Landtagswahl: Wie die AfD das Bauhaus angreift

Vor einem Jahrhundert revolutionierte das Bauhaus Architektur und Design. International wird es gefeiert - die AfD in Sachsen-Anhalt attackiert es. Die Partei will eine "patriotische Kulturpolitik".

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Bei der Landtagswahl wird das Parlament eines Bundeslands gewählt (Symbolbild). (Foto) Suche
Bei der Landtagswahl wird das Parlament eines Bundeslands gewählt (Symbolbild). Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Vor einem Jahrhundert schafft das Bauhaus mit seinem minimalistischen Design eine neue Sichtweise auf die Welt - und wird gleichzeitig von den Nationalsozialisten attackiert. Genau dort, wo es damals ums Überleben kämpfte, wird es nun wieder angegriffen. Die AfD in Sachsen-Anhalt hat es zum "Irrweg der Moderne" erklärt.

Bei der Landtagswahl will die Partei, die im Land als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, an die Regierung kommen. Und sie macht vorab mit ihrem Kulturkampf auch international Schlagzeilen, vom US-amerikanischen "Wall Street Journal" bis zur britischen "Financial Times".

Das Bauhaus, das einst 1919 von Walter Gropius und anderen in Weimar gegründet wurde, ist weltweit bekannt. Die Kunsthochschule sollte Handwerk, Architektur, Kunst und Leben verbinden - quasi auch als Versuchslabor für eine neue Gestaltung der Gesellschaft.

Später zog das Bauhaus nach Dessau und Berlin, wo es unter politischem Druck schließen musste. Seine Ansätze und Designformen beeinflussen aber bis heute Kunst und Architektur. Da gibt es zum Beispiel die Meisterhäuser in Dessau, Gebäude in Chicago oder Tel Aviv und Einrichtungsobjekte wie die Kugelleuchte oder den freischwingenden Stahlrohrstuhl.

Wie die AfD das Bauhaus zum Feindbild erklärt

Die AfD dagegen kritisiert das Bauhaus. Vor dem 100. Geburtstag formulierte sie, eine "einseitige Glorifizierung des Bauhaus-Erbes" zum Jubiläum solle verhindert werden. "Die internationale Verbreitung des Bauhaus-Stils führte zu einer Art globalem "Einheitsbrei"", so die These der AfD. Es war die Rede von "historischen Bausünden".

Dass Sachsen-Anhalt seine Landeskampagne an das Bauhaus angelehnt und "#moderndenken" genannt hat, ist der AfD ebenfalls ein Dorn im Auge. Sie würde die Kampagne gerne in "#deutschdenken" umbenennen.

Dass eine Landesregierung angesichts einer Überfülle an großer deutscher Geschichte von Otto I. über Bismarck und Nietzsche "zu keinem anderen Stoff als einer umstrittenen Architekturschule greift, ist selbst schon ein deutliches Zeichen der Identitätsstörung, die wir kritisieren und die wir heilen werden", heißt es im Wahlprogramm, das die AfD Regierungsprogramm genannt hat.

Der stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Hans-Thomas Tillschneider griff im Oktober 2024 im Landtag zu einer drastischen Wortwahl: "Das Bauhaus hat das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit und Behaglichkeit nach allen Regeln der Kunst vergewaltigt."

Warnung des Kulturstaatsministers

Nun hat sich vor der Landtagswahl ein Bündnis formiert, das sich hinter das Erbe des Bauhauses stellt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) mahnte, die Finanzierung der Bauhaus-Institution in Dessau müsse auch im Falle einer AfD-Regierung gesichert sein. Die Haltung der Partei kritisierte er. "Wer das attackiert, der knüpft direkt an die Verfolgung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten an, die Bauhausmeister wie Feininger, Kandinsky, Klee oder Schlemmer brutal verfolgten", sagte er der "Augsburger Allgemeinen".

