Prozess (Gericht): Nord-Stream-Anschläge hatten kaum Einfluss auf Gasversorgung
Denn als die Nord-Stream-Pipelines explodierten, floss schon kein Gas mehr durch die Röhren nach Deutschland. Die Bundesnetzagentur sieht in einem Szenario dennoch ein Problem.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee haben nach Einschätzung der Bundesnetzagentur kaum einen Einfluss auf die Gasversorgung in Deutschland gehabt. "Zum Zeitpunkt der Sprengung haben wir keine Mengen mehr über Nord Stream 1 bekommen", sagte ein als Zeuge geladener Vertreter der Behörde am vierten Prozesstag gegen den früheren Offizier einer Spezialeinheit des ukrainischen Militärs, Serhij Kusnjezow. Bereits seit dem Frühjahr 2022 habe Russland die Liefermengen eingeschränkt und Anfang September ganz eingestellt.
Kusnjezow wird eines Kriegsverbrechens beschuldigt
Die Bundesanwaltschaft wirft Kusnjezow vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht vor, die Explosionen südlich der dänischen Insel Bornholm mit sechs weiteren Tätern verursacht zu haben. Wegen des Einsatzes verbotener Methoden der Kriegsführung durch einen Angriff gegen zivile Objekte lautet die Anklage auf Kriegsverbrechen. Außerdem wird der 50-Jährige beschuldigt, eine Sprengstoffexplosion herbeigeführt, Bauwerke zerstört und öffentliche Betriebe gestört zu haben.
Am 26. September 2022 waren am Grund der Ostsee in etwa 80 Metern Tiefe mehrere Sprengsätze detoniert. Die beiden Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 wurden massiv beschädigt. Insgesamt gab es vier Lecks an drei der insgesamt vier Leitungen. Nord Stream 1 besteht aus zwei jeweils 1.224 Kilometer langen und 2011 beziehungsweise 2012 in Betrieb genommenen Pipeline-Strängen, die vom russischen Wyborg nach Lubmin bei Greifswald führen.
Eigentümerin der rund 7,4 Milliarden Euro teuren Pipelines ist die Nord Stream AG, die wiederum zu 51 Prozent dem russischen Staatskonzern Gazprom gehört. Die Nord-Stream-2-Pipelines gehören über die Nord Stream 2 AG vollständig Gazprom. Die 9,5 Milliarden Euro teuren parallel zu Nord Stream 1 laufenden Leitungen wurden 2021 fertiggestellt, aber wegen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine nie genutzt.
Deutschland und die EU bezogen viel Gas aus Russland
Vor dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 bezogen Deutschland und die Europäische Union erhebliche Gasmengen aus Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken (GUS). So stammten von den 2020 importierten 1.674 Terawattstunden (TWh) Gas 1.121 TWh von dort, wie der Vertreter der Bundesnetzagentur sagte. Das entspreche einem Anteil von 67 Prozent. Danach folgte Norwegen mit 341 TWh.
Verbraucht wurden 2020 demnach in Deutschland 941 TWh, in den Export gingen 814 TWh. Ein Jahr später seien die Importmengen etwas auf 1.458 TWh gesunken. Der Großteil stammte den Angaben zufolge aber mit 927 TWh weiter aus Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Wie viel Gas von dort für den europäischen Binnenmarkt konkret in Deutschland blieb, konnte der Vertreter der Bundesnetzagentur nicht sagen. "Das müssen Sie sich als einen großen Gas-See vorstellen, in den verschiedene Flüsse fließen", erklärte er.
Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 änderte sich die Importmenge dann dramatisch. So flossen von den 1.440 Terawattstunden importierten Gases den Angaben zufolge nur noch 196 TWh über Nord Stream 1. Größte Lieferanten wurden Norwegen mit 474 TWh, die Niederlande mit 251 TWh und Belgien mit 256 TWh. Verbrauch und Export sanken auf 795 beziehungsweise 513 Terawattstunden.
Schon vor Anschlag lief Suche nach Alternative für russisches Gas
Der Vertreter der Bundesnetzagentur sagte, bereits vor den Anschlägen auf die Pipelines habe es erhebliche Bemühungen gegeben, Gas abseits von Russland etwa über neue Flüssigerdgas-Terminals zu organisieren und die Speicher zu füllen. "Wir haben eingekauft, was der Markt hergegeben hat", sagte der Beamte. Er betonte, dadurch seien bereits Anfang September 2022, also Wochen vor der Explosion, die Speicher wieder zu 85 Prozent gefüllt gewesen.
Das hatte jedoch seinen Preis. Kostete eine Megawattstunde (MWh) Gas im Großhandel laut Bundesnetzagentur eigentlich deutlich unter 100 Euro, schossen die Preise Anfang März 2022 kurz nach Kriegsbeginn auf 230 Euro pro MWh hoch und steigerten sich bis Ende August auf fast 340 Euro pro MWh. Danach sanken sie wieder mehr oder weniger kontinuierlich, wie der Beamte sagte. Im Frühjahr und Sommer 2023 habe der Preis dann wieder bei etwa 50 Euro pro Megawattstunde gelegen.
Krieg maßgeblich für Entwicklung, weniger Pipeline-Sprengung
Aus Sicht der Bundesnetzagentur ist somit vor allem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, nicht aber die Pipeline-Sprengung maßgeblich für die Entwicklung gewesen. Der Vertreter der Bundesnetzagentur wies aber zugleich darauf hin, dass die zerstörten Pipelines durchaus zu einem Problem für Deutschland hätten werden können - allerdings eher theoretischer Natur, nämlich dann, wenn etwa ein besonders strenger Winter gekommen wäre und Deutschland damals mangels ausreichend Gas entgegen allen Plänen doch wieder in Russland hätte vorstellig werden wollen. "Ohne die Sprengung hätte zumindest die Importmöglichkeit bestanden", sagte der Beamte.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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