40. Jahrestag: Terror beim Tanzen - Anschlag auf Diskothek "La Belle"

Der Anschlag auf das "La Belle" im damals geteilten Berlin erschüttert die Welt. Libyen wird schnell dafür verantwortlich gemacht. Doch erst der Fall der Mauer bringt die Täter vor Gericht.

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Aktuelle Nachrichten zum Thema Kriminalität lesen Sie hier auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Heiko

Achtlos gehen Passanten an der Gedenktafel an der Fassade des Gebäudes in Berlin-Friedenau vorbei. "Roxy-Palast" steht in großen Lettern an dem rötlichen Gestein und erinnert an den einstigen Filmpalast. In den 1970er wurde dort die bei US-Soldaten beliebte Diskothek "La Belle" eröffnet - und vor 40 Jahren zum Anschlagsziel.

Fotos von damals lassen die Wucht der Detonation erahnen: An einem Baugerüst vor dem Gebäude hängt schlaff eine rote Plane mit dem Namen des Nachtclubs herunter, hinter Absperrgittern und Flatterband türmt sich Schutt. Dahinter zerborstene Scheiben, eingestürzte Wände und Decken. Ein 21 Jahre alter US-Soldat und eine 28-jährige Türkin sterben sofort bei dem Bombenanschlag in der Nacht zum 5. April 1986, ein weiterer Soldat wenige Wochen später. Mehr als 200 Menschen werden verletzt, viele schwer.

Heute befinden sich dort ein Biosupermarkt und Co-Working-Spaces. Junge Menschen, die vor dem Gebäude eine Kaffee-Pause einlegen, wissen um die Besonderheit des Ortes, wo sie die Akademie der Immobilienwirtschaft besuchen. "Mein Vater kennt einen Besucher, der die Diskothek aber früh genug verlassen konnte", schildert einer. Details kennen die jungen Leute jedoch kaum zu dem Anschlag, als dessen Auftraggeber Libyen gilt.

Blumen zum 40. Jahrestag

Zum 40. Jahrestag werden dort wohl wie jedes Jahr Blumen abgelegt. "Der Jahrestag ist bei den Opfern immer präsent", schildert Rechtsanwalt Stephan Maigné, der viele Opfer über Jahre hinweg bei der juristischen Aufarbeitung des Anschlags begleitet hat. Er war als junger Anwalt in das "La-Belle"-Verfahren gekommen. Mehr als 160 Opfer wurden von insgesamt 15 Anwälten im Prozess gegen die Täter als Nebenkläger vertreten.

Vergeltungsschlag der USA

Für die USA war schnell klar, dass Libyen hinter dem Anschlag im damals noch geteilten Berlin steckt. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan machte dafür Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi persönlich verantwortlich. Nur wenige Tage nach der Tat bombardieren die USA die libyschen Städte Tripolis und Benghasi.

Dass der Fall vor Gericht kam, wurde erst nach dem Mauerfall 1989 möglich. Die Öffnung der Stasi-Archive brachte die Ermittler auf die Spur der Täter. Am 23. Mai 1996 lieferte Libanon den mutmaßlichen Drahtzieher des Anschlags, Yasser Chraidi, nach Deutschland aus. Mindestens drei Monate lang sichtete Maigné die Akten. "Das waren viele Puzzle-Stücke – und ein Stück DDR-Zeitgeschichte."

Prozess erst nach Mauerfall

Am 18. November 1997 begann vor dem Landgericht Berlin der Prozess gegen Chraidi, der Palästinenser Ali Chanaa, der Libyer Musbah Eter sowie Verena Chanaa und deren Schwester. Rund 29 Monate später legte Ali Chanaa im April 2000 ein Teilgeständnis ab und erklärt, das Attentat sei die Antwort der Libyer auf einen früheren Anschlag der USA gewesen. Er habe die Stasi vorab informiert.

Fast genau vier Jahre nach Prozessbeginn sprach das Landgericht am 13. November 2001 sein Urteil: Verena Chanaa wurde wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt, weil sie die Bombe im "La Belle" deponiert hatte. Die mitangeklagten Männer bekommen wegen Beihilfe 12 bis 14 Jahre. Die zweite Frau wurde freigesprochen. Laut Urteil war die Tat von Mitarbeitern des libyschen Geheimdienstes geplant worden.

BGH überprüft den Fall

Alle Prozessbeteiligten legten Revision ein. Opfer und Hinterbliebene hofften auf Umwandlung der Haft- in lebenslängliche Freiheitsstrafen. Im Juni 2004 befasste sich der Bundesgerichtshof (BGH) mit dem Fall. Am 24. Juni 2004 – 18 Jahre nach der Explosion – wurde das Urteil rechtskräftig. Die Bundesrichter sahen keine Rechtsfehler und bestätigen die Berliner Entscheidung.

Richter: Verantwortlich ist Libyen

"Wir bitten zu bedenken, dass in Berlin nicht die eigentlichen Haupttäter und Drahtzieher des Anschlags vor Gericht standen", warb die Senatsvorsitzende Monika Harms damals bei den Opfern um Verständnis. Zugleich benannten die BGH-Richter die eigentlichen Täter: der libysche Geheimdienst und das "Libysche Volksbüro" in Ost-Berlin. "Dass der BGH die Verantwortung Libyens klar aussprach, war für die Opfer eine Erlösung", meint Anwalt Maigné.

Mehr als 28 Millionen Euro Entschädigung

Vor allem erhofften sich die Betroffenen auch von dem Urteil Rückenwind für die Verhandlungen mit der libyschen Gaddafi-Stiftung zur Entschädigung. Im September 2004 unterzeichneten in Tripolis deutsche Opferanwälte und die Gaddafi-Stiftung die Vereinbarung zur Zahlung von 35 Millionen US-Dollar (28,4 Mio Euro) für die zumeist deutschen Opfer.

Den Opfern habe dies geholfen, einen Abschluss zu finden, sagt Maigné. Inzwischen wollten sie nicht mehr öffentlich über das Erlebte berichten. Aber Blumen werden sie niederlegen - so wie jedes Jahr.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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