Schmerzen trotz Therapie: Neues Schmerzmittel soll bei chronischen Leiden Abhilfe schaffen

Dauerhafte Schmerzen, Taubheit, Kribbeln – für rund 23 Millionen Menschen in Deutschland ist das Alltag. Ein neues Medikament soll vor allem Menschen mit Nervenschäden wieder Hoffnung geben. Wie wirksam ist das Mittel in der Praxis?

Von news.de-Redakteur - Uhr

Bei chronischen Schmerzen gibt es häufig auch neuropathische Ursachen, die sich nicht so einfach behandeln lassen. (Foto) Suche
Bei chronischen Schmerzen gibt es häufig auch neuropathische Ursachen, die sich nicht so einfach behandeln lassen. Bild: AdobeStock / My Ocean studio
  • Mehrere Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen
  • Oft werden Opioide verschrieben - doch die Folgen können verheerend sein
  • Ein neues Medikament könnte die Schmerzen mit Cannabisextrakt lindern

Mehr Infos rund um neue Medikamente finden Sie am Ende dieses Beitrags.

Millionen Menschen in Deutschland werden tagtäglich durch chronische Schmerzen massiv beeinträchtigt. Besonders bei Nervenschädigungen sind die Behandlungsmöglichkeiten bislang oft begrenzt und nicht immer zufriedenstellend. Umso größer sind die Erwartungen an ein neues Medikament, das gezielt genau hier ansetzen soll: an den Ursachen neuropathischer Beschwerden. Doch wie viel Hoffnung ist berechtigt?

Wie entstehen chronische Schmerzen?

Chronische Schmerzen können äußerst unterschiedliche Ursachen haben. Eine besonders häufige Ursache ist Verschleiß. Mit zunehmendem Alter oder durch starke Belastung können sich Gelenke, Bandscheiben oder andere Strukturen des Bewegungsapparats abnutzen – dadurch kann beispielsweise eine Arthrose entstehen. Sie entstehen aber auch im Zuge von:

  • Folgen von Verletzungen oder Operationen
  • Chronischen Entzündungen, beispielsweise bei Autoimmunerkrankungen
  • Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne oder Spannungskopfschmerzen
  • Krebserkrankungen und deren Behandlung

Schätzungen zufolge kannbei bis zu 35 Prozent aller Schmerzerkrankungen zudem eine neuropathische Schmerzkomponente nachgewiesen werden - also eine Nervenschädigung, beispielsweise verursacht durch Diabetes, Gürtelrose, Bandscheibenvorfälle oder Verletzungen von Nerven.

Opioide werden noch immer zu häufig eingesetzt

Ein großes Problem: Häufig werden Opioide gegen die Schmerzen verordnet - Deutschland zählt zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch opioidhaltiger Analgetika, die insbesondere bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen eingesetzt werden. Dabei bergen Therapien mit den Mitteln, die länger als drei Monate andauern, ein erhebliches Risiko für die Entwicklung einer Abhängigkeit. Dennoch werden die Medikamente oftmals nicht nur für äußerst lange Zeiträume, sondern auch in hoher Dosis verordnet.

So wurden für eine Studie der Universität Duisburg-Essen, der DAK-Gesundheit und des Berufsverbands der Schmerz- und Palliativmedizin über 113.000 Patienten untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa die Hälfte der Studienteilnehmer auch im Vorjahr opioidhaltige Analgetika erhalten hatten. Während nur 10 Prozent der Personen ihre Therapie im Studienzeitraum beenden konnten, überschritten ganze 10,5 Prozent die von Leitlinien empfohlene maximale Tagesdosis.

Langfristig droht laut Experten zwar keine vergleichbare Opioid-Krise wie in den USA – nach Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind die Verordnungen opioidhaltiger Schmerzmittel zwischen 2005 und 2020 immerhin sogar zurückgegangen. Dennoch stellen Opioide eine erhebliche gesundheitliche Gefahr – insbesondere für Schmerzpatienten – dar.

Neues Medikament soll die Schmerzen lindern

Doch genau diese Patienten könnten bald von einer neuen Therapieoption profitieren. Der Pharmakonzern Vertanical hat jüngst die Zulassung zur Behandlung chronischer Kreuzschmerzen mit neuropathischer Komponente für das Medikament Exilby erhalten. Interessant ist, dass Exilby auf einem standardisierten Cannabis-Extrakt basiert – nicht auf Opioiden. Grundlage für die Zulassung sind nach Unternehmensangaben mehrere klinische Studien mit insgesamt mehr als 1.200 Patienten. Eine zentrale Studie wurde im Fachjournal "Nature Medicine" veröffentlicht.

Die Ergebnisse sind deshalb so spannend, weil sie erstmals einen großen Datensatz zu einem standardisierten Cannabisextrakt bei chronischen Rückenschmerzen liefern. Zudem zeigen sie einen statistisch signifikanten Vorteil gegenüber Versuchen mit Placebos – insbesondere bei Patienten mit neuropathischen Schmerzanteilen. Durchaus relevant ist auch, dass bei den Patienten neben der Schmerzlinderung auch verbesserte Schlafwerte und körperliche Funktionen erreicht werden konnten.

Nebenwirkungen schränken Anwendungsbereich ein

Einzuräumen bleibt allerdings, dass typische Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit und Benommenheit vergleichsweise häufig auftraten. Daher wird die Therapie voraussichtlich nicht für jeden Schmerzpatienten geeignet sein - doch für Patienten mit chronischen, bislang nur unzureichend gelinderten Schmerzen könnte sie eine wichtige Ergänzung sein.

Exilby soll vor allem jenen helfen, bei denen andere Behandlungsmethoden bislang nur unzureichend angeschlagen haben oder bei denen diese nicht infrage kommen. Wichtig zu beachten: Ein dauerhaftes Verschwinden der Schmerzen verspricht der Pharmakonzern nicht – lediglich eine deutliche Reduktion der Beschwerden.

Dieser Artikel wurde nach umfassender Recherche erstellt und ersetzt keinen ärztlichen Rat. Im Notfall sollten Sie immer einen Mediziner oder den Rettungsdienst um Hilfe bitten.

Mehr Infos zu neuen Behandlungsmethoden und Arzneimitteln lesen Sie hier:

/bua/news.de

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.