Inzwischen hat Weimer auch ein bundesweites "Bauhaus-Manifest" auf den Weg gebracht, in dem sich Kulturschaffende, Handwerk, Architekten und Kirchen für die Freiheit der Kunst und eine weltoffene Gesellschaft starkmachen. Die AfD wird in dem Papier nicht erwähnt.

In Thüringen und Anhalt waren die Nationalsozialisten in Deutschland zuerst erfolgreich gewesen. 1930 gelang der NSDAP in Thüringen erstmals die Beteiligung an einer Landesregierung. Im Mai 1932 wurde Alfred Freyberg in Anhalt der erste NSDAP-Ministerpräsident in Deutschland. Drei Monate später beschloss der Dessauer Gemeinderat auf Antrag der NSDAP, das Bauhaus dort zum 1. Oktober zu schließen.

"Ähnliches Vokabular wie vor 100 Jahren"

Die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Barbara Steiner, schaut sorgenvoll auf die Landtagswahl. Die AfD werde sehr viel mehr Stimmen erhalten als bei der letzten Landtagswahl, und dies werde Konsequenzen haben. "Nur in welchem Ausmaß?", sagte sie dem "Tagesspiegel". Was das Bauhaus betreffe, sei einiges offen, denn die AfD sei nicht homogen.

Im AfD-Programm stehe detailliert, was sie zu erwarten hätten. Der Kulturbegriff werde stark verengt. "Es geht darum, die Idee einer deutschnationalen, völkischen Kultur zu befördern. Das Geschichtsnarrativ der AfD endet allerdings kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts."

"Die AfD benutzt interessanterweise ein ähnliches Vokabular wie vor 100 Jahren, um das Bauhaus zu kritisieren: Traditionsfeindlichkeit, Heimatverlust, Wurzellosigkeit, Austauschbarkeit, Gleichförmigkeit, Kosmopolitismus", sagte Steiner. "Das sind die typischen Vorwürfe von Anti-Modernen." Dass das Bauhaus weltbekannt sei, garantiere Aufmerksamkeit.

Schlagzeilen als Kalkül?

Ähnlich äußert sich die Direktorin des Berliner Bauhaus-Archivs, Brigitte Franzen. Sie sehe mit Sorge, was sich in den letzten Jahren zusammengebraut habe - die Angriffe der AfD gegen die Moderne und experimentierfreudige Kulturprojekte hätten nicht gerade eben erst begonnen. Den "Irrweg" sieht Franzen allerdings woanders - nämlich in der Idee, dass Kultur an einen deutschtümelnden Heimatbegriff gebunden sein müsse.

Das Bauhaus sei damals großen Anfeindungen aus rechtsextremen Kreisen ausgesetzt gewesen. Viele Bauhäuslerinnen und Bauhäusler seien zur Flucht gezwungen oder in Konzentrationslagern ermordet worden. Das Bauhaus sei daher auf mehreren Ebenen sehr sensibel, sagt Franzen.

Gleichzeitig habe die AfD erkannt, dass das Bauhaus fast so bekannt sei wie Apple und nutze das aus. Es sei aber auch wichtig, nicht alleine reaktiv zu sein, findet Franzen. In Weimar, Dessau und Berlin wollten sie dafür sorgen, dass die Ideen des Bauhauses publik würden, etwa experimentelles Denken und demokratisches Miteinander. "Da haben wir diesen ziemlich rückwärtsgewandten Kritiken wahnsinnig viel Positives entgegenzusetzen."

Genau an den zwei Tagen vor der Landtagswahl wird in Dessau nun das Bauhausfest gefeiert. Thema ist der Zirkus. Die Bauhäuslerinnen und Bauhäusler seien fasziniert gewesen von der experimentellen, spielerischen und fantastischen Seite des Zirkus, erklärt die Stiftung. Ihnen sei es um Gemeinschaftserfahrungen gegangen. Und so wird jetzt auch gefeiert. Dabei könnte dem Bauhaus eine ernste Zeit bevorstehen.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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