

Während in der Anfangsphase des Konflikts noch kampferfahrene und hochmotivierte Soldaten zur Weiterbildung nach Deutschland geschickt wurden, hat sich das Bild laut "Zeit" grundlegend gewandelt. Inzwischen treffen zunehmend Neulinge ein, die in Deutschland erst ihre Grundausbildung durchlaufen sollen. Viele von ihnen wurden unter Zwang rekrutiert.

Dass die Mobilisierungspraxis problematisch ist, räumte auch Präsident Wolodymyr Selenskyj ein. Er hatte öffentlich ein Ende der "schändlichen Straßenmobilisierungen" gefordert. Freiwillige Meldungen zum Frontdienst sind in der Ukraine mittlerweile zur Seltenheit geworden.

"Ich will einfach nicht sterben und auch nicht töten"

Die Beweggründe der Geflohenen sind vielfältig. Gegenüber der "Zeit" schilderten mehrere Männer ihre persönliche Situation. Einer berichtete von Übergriffen durch Vorgesetzte auf dem Übungsplatz, wo ukrainische Aufseher gemeinsam mit deutschen Offizieren die Rekruten ausbilden. Andere sehnten sich nach ihren Angehörigen, die bereits in EU-Ländern leben.

Ein ehemaliger Häftling, der wegen Mordes verurteilt worden war, erklärte, er wolle nach seiner Entlassung ein völlig neues Leben beginnen. Ein weiterer Deserteur brachte seine Verweigerung auf den Punkt: "Ich will einfach nicht sterben und auch nicht töten. Nicht an der Front und auch sonst nirgendwo. Reicht das aus?"

Gemeinsam ist den Männern, dass sie den Trainingsaufenthalt in Deutschland als einzigen Ausweg aus einem Krieg betrachteten, den sie nicht führen wollten.

Kein Schutzstatus für desertierte Soldaten

Rechtlich befinden sich die Geflohenen in einer prekären Lage. Anders als ukrainische Zivilisten, die vor dem Krieg nach Deutschland geflohen sind, können desertierte Soldaten keinen Aufenthaltstitel nach Paragraf 24 des Aufenthaltsgesetzes erhalten. Diese Regelung greift nur bei Menschen, die aus der Ukraine vertrieben wurden – nicht bei Militärangehörigen, die von Kiew offiziell zur Ausbildung entsandt wurden.

Ein Sprecher der Bundesregierung bestätigte gegenüber der "Zeit", dass ukrainische Soldaten "grundsätzlich keinen Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 24 des Aufenthaltsgesetzes" stellen dürfen. Als Alternative bleibt ihnen lediglich ein individuelles Asylverfahren, in dem sie eine persönliche Verfolgung oder Lebensgefahr bei einer Rückkehr glaubhaft machen müssen.

Mindestens ein Deserteur hat diesen Weg bereits eingeschlagen und lebt derzeit in einer Flüchtlingsunterkunft. Bei einer Rückkehr in die Ukraine drohen den Männern nach dortigem Recht Haftstrafen von bis zu zwölf Jahren.

Ukraines Armee kämpft mit massivem Personalschwund

Die Desertionen in Deutschland sind Teil einer weitaus größeren Krise. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums halten sich geschätzt zwei Millionen wehrpflichtige Männer im Land versteckt, um einer Einberufung zu entgehen. Mindestens 60.000 Soldaten haben ihren Dienst bereits vollständig quittiert, weitere 250.000 sollen sich zumindest vorübergehend unerlaubt von ihrer Einheit entfernt haben.

Um dem Personalmangel entgegenzuwirken, kündigte Selenskyj im Juni höhere Soldgehälter, zeitlich begrenzte Dienstverträge und die verstärkte Anwerbung ausländischer Kämpfer an. Angestoßen hatte diese Reformen der damalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, der jedoch kurz darauf seines Amtes enthoben wurde.

Fedorows Ablösung sorgte für Unmut in der Truppe, da er als Reformer der teils erstarrten Militärstrukturen galt. Sein Abgang dürfte das ohnehin fragile Vertrauen vieler Soldaten in die Armeeführung weiter erschüttert haben.

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