02.09.2020, 12.07 Uhr

Jens Spahn: Lockdown überflüssig? Minister kassiert heftige Kritik für Corona-Bilanz

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hält manche Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus im Rückblick für zu drastisch. Für seine erstaunlich ehrliche Corona-Bilanz hagelt es nun heftige Kritik.

Jens Spahn zieht eine erschreckend ehrliche Corona-Bilanz. Bild: dpa

Nach heftigen Anfeindungen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine brutal ehrliche Corona-Bilanz gezogen. Darin erklärte der Politiker, dass er inzwischen bessere Voraussetzungen für gezielte Gegenmaßnahmen bei steigenden Corona-Infektionszahlen sieht als noch im Frühjahr. Es gehe jeden Tag um die richtige Balance zwischen Gesundheitsschutz sowie Alltag und Freiheit, sagte der CDU-Politiker am Rande eines Klinikbesuchs am Dienstag in Bochum. "Wir können heute diese Abwägungsentscheidung zwischen Schutz und Alltag besser treffen, weil wir mehr wissen, weil wir mehr Erfahrung haben."

Jens Spahn zieht Corona-Bilanz: Mit heutigem Wissen hätte es keinen Lockdown gegeben

Spahn verteidigte es zugleich, dass im März mit dem damaligen Wissen und der damaligen Infektionsdynamik weitgehende Eindämmungsmaßnahmen im öffentlichen Leben verhängt worden waren. Nun, Anfang September, wisse man aber, "wie wir gut etwa im Einzelhandel im Regelbetrieb damit umgehen können, vor allem wenn wir Masken tragen und Abstand halten, ohne dass es zu Einschränkungen kommt".

Er räumte auch ein: "Man würde mit dem Wissen heute, das kann ich Ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch mal passieren. Wir werden nicht noch mal Besuchsverbote brauchen in den Pflegeeinrichtungen." Heißt konkret: Mit dem heutigen Wissensstand wäre der Lockdown im Frühjahr so nicht verhängt worden. Spahn betonte, generell bleibe es richtig, dass Abstand, Hygiene und Alltagsmasken die "besten Waffen" und vergleichsweise milde Maßnahmen im Kampf gegen das Virus seien.

Lockdown eine Fehlentscheidung? Twitter-User teilen gegen Jens Spahn aus

Im Netz löste Spahns offene Corona-Bilanz eine wahre Empörungswelle aus. In zahlreichen Twitter-Beiträgen hagelt es heftige Kritik für den Gesundheitsminister. "Der #JensSpahn ist eine kleine Lachnummer. Er macht sich tatsächlich zum #Depp.", teilt dieser User mächtig gegen den Politiker aus. "Doch, mein lieber Herr #JensSpahn, man hätte es wissen können. ALLE hätten es wissen können. Es gab Menschen, die haben GEARBEITET und sich ordentlich informiert.", schlägt dieser User in die selbe Kerbe. "Er tut so, als käme diese Erkenntnis erst heute. Menschen mit Hirn und ein paar Rechenfähigkeiten wussten das spätestens im April! Rehabilitiert Stephan Kohn! #JensSpahn #lockdown #Kollateralschäden", schließt sich ein weiterer Kommentator seinen Vorrednern an.

Andere Deutsche betrachten die Corona-Maßnahmen rückblickend hingegen als notwendig und verteidigen das Vorgehen der Regierung. "#JensSpahn findet rückblickend einige der #CoronaMaßnahmen zu drastisch, finde ich NICHT, wenn´s um die #Gesundheit und ums #NackteÜberleben geht, können die Maßnahmen gar nicht STRENG GENUG sein!!!", findet dieser Twitter-Nutzer.

So reagiert die Wirtschaft auf Spahns Aussagen

Deutlich positiver auf Jens Spahns aktuelle Äußerungen reagierte die Wirtschaft. Handelsverband-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth (57) nannte es eine "gute Nachricht", dass Ladenschließungen künftig nicht nötig sein werden. "Ein zweiter Lockdown mit Geschäftsschließungen wäre für viele Einzelhändler finanziell nicht mehr zu stemmen.", zitiert "Bild" Genth. Auch Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, begrüßt es, "dass ein Politiker seine Entscheidungen so offen und kritisch reflektiert".

Spahn wirbt für Corona-Vorgehen und weitere Dialogbereitschaft

Jens Spahn selbst nahm bei einer Pressekonferenz am Mittwoch noch einmal Stellung zu seinen jüngsten Äußerungen. Dabei hat Spahn um Verständnis für das Vorgehen in der Corona-Krise geworben und zur Dialogbereitschaft aufgerufen. "Das Virus ist dynamisch, wir müssen es auch sein", sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. Man lerne jeden Tag besser, die Balance zwischen Infektionsschutz und Alltag zu finden. Etwa im Einzelhandel oder in Pflegeeinrichtungen sei die Lage mit Hygienekonzepten und Masken derzeit gut im Griff.

Bund und Länder hätten zudem vereinbart, im Fall lokaler Ausbrüche regional angepasst Maßnahmen zu ergreifen und "sicherlich nicht noch mal so flächendeckend". Es gelte, miteinander aufzupassen, dass keine neue Dynamik entstehe und die Situation nicht entgleite. Es sei aber mit relativ niedrigen Infektionszahlen auch bereits viel erreicht. Damit könne man "zuversichtlich" in den Herbst und Winter gehen. Zugleich verteidigte Spahn erneut die weitreichenden Beschränkungen im Frühjahr, die in der damaligen Lage richtig gewesen seien.

Jens Spahn sicher: Große Mehrheit der Bürger trägt Corona-Maßnahmen mit

Mit Blick auf Proteste gegen die Corona-Politik bei Demonstrationen wie in Berlin und bei eigenen Wahlkampfterminen sprach Spahn von einer "lauten aggressiven Minderheit". Nach seiner Einschätzung trägt die große Mehrheit der Bürger die Maßnahmen mit und ist auch bereit zur Diskussion. Widerspruch sei in der Demokratie aber nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Dabei gehe es etwa beim Maskentragen im Unterricht nicht um absolute Wahrheit, sondern um Abwägungen. Wenn bei einigen "vor lauter Hass und Schreien" kein Gespräch möglich ist, dann sei dies so. Es sei aber wichtig, Gespräche anzubieten. Spahn sagte, er habe keine Antwort darauf, welche Situation in den vergangenen Monaten solchen Hass und Frust ausgelöst habe.

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sba/news.de/dpa

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