Wladimir Putin: Angst vorm Kremlchef wächst – Experten warnen vor bröckelndem Machtapparat

Angst, Misstrauen und Überwachungsparanoia: Im Machtapparat von Wladimir Putin breitet sich offenbar blanke Panik aus. Russische Eliten fürchten Abhöraktionen, Drohnenangriffe und sogar einen möglichen Umsturz. Insider sprechen bereits von Zuständen mit "stalinistischen Ausmaßen".

Von news.de Redakteurin - Uhr

Die Paranoia im Kreml wächst offenbar. (Foto) Suche
Die Paranoia im Kreml wächst offenbar. Bild: picture alliance/dpa/Pool AP | Dmitri Lovetsky
  • Russische Eliten fürchten Überwachung durch den Geheimdienst
  • Ukrainische Drohnenangriffe treffen zunehmend russisches Kernland
  • Garry Kasparow sieht wachsende Gefahr für Wladimir Putin

Im innersten Machtzirkel des Kremls breitet sich offenbar eine Atmosphäre der Furcht aus, die an düstere Zeiten erinnert. Regierungsbeamte, Wirtschaftsführer und Funktionäre sollen sich zunehmend vor Überwachung, Verrat und den Folgen des Ukraine-Krieges fürchten.

Die frühere Zentralbank-Beraterin Alexandra Prokopenko beschreibt die Stimmung in Moskau mit drastischen Worten. "Das Ausmaß der Paranoia ist so groß, dass die Menschen sogar Angst haben, zu denken – geschweige denn zu sprechen", sagte sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP.

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Russische Eliten fürchten Putin-Geheimdienst

Nach Angaben von Prokopenko herrscht unter den russischen Eliten mittlerweile massive Angst vor Überwachung durch den Staatsapparat. Die Zustände hätten "absolut paranoide, stalinistische Ausmaße" erreicht. Vor wichtigen Treffen legen Beamte und Geschäftsleute offenbar regelmäßig ihre Handys und Smartwatches ab. Die Sorge: Russische Geheimdienste könnten die Geräte hacken oder Gespräche abhören.

Wie extrem die Nervosität inzwischen geworden sein soll, schildert Prokopenko in einem kürzlich erschienenen Buch über die russischen Eliten. Demnach setzte sich ein stellvertretender Minister während eines Treffens im Jahr 2022 sogar auf sein Handy. Als das Gerät klingelte, sei der Mann rot im Gesicht geworden.

Prokopenko arbeitete vor Beginn des Ukraine-Krieges als Beraterin für den Vizechef der russischen Zentralbank. Zuvor berichtete sie als Journalistin direkt aus dem Kreml. Nach ihrer Ausreise im Jahr 2022 lebt sie inzwischen in Deutschland und forscht am Carnegie Russia Eurasia Center. Die russischen Behörden stuften sie 2025 als "ausländische Agentin" ein – ein Begriff, den der Kreml häufig gegen Kritiker und Oppositionelle verwendet.

Ukrainische Drohnen treffen Russland immer härter -Putin-Profiteure stellen plötzlich unbequeme Fragen

Während in Moskau die Angst vor Überwachung wächst, bekommt auch die russische Bevölkerung die Folgen des Krieges zunehmend direkt zu spüren. In den vergangenen Wochen griffen ukrainische Drohnen mehrfach Ölanlagen in Tuapse an. Dabei kam es zu Bränden und Ölaustritten. Auch die Stadt Perm wurde innerhalb weniger Tage von Angriffen erschüttert.

Der frühere Schachweltmeister und russische Oppositionsaktivist Garry Kasparow sieht darin einen Wendepunkt. Die Menschen in Russland hätten lange geglaubt, der Krieg bleibe weit entfernt. "Früher blieb die Bedrohung unerreichbar und fern. Jetzt ist sie Realität geworden", berichten betroffene Einwohner. Besonders heikel für den Kreml: Die Angriffe treffen ausgerechnet die wirtschaftlichen Machtzentren des Systems.

Kasparow beschreibt in einem TV-Interview Russlands Wirtschaftsmodell als mafiöse Struktur, in der lukrative Bereiche wie die Ölindustrie von bestimmten Kreisen kontrolliert werden. Lange habe ein einfaches Prinzip gegolten: In Russland Geld verdienen – und Vermögen im Westen sichern. Doch genau dieses Modell gerät nun offenbar ins Wanken. Die Schäden an den Ölanlagen treffen direkt die finanziellen Interessen der Elite. Laut Kasparow stellen sich viele Profiteure inzwischen die Frage: "Wofür wird überhaupt gekämpft? Wofür wird bezahlt?"

Angst vor Staatsstreich wächst offenbar auch im Kreml

Kasparow warnt, dass die größte Gefahr für Wladimir Putin nicht aus der Bevölkerung komme, sondern aus den oberen Ebenen der Machtvertikale. Früher seien loyale Eliten für ihre Treue belohnt worden. Jetzt müssten sie selbst die Kosten tragen – ohne erkennbare Erfolge im Krieg. Der Kreml soll deshalb zunehmend nervös reagieren. Laut einem Bericht der "Financial Times" seien die Sorgen vor einem Staatsstreich oder Attentat seit März deutlich gewachsen.

Für Kasparow folgt die Entwicklung einer historischen Logik. "Zaren und Diktatoren" werde vieles verziehen – aber keine verlorenen Kriege. Solange militärische Operationen erfolgreich seien, akzeptierten Machteliten und Bevölkerung hohe Opferzahlen. Doch wenn ein Herrscher keinen Erfolg mehr vorweisen könne, beginne das System zu bröckeln. Genau darin sehen Beobachter inzwischen die größte Gefahr für Putins Regime.

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