Sergej Lawrow im Porträt: Wodka, Psychospiele, Kriegsrhetorik – so tickt Putins mächtiger Minister
Seit 2004 ist Sergej Lawrow das außenpolitische Gesicht Russlands. Einst galt er als gewiefter Diplomat, heute ist er vor allem für scharfe Attacken, provokante Auftritte und seine kompromisslose Unterstützung des Kremlchefs bekannt.
Von news.de-Redakteurin Anika Bube - Uhr
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- Sergej Lawrow ist seit 2004 Russlands Außenminister
- Vom Diplomaten zum Hardliner: Seine Rhetorik wurde zunehmend schärfer
- Putins Chefdiplomat: Trotz Gerüchten hält der Kreml an ihm fest
Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt Sergej Lawrow das Gesicht der russischen Außenpolitik. Zwar ist der mittlerweile 76-Jährige nicht nur Russlands dienstältester Außenminister der Nachsowjetzeit, doch hinter den Kulissen in Moskau kursieren seit Jahren Gerüchte, dass Lawrow seinen Posten am liebsten aufgeben würde. Wladimir Putin hält dennoch an ihm fest – einen Nachfolger mit vergleichbarer Verhandlungserfahrung hat der Kreml schlicht nicht in der Hinterhand. Gleichzeitig hat sich der einst als verlässlich geltende Diplomat in den vergangenen Jahren zunehmend radikalisiert. Wer ist der Mann, der zwischen Wodka-Psychospielchen und UN-Reden Russlands Interessen mit eiserner Härte vertritt? Ein Porträt.
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Die politische Karriere von Sergej Lawrow
Sergej Wiktorowitsch Lawrow erblickte am 21. März 1950 in Moskau das Licht der Welt. Schon als Schüler zeigte er sich vielseitig begabt: An der Moskauer Schule Nr. 607, die einen Schwerpunkt auf vertiefte Englischkenntnisse legte, gehörte ausgerechnet Physik zu seinen bevorzugten Fächern. Den Abschluss machte er mit einer Silbermedaille. Anschließend schrieb sich der junge Lawrow am renommierten Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) ein – der Kaderschmiede sowjetischer Diplomatie. Neben Englisch und Französisch eignete er sich dort auch Singhalesisch sowie Dhivehi an, die Sprache der Malediven. Direkt nach seinem Studienabschluss 1972 ging es für den damals 22-Jährigen auf seinen ersten diplomatischen Posten: die sowjetische Botschaft in Sri Lanka, das sich in jenem Jahr gerade von einem britischen Dominion zur sozialistischen Republik gewandelt hatte.
Nach seiner Zeit in Sri Lanka führte Lawrows Weg zurück in die sowjetische Hauptstadt. Zwischen 1976 und 1981 arbeitete er in der Abteilung für internationale Organisationen des Außenministeriums, bevor er für sieben Jahre an die Ständige Vertretung der UdSSR bei den Vereinten Nationen in New York wechselte – zunächst als Erster Sekretär, später als Berater. In den Umbruchjahren der Sowjetunion stieg er rasch auf: vom stellvertretenden Abteilungsleiter über den Direktor für internationale Organisationen bis hin zum Vize-Außenminister der neuen Russischen Föderation. Ab 1994 vertrat er Russland dann ein ganzes Jahrzehnt lang als Ständiger Vertreter bei der UNO. Der entscheidende Karrieresprung kam 2004: Kurz vor seiner eigenen Wiederwahl berief Wladimir Putin den erfahrenen Diplomaten zum Außenminister – ein Amt, das Lawrow seither ununterbrochen bekleidet.
Vom Vorzeigediplomaten zum Meister der Demütigung
In seinen frühen Amtsjahren genoss Lawrow international durchaus Respekt. Die "BBC" porträtierte ihn einst als herausragenden und verlässlichen Diplomaten. Doch dieses Bild kippte gründlich. Die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete ihn nach ihrer Amtszeit als "Dummkopf" und beklagte, er habe sie in Verhandlungen schlecht behandelt. Amerikanische Spitzendiplomaten nannten ihn laut "Politico" einen "Anti-Diplomaten". Besonders berüchtigt ist Lawrows Hang zu Psychospielchen und öffentlichen Bloßstellungen. EU-Außenbeauftragter Josep Borrell erlebte das 2021 am eigenen Leib, als Lawrow ihn nach einem gemeinsamen Gespräch vor laufenden Kameras abkanzelte: Die EU sei unzuverlässig, ihre Regierungschefs von "kultureller Arroganz" getrieben. Auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bekam seine Methoden zu spüren, als er sie beim Mittagessen zum Wodkatrinken aufforderte und eine trockene Abfuhr kassierte.
Sanktionen, Kriegsrhetorik und ein unerwartetes Comeback
Den russischen Einmarsch in die Ukraine verteidigte Lawrow vor den Vereinten Nationen mit angeblichen Menschenrechtsverletzungen an der russischen Minderheit im Land. Belege dafür lieferte er keine. Noch bemerkenswerter: Nur kurz zuvor hatte er öffentlich beteuert, Russland werde die Ukraine niemals angreifen. Nach Kriegsbeginn legte er nach mit der Behauptung: "Russland hat die Ukraine nicht angegriffen." Die EU, die USA, Großbritannien und die Schweiz belegten Lawrow daraufhin mit Sanktionen – sein Vermögen wurde eingefroren, auch seine Familie darf nicht mehr in westliche Staaten reisen. Westliche Diplomaten verließen bei seinen Reden demonstrativ den Saal. Doch ausgerechnet Washington öffnete ihm wieder eine Tür: US-Außenminister Marco Rubio traf sich mit Lawrow – ein diplomatisches Comeback, mit dem wohl selbst der Kreml-Veteran kaum gerechnet hatte.
Lawrow angeblich amtsmüde, aber für den Kremlchef unersetzlich
In Moskauer Politikkreisen hält sich seit Jahren hartnäckig das Gerücht, Lawrow würde seinen Posten am liebsten räumen und den Ruhestand antreten. Mit 76 Jahren wäre das kaum verwunderlich. Doch Putin lässt seinen Chefunterhändler nicht ziehen – aus einem simplen Grund: Es gibt schlicht niemanden im russischen Machtapparat, der über vergleichbare Erfahrung in diplomatischen Hinterzimmern verfügt und gleichzeitig Moskaus zunehmend konfrontative Linie so geschliffen vertreten kann.
Sergej Lawrow privat: Frau, Kinder und Enkel
Über Lawrows persönliches Leben ist bemerkenswert wenig bekannt – was bei einem Mann, der seit Jahrzehnten im Rampenlicht der Weltpolitik steht, durchaus auffällt. Offiziell ist Lawrow mit Marija Alexandrowna Lawrowa verheiratet, das Paar hat eine Tochter und zwei Enkelkinder.
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