Berlin News: Heiß, heißer, Stadt: Wenn Beton zur Heizung wird

Was mit der Klimakrise bis Ende des Jahrhunderts zu erwarten ist, erleben Stadtbewohner in einem Punkt schon jetzt: bei den Tropennächten. Denn Städte werden tagsüber getankte Wärme schlecht los.

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Das Berliner Reichstagsgebäude und die Spree. Aktuelle Nachrichten aus und über Berlin hier auf news.de. (Foto) Suche
Das Berliner Reichstagsgebäude und die Spree. Aktuelle Nachrichten aus und über Berlin hier auf news.de. Bild: Adobe Stock / neirfy

Seit Ende Juni gibt es einen neuen bundesweiten Hitzerekord: 41,8 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt - zumindest nach vorläufigen Angaben des Deutschen Wetterdienstes. Auch in den kommenden Tagen droht vor allem dem Südwesten wieder große Hitze. Hier in der Stadt ist es ja noch mal viel heißer, heißt es dann oft. Tatsächlich fließen Innenstadt-Messwerte nicht in die Analyse von Hitzerekorden im Bundesgebiet oder in Bundesländern ein, wie Meinolf Koßmann vom Deutschen Wetterdienst erklärt. Heißer als in der Umgebung sei es in Städten allerdings vor allem nachts.

Sind Rekord-Orte tatsächlich immer die heißesten an dem Tag?

Nein. "Es gibt immer einen heißeren Ort", sagt Ferdinand Briegel vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Man kann ja nicht an jedem einzelnen Punkt in Deutschland messen." Die mehr als 200 Temperatur-Messstationen des DWD liegen an möglichst repräsentativ für die jeweilige Umgebung gewählten Orten, möglichst über kurzem Rasen und mit Abstand zu Bäumen, Gebäuden und anderen Störquellen. Damit werden internationale Vorgaben erfüllt, um Verzerrungen etwa durch den Wärmeinsel-Effekt in Städten zu verhindern.

Was ist das für ein Effekt?

Städte sind im Mittel merklich wärmer als ihr Umland. Tagsüber betrage der Unterschied meist höchstens ein bis zwei Grad, nachts aber bis zu etwa zehn Grad, sagt Koßmann. Der DWD betreibt im Sondermessnetz Stadtklima acht Paare aus Stadt- und Umgebungs-Messstation, um die Entwicklung des Effekts zu verfolgen.

Am 28. Juni 14 Uhr war es demnach zum Beispiel in der Innenstadt Münchens 35,1 Grad heiß, weiter draußen am Flughafen 34,5 Grad. Eine Differenz von 8,4 Grad hingegen hatten die Stationen wenige Stunden zuvor: 3 Uhr morgens wurden für die Innenstadt 25,2 Grad erfasst, für München-Flughafen nur 16,8.

Die Universität Freiburg zählte für ihre Stadt bis zum 29. Juni 13 Tropennächte in Folge - Nächte, in denen es sich nicht unter 20 Grad abkühlte. "Im gleichen Zeitraum gab es fünf Kilometer außerhalb der Stadt nur zwei bis drei Tropennächte", sagt Briegel, der am KIT die Hitzebelastung von Städten mittels KI modelliert. Freiburg erlebe schon jetzt, was für den ländlichen Bereich des Oberrheingrabens für Mitte bis Ende des Jahrhunderts prognostiziert werde. Ähnlich gilt das auch für andere Städte.

Was ist der Grund?

Städte sind dreidimensionale Gebilde aus gewaltigen Mengen an Beton, Stein und Asphalt: Massen dicht an dicht stehender Gebäude kombiniert mit großflächig versiegelten Flächen wie Straßen und Plätzen - und sie alle speichern die Energie der einfallenden Sonnenstrahlen als Wärme. Nachts wird sie an die Luft abgegeben, die dadurch viel langsamer abkühlt als auf dem Land, wie Koßmann erklärt. In der Bilanz verschiedener Faktoren sei es auf dem Land sogar so, dass die Luft nachts oft Wärme an den Boden abgebe.

