Mit smarten Unterhosen: Wie viele Fürze sind normal? Forscher untersuchen Darmwinde

Was im Alltag normalerweise ein Tabu-Thema ist, wollen US-Forscher nun untersuchen. Für ihre Studie rufen die Wissenschaftler die Bevölkerung nun dazu auf, ihre Fürze mittels einer App zu protokollieren.

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Mal leise, mal laut, meist unangenehm riechend - Forscher der University of Maryland haben untersucht, wie häufig wir Flatulenzen haben. (Foto) Suche
Mal leise, mal laut, meist unangenehm riechend - Forscher der University of Maryland haben untersucht, wie häufig wir Flatulenzen haben. Bild: AdobeStock / Krakenimages.com
  • US-Forscher haben die Häufigkeit von Fürzen untersucht
  • Dabei wurden teils bis zu 60 Darmwinde pro Tag festgestellt
  • Ein kleiner Sensor in der Unterhose half, die Gase zu messen

Mehr rund um das Thema Verdauung finden Sie am Ende dieses Beitrags.

Blähungen gehören zu den letzten Tabuthemen der Medizin – und offenbar auch zu den am meisten unterschätzten. Forscher der University of Maryland haben mit einer neuartigen Methode erstmals präzise gemessen, wie oft Menschen tatsächlich Darmgase ablassen. Die Ergebnisse der Studie dürfte viele überraschen.

Fürze wurden per Sensor in der Unterhose gemessen

Das Herzstück der Mess-Technologie, die in der im Fachmagazin "Biosensors and Bioelectronics" veröffentlichten Studie verwendet wurde, ist ein kompaktes Gerät von der Größe einer Münze, das sich unauffällig an jeder handelsüblichen Unterhose befestigen lässt. Ein elektrochemischer Sensor zeichnet kontinuierlich die Wasserstoff- und andere Gasemissionen des Darms auf.

Wasserstoff spielt dabei eine Schlüsselrolle: Er wird ausschließlich von Darmbakterien produziert und dient daher als direkter Indikator für die Aktivität des Mikrobioms. "Man kann es sich wie einen kontinuierlichen Glukosemonitor vorstellen, nur eben für Darmgase", erklärt Studienleiter Dr. Brantley Hall in einer Mitteilung der University of Maryland.

Von 4 bis 59 Fürzen täglich - die Extreme der Verdauung

Die individuelle Bandbreite der Messergebnisse fiel enorm aus: Während manche Probanden lediglich vier Gasabgänge pro Tag verzeichneten, erreichten andere bis zu 59 Ereignisse. Der Durchschnitt liegt allerdings bei etwa 32 Mal pro Tag - etwa doppelt so häufig wie die bisher in der Fachliteratur angenommenen 14 Mal. Die Forscher identifizierten dabei zwei besonders auffällige Gruppen.

Die sogenannten "Zen Digesters" verfügen über eine bemerkenswerte Fähigkeit: Trotz einer ballaststoffreichen Ernährung von 25 bis 38 Gramm täglich bleibt ihr Verdauungstrakt erstaunlich ruhig. Am anderen Ende des Spektrums stehen die "Hydrogen Hyperproducers" - Menschen, deren Darm zwischen 40 und 50 Mal am Tag aktiv wird. Diese extremen Unterschiede könnten wichtige Hinweise darauf liefern, wie sich das Mikrobiom an verschiedene Ernährungsweisen anpasst.

Warum Ärzte jahrzehntelang danebenlagen

Frühere Untersuchungen zur Häufigkeit von Blähungen stützten sich hauptsächlich auf Selbstauskünfte der Probanden. Das Problem: Menschen haben ein unzuverlässiges Gedächtnis und können unmöglich protokollieren, was im Schlaf passiert. Hinzu kommt, dass die sogenannte viszerale Sensibilität stark variiert - zwei Personen können ähnliche Gasmengen produzieren, diese aber völlig unterschiedlich wahrnehmen. Die einzige Alternative waren invasive Labormethoden wie rektale Sonden zur Gassammlung - kurzfristig und wenig alltagstauglich. Verlässliche Normalwerte für Blähungen existierten daher bisher schlicht nicht.

Der "Human Flatus Atlas" soll Klarheit schaffen

Um diese Wissenslücke zu schließen, plant das Forschungsteam ein ambitioniertes Folgeprojekt: den "Human Flatus Atlas". Hunderte Teilnehmer in den USA sollen mit der smarten Unterwäsche ausgestattet werden, um erstmals verlässliche Normalwerte für die menschliche Gasproduktion zu ermitteln. "Wir wissen eigentlich nicht, wie normale Blähungsproduktion aussieht", räumt Dr. Hall ein. "Ohne diese Basislinie ist es schwer zu beurteilen, wann jemandes Gasproduktion wirklich übermäßig ist."

Die Wissenschaftler interessieren sich besonders für die Extreme: Stuhlproben von "Zen Digesters" und "Hydrogen Hyperproducers" sollen analysiert werden, um die mikrobiellen Ursachen der unterschiedlichen Gasbildung zu entschlüsseln. Die Erkenntnisse könnten künftig helfen, die Wirksamkeit von Ernährungsumstellungen oder probiotischen Behandlungen objektiv zu bewerten.

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/ife/stg/news.de/dpa

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