26.04.2021, 11.54 Uhr

35 Jahre nach Tschernobyl: Mutationen, Krebs und Co.: Behörden fürchten weitere Tausende Todesopfer

35 Jahre ist her, seit ein Atomreaktor im Tschernobyl-Kraftwerk explodiert ist. Bis heute sind die Folgen der Katastrophe verheerend. Experten gehen davon aus, dass die damals freigesetzte Strahlung noch heute Tausende Menschenleben kosten könnte.

Ein Strahlenwarnzeichen steht in der Sperrzone um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Bild: dpa

Die Ukraine gedenkt am Montag (26. April 2021) der Opfer der verheerenden Explosion im damals noch sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986. Das Unglück gilt bis heute als die größte Atomkatastrophe der zivilen Nutzung der Kernkraft. Es gab etliche Tote und Verletzte. Bis heute sind die Folgen des Tschernobyl-Unglücks für Tausende verheerend, wie aktuell der britische "Daily Star" berichtet.

35. Jahrestag von Tschernobyl: Die Folgen sind bis heute verheerend

Im Jahr 1986 explodierte und brannte einer der Reaktoren des Kraftwerks, was dazu führte, dass sich die tödliche Strahlung in der gesamten ehemaligen Sowjetunion ausbreiten konnte. Die Folge: Tausende Tote und Verletzte. Obwohl laut einem UN-Bericht weniger als 50 Todesfälle, größtenteils infolge von akuter Strahlenkrankheit, im direkten Zusammenhang mit der Katastrophe stehen sollen, erklärte die WHO später, dass es weltweit weitere 4.000 Todesopfer geben könnte. Schuld daran seien durch die Strahlung ausgelöste Mutationen, die später tödliche Krebserkrankungen hervorrufen können.

Strahlensyndrom kostet Tausende Menschen das Leben

So waren Feuerwehrleute, die zum Einsatzort kamen, sich der enormen Strahlungsmengen, denen sie ausgesetzt waren, nicht bewusst. Innerhalb weniger Wochen nach der Kernschmelze waren 29 Kraftwerksarbeiter und Feuerwehrleute am akuten Strahlensyndrom gestorben. Ingenieur Oleksiy Breus, ein Mitglied der Belegschaft des Reaktors, sagte BBC Ukrainisch: "Ich habe andere Kollegen gesehen, die in dieser Nacht gearbeitet haben. Ihre Haut hatte eine leuchtend rote Farbe. Sie starben später im Krankenhaus in Moskau."

"Strahlenbelastung, rote Haut, Strahlenverbrennungen und Dampfverbrennungen waren das, worüber viele Leute sprachen... als ich meine Schicht beendete, war meine Haut braun, als ob ich eine richtige Sonnenbräune am ganzen Körper hätte. Meine Körperteile, die nicht von Kleidung bedeckt waren - wie Hände, Gesicht und Hals - waren rot", so Breus weiter. Insgesamt wurde bei 134 Ersthelfern akutes Strahlensyndrom (ARS) diagnostiziert, von denen 47 starben.

Reaktor-Unfall betraf Millionen von Menschen

In schweren Fällen erlitten sie Schäden an der Darmschleimhaut, Infektionen und Dehydrierung. Professor Lydia Zablotska von der University of California San Francisco sagte: "Dann, ein paar Tage später, kollabiert das Kreislaufsystem, so dass die Leute anfangen, Blutvolumenprobleme zu haben und so weiter. Der ganze Körper kollabiert im Wesentlichen." Der Reaktor-Unfall betraf Millionen von Einwohnern in der Ukraine und in Weißrussland - auch jene, die weit entfernt vom Unglücksort lebten.

Krebsfälle bei Kindern stiegen nach der Katastrophe um 90 Prozent

In den ersten fünf Jahren nach der Katastrophe stiegen die Krebsfälle bei Kindern in der Ukraine um mehr als 90 Prozent. Man geht davon aus, dass etwa 5.000 Menschen an Schilddrüsenkrebs erkrankten, nachdem sie der Strahlung ausgesetzt waren, viele davon waren Kinder. Schuld daran war unter anderem kontaminierte Milch, die in der Region verkauft wurde. Auch befürchteten Überlebende lange Zeit, dass die Strahlenbelastung ihre Spermien und Eizellen beeinträchtigt haben könnte, was möglicherweise ihre Kinder mit anderen genetischen Krankheiten belasten würde. Eine neue Studie des Nationalen Forschungszentrums für Strahlenmedizin in Kiew, Ukraine, fand jedoch keine Beweise dafür, dass Schäden an die Kinder weitergegeben wurden - nachdem die Gene von 200 Kindern untersucht wurden.

Etliche Tiere weisen genetische Mutationen auf! Vögel und Mäuse ohne Augen entdeckt

Über die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen, insbesondere jene, die auf eine gegenüber der natürlichen Strahlenexposition erhöhte effektive Dosis zurückzuführen sind, gibt es seit Jahren Kontroversen. Als sicher gilt jedoch, dass die Kernschmelze auch einen hohen Tribut von der umliegenden Tierwelt forderte, wobei Tiere genetische Mutationen erlitten. Biologe Timothy Mousseau, von der University of South Carolina, entdeckte mutierte Käfer, Vögel und Mäuse in den kontaminierten Gebieten - darunter einige mit fehlenden Augen.

Experten sicher: In der Natur lebende Organismen reagieren viel empfindlicher auf Strahlung

Er sagte zuvor gegenüber der DW: "Die Auswirkungen der Strahlung auf die Raten von Mutation, Krebs und Sterblichkeit variiert sehr stark nach Arten." Weiter erklärte der Experte: "Interessanterweise reagieren in der Natur lebende Organismen viel empfindlicher auf Strahlung als Labortiere - vergleicht man im Labor gezüchtete Mäuse mit Mäusen in freier Wildbahn, die identischen Mengen ionisierender Strahlung ausgesetzt sind, ist die Sterblichkeitsrate bei wilden Mäusen acht- bis zehnmal höher als bei Labormäusen." Wissenschaftler glauben, dass die Zone um die ehemalige Anlage bis zu 20.000 Jahre lang nicht bewohnbar sein wird.

Während der Aufräumarbeiten wurden Hubschrauber, Panzer, Feuerwehrautos und Lastwagen eingesetzt, um radioaktive Trümmer zu reinigen und Materialien in den Reaktor zu kippen. Anstatt die Fahrzeuge zu reinigen und zurückzubringen, beschlossen die Behörden, sie so weit wie möglich von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Viele von ihnen liegen nun in der Sperrzone rund um das Reaktorgelände.

Tschernobyl heute: Das plant die Ukraine mit dem radioaktiven Gebiet

Ungeachtet der Katastrophe ist eine Abkehr von der Atomenergie aber weder in der Ukraine noch im Nachbarland Russland je ein größeres Thema gewesen. Heute organisieren Reiseanbieter Touren in die Sperrzone. Immer wieder sorgen dort auch Wald- und Flächenbrände für Aufsehen, bei denen radioaktive Teilchen aus dem Boden wieder aufgewirbelt werden. Die Ukraine will das Gebiet zunehmend wirtschaftlich nutzen. Im Juli soll dort ein Atommüllzwischenlager in Betrieb genommen werden.

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sba/fka/news.de/dpa

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