Sprengstoff-Drohne am Nato-Flughafen: Innenminister sorgt für Irritation – sprach Dobrindt "verschlüsselt" über Putin?

Der mutmaßliche Drohnen-Anschlag auf einen wichtigen Nato-Standort beschäftigt auch die Politik. Alexander Dobrindt spricht von einer neuen Gefahrenlage, vermeidet jedoch eine direkte Schuldzuweisung. Ein Sicherheitsexperte erklärt, warum das kein Zufall sein dürfte.

Von news.de-Redakteurin - Uhr

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt spricht bei einer Pressekonferenz in einem Terminal des Flughafens Leipzig/Halle. (Foto) Suche
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt spricht bei einer Pressekonferenz in einem Terminal des Flughafens Leipzig/Halle. Bild: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
  • Ein Flughafenmitarbeiter brachte eine Drohne mit mutmaßlich 800 Gramm Semtex zu Boden – nur ein defekter Zünder verhinderte offenbar eine Explosion
  • Innenminister Alexander Dobrindt sprach von einem "hybriden Anschlagsszenario", vermied jedoch eine Nennung Russlands
  • Sicherheitsexperte Peter Neumann erklärt die Zurückhaltung mit den möglichen politischen und rechtlichen Folgen einer öffentlichen Schuldzuweisung

Ein Busfahrer verhinderte am Dienstagabend kurz vor Mitternacht am Flughafen Leipzig/Halle möglicherweise eine Katastrophe. Der Flughafenmitarbeiter entdeckte während einer internen Rundfahrt eine tief fliegende Drohne und brachte sie eigenhändig zu Boden – ohne zu ahnen, dass daran laut Medienberichten rund 800 Gramm des hochgefährlichen Plastiksprengstoffs Semtex befestigt waren. Nur ein defekter Zünder verhinderte die Explosion.

Der Flughafen ist alles andere als ein zufälliges Ziel: Leipzig/Halle dient als zentrales Nato-Drehkreuz für Waffenlieferungen an die Ukraine. Die ukrainische Frachtfluggesellschaft Antonov Airlines wickelt dort im Auftrag der Bundeswehr und anderer Nato-Streitkräfte Schwertransporte mit militärischem Gerät ab – von Luftabwehrsystemen bis zu schweren Fahrzeugen. Wenige Meter von der Fundstelle entfernt standen entsprechende Frachtmaschinen. Sicherheitsexperte Peter Neumann spricht deshalb von einem "Angriff auf Deutschland".

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Nach Drohnen-Vorfall in Leipzig: Ein Wort fehlte in Pressekonferenz von Alexander Dobrindt

Als Bundesinnenminister Alexander Dobrindt am Mittwochabend mit rund zwei Stunden Verspätung vor die Kameras trat, warteten Journalisten auf eine klare Ansage. Was sie bekamen, war ein Meisterstück der Andeutung: Dobrindt sprach von einer "neuen Gefahrenqualität", einem "hybriden Anschlagsszenario", von "Profis" statt Amateuren und "fremden Mächten", die Deutschland verunsichern wollten. Das Wort Russland fiel kein einziges Mal.

Sicherheitsexperte Peter Neumann zeigte sich im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer "völlig verwundert" über das kryptische Statement. Für ihn ist die Sache eindeutig: "Wir sprechen über hybriden Krieg, weil das eine Doktrin Russlands ist", so Neumann. Wer von hybrider Bedrohung rede, meine damit "in den allermeisten Fällen" Russland – nicht den IS oder Rechtsextremisten. Die zweistündige Verzögerung deutete auf eine "ganz heftige Diskussion" darüber hin, wie konkret der Minister den mutmaßlichen Urheber benennen dürfe.

Warum Dobrindt Russland nicht beim Namen nennen konnte

Neumanns Erklärung für Dobrindts Zurückhaltung folgt einer nüchternen Logik: Hätte der Innenminister Russland öffentlich beschuldigt, wären sofort zwei unbequeme Fragen aufgekommen. Erstens: Welche Beweise gibt es? Und zweitens – noch brisanter: "Russland hat uns angegriffen. Was macht Deutschland jetzt?" Das käme im Prinzip einer "Art Kriegserklärung" gleich, bei der man sich auf Artikel 5 berufen könnte, so Neumann.

Genau dieses Dilemma ist laut dem Sicherheitsexperten kein Zufall, sondern Kalkül: Hybride Kriegsführung ziele bewusst darauf ab, eine "Zweideutigkeit zu schaffen" und dem Angreifer Abstreitbarkeit zu ermöglichen. Selbst wenn deutsche Behörden offenbar ziemlich überzeugt seien, dass Russland hinter dem Anschlag stecke – gerichtsfest beweisen lasse sich das vermutlich nie. Putin würde schlicht sagen: "Beweis uns das doch mal."

Nach einem nächtlichen Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle haben Spezialisten der Bundespolizei eine Drohne mit einer Sprengvorrichtung entschärft. (Foto) Suche
Nach einem nächtlichen Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle haben Spezialisten der Bundespolizei eine Drohne mit einer Sprengvorrichtung entschärft. Bild: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Deutschland bei der Drohnenabwehr "fast völlig blank"

Dass ausgerechnet ein Busfahrer mit bloßen Händen die letzte Verteidigungslinie an einem der wichtigsten Nato-Logistikstandorte Europas darstellte, ist für Neumann symptomatisch: "Wenn die Leute wüssten, wie blank wir in vielen Bereichen sind, dann würden sie sich echt wundern." An den meisten deutschen Flughäfen existiere praktisch keine Drohnenabwehr – und selbst die bloße Erkennung der Flugobjekte sei Glückssache.

Dabei mangelt es weder an Warnzeichen noch an Diskussionen. Das BKA registrierte allein in einem Jahr rund tausend gefährliche Drohnenüberflüge über sensiblen Einrichtungen – Bundeswehrstandorten, Häfen, Rüstungsunternehmen, Flughäfen. Doch systematisch passiert sei nichts. Ungeklärte Zuständigkeiten zwischen Bundeswehr, Bundespolizei und Landespolizeien, ein fehlender Rechtsrahmen für den Abschuss von Drohnen und das berüchtigte "Deutschlandtempo" hätten jeden Fortschritt blockiert.

Schweigen als Einladung für den nächsten Angriff

Für Neumann steht fest: Der Vorfall in Leipzig war kein Einzelfall, sondern ein Vorgeschmack. Deutschland müsse auf zwei Ebenen gleichzeitig handeln. Defensiv bedeute das, unverzüglich Drohnenerkennungs- und Abwehrsysteme zu beschaffen – ob aus der Ukraine, Israel oder den USA sei zweitrangig. Die Ukraine habe ihre Hilfe bereits angeboten, und deren Expertise sei "wahrscheinlich besser als in vielen anderen Ländern der Welt".

Mindestens ebenso wichtig sei jedoch ein "ganz klares Signal Richtung Russland". Wer den mutmaßlichen Angreifer nicht benenne, sende ein "Signal der Schwäche", warnt Neumann. Putin könnte daraus schließen, dass Deutschland eine echte Konfrontation scheue – "und das lädt natürlich dazu ein, mehr Versuche dieser Art zu starten". Künftige Drohnenangriffe könnten dann noch "provokanter und aggressiver" ausfallen. Deutschland stehe vor einem Balanceakt: Stärke demonstrieren, ohne in eine direkte Auseinandersetzung hineingezogen zu werden.

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