Sozialdemokraten im freien Fall: Beunruhigende Umfrage offenbart Wurzel des SPD-Niedergangs

Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz herrscht Katerstimmung bei den Sozialdemokraten. Aktuelle Umfrageergebnisse zementieren das Dilemma: Hat die SPD den Draht zu ihrer Kernwählerschaft verloren?

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Lange Gesichter bei den SPD-Chefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil: Dass die Sozialdemokraten tief in der Krise stecken, haben aktuelle Umfrageergebnisse mit neuen Details untermauert. (Foto) Suche
Lange Gesichter bei den SPD-Chefs Bärbel Bas und Lars Klingbeil: Dass die Sozialdemokraten tief in der Krise stecken, haben aktuelle Umfrageergebnisse mit neuen Details untermauert. Bild: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz endete für die SPD in einem Desaster. Am 22. März, dem Wahlsonntag im Südwesten, kam die Partei nur noch auf 25,9 Prozent der Stimmen – ein Absturz um fast zehn Prozentpunkte gegenüber der vorherigen Wahl. Damit verliert die SPD eine Region, die über Jahrzehnte als sichere Bastion galt. Die einstigen Gewissheiten der Parteiführung um Lars Klingbeil und Bärbel Bas haben sich in Luft aufgelöst.

SPD verliert bei Landtagswahlen massiv an Zuspruch - aktuelle Umfrage zeigt Misere

Aktuelle Erhebungen von infratest dimap und dem Meinungsforschungsinstitut Mentefactum, die in der "Bild" in einem eigenen Beitrag thematisiert wurden, offenbaren das Ausmaß der Krise. Das Vertrauen der Wähler in die Sozialdemokraten ist demnach massiv eingebrochen. Besonders bitter: Traditionelle Wählergruppen wie Arbeiter, Angestellte und Rentner wenden sich in großer Zahl von der Partei ab.

Kernwählerschaft wendet sich von SPD ab - Arbeiter und Angestellte wählen heute anders

Die Zahlen von infratest dimap dokumentieren einen dramatischen Exodus der klassischen SPD-Klientel. Bei den Arbeitern sackte die Zustimmung von 36 Prozent im Jahr 2021 auf nur noch 22 Prozent ab. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Angestellten: Hier fiel der Anteil von 35 auf 22 Prozent. Auch die Rentner, lange Zeit eine verlässliche Stütze der Sozialdemokraten, wandern ab. Ihr Zuspruch sank von 45 auf 35 Prozent. Selbst bei Kleinselbstständigen hält nur noch eine Minderheit von 14 Prozent der Partei die Treue. WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn bringt das Dilemma auf den Punkt: Wer von "Lohn und Gehalt" lebe, wähle nicht mehr SPD.

Sozialdemokraten in der Krise - Wähler wissen nicht mehr, wofür die SPD steht

Die Umfragedaten offenbaren eine tiefe Identitätskrise der Partei. Laut infratest dimap sind 71 Prozent der Befragten der Meinung, die SPD stehe nicht mehr klar auf der Seite der Arbeitnehmer. Für die Parteispitze um Klingbeil und Bas ist das ein vernichtendes Urteil. Die Kritik geht noch weiter: 64 Prozent der SPD-Wähler werfen ihrer Partei vor, vor der Bundestagswahl viel versprochen, aber wenig davon eingelöst zu haben. Mehr als die Hälfte glaubt zudem, die Sozialdemokraten kümmerten sich stärker um Bürgergeldempfänger als um hart arbeitende Geringverdiener. Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung verstärkt das Problem. Drei Viertel der rheinland-pfälzischen Wähler bewerten deren Arbeit negativ. Fast die Hälfte sieht in der SPD sogar ein Hindernis für dringend benötigte Reformen.

Meinungsforscher halten etablierte Parteien für "austauschbar"

Klaus-Peter Schöppner vom Institut Mentefactum sieht ein grundsätzliches Problem der SPD im Wahlkampf. Gegenüber "Bild" erklärte er, dass in Baden-Württemberg Cem Özdemir als "charismatischer Einzelkämpfer" überzeugt habe. In Rheinland-Pfalz hingegen seien die führenden Parteien und ihre Kandidaten zu ähnlich gewesen. Der SPD-Spitzenkandidat sei "farblos" geblieben und habe keinen Amtsbonus für sich nutzen können.

Der Meinungsforscher diagnostiziert ein tieferliegendes Problem: "Nach der aktuellen Common-Sense-Studie von Media Tenor und Mentefactum sind unsere Parteien im Grunde austauschbar, weil ihnen die Veränderungskompetenz abhanden gekommen ist." Bei zentralen Themen wie Finanzen, Gesundheit, Wohnen oder Sicherheit traue mittlerweile fast jeder Zweite keiner Partei mehr Lösungen zu.

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