Einfluss habe auch, dass die gut durchmischte bodennahe Luftschicht tagsüber in der Regel wesentlich höher reiche als nachts - ein bis zwei Kilometer statt nur einige Dutzend bis einige Hundert Meter hoch. "Die vom Boden und von Gebäuden wieder abgestrahlte Wärme verteilt sich tagsüber entsprechend in einem weitaus größeren Raum." Zudem habe Wind, der Hitze aus der Stadt treibe, meist tagsüber sein Maximum und schlafe nachts überwiegend ein. Beides sorge mit dafür, dass die Unterschiede zwischen Land und Stadt tagsüber relativ klein bleiben.

Was sind die Folgen des Effekts?

Hitze in der Nacht sei besonders gesundheitsschädlich, weil sich der Körper nicht ausreichend von der Belastung des Tages erholen könne, erklärt Umweltmeteorologe Briegel. Der Organismus stehe unter Dauerstress: Der Schlaf wird unruhiger, Herz und Kreislauf werden stärker belastet, das Risiko für Erschöpfung, Dehydrierung oder Kreislaufprobleme steigt. Je länger eine Tropennacht-Phase andauere, desto mehr steige das Risiko für langfristige gesundheitliche Schäden und Todesfälle.

Der Epidemiologin Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München zufolge gehört Hitze schon jetzt zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Deutschland.

Lässt sich der Wärmeinsel-Effekt über gezielte Maßnahmen aufheben?

Nein. Zwar wird viel über Klimaanpassung debattiert dieser Tage. "Deshalb denken viele Menschen, dass Stadtumbau reicht, um den Effekt abzuwenden", sagt Briegel. Tatsächlich aber seien die Möglichkeiten begrenzt und selbst mit engagierten Maßnahmen ließe sich nur eine Minderung, aber kein Stopp erreichen. "Die Städte werden immer heißer werden, das ist definitiv so", betont der Umweltmeteorologe. Selbst eine perfekte öffentliche Anpassung könne das nicht abfangen.

Ein zentraler Faktor für den Wärmeinsel-Effekt ist die Größe einer Stadt - und gezielt verkleinern lässt sie sich schwerlich. Gut sind vom Rand ins Innere reichende Luftschneisen und eine möglichst lockere Bebauung, wie Briegel erklärt. "Wir können aber keine Gebäude abreißen und im Zuge der Wohnungskrise werden Städte derzeit sogar noch stärker verdichtet."

Südeuropäer kommen doch auch klar, passt sich der Mensch nicht einfach an?

Nur bedingt. Der Körper akklimatisiere sich zwar im Jahresverlauf, erklärt Briegel: Die ersten Hitzetage würden stets als unangenehmer empfunden als solche im späteren Verlauf des Sommers. Bei Südeuropäern komme aber weniger eine physische Anpassung als eine Umstellung des Verhaltens zum Tragen: Siesta zur Mittagszeit und dafür ausgedehntere Aktivität bis in die Nacht hinein - und letztlich die Flucht aus der Stadt im Sommer.

In den Sommermonaten aufs Land zu ziehen, werde künftig auch in Städten wie Berlin normal werden, glaubt Briegel - für den, der sich das leisten könne. Generell bestimme der sozioökonomische Status sehr stark mit, wie schlimm ein Mensch betroffen sei: Arbeite ich im klimatisierten Büro oder in der Hitze draußen, lebe ich in einer kleinen Altbauwohnung oder in einem Haus in kühlender grüner Umgebung, kann ich im Auto die Klimaanlage anschalten oder muss mit der überhitzten S-Bahn fahren?

Und wenn überall Klimaanlagen installiert würden?

Das ist nicht nur wegen des immensen Stromverbrauchs nichts, was man sich wünschen sollte: "Klimaanlagen sind im Endeffekt Wärmetauscher: Drinnen wird es kühler, draußen über die Abluft aber noch wärmer", erklärt Briegel. Einer 2020 vorgestellten Studie zu den Folgen in Paris zufolge könnte die Außentemperatur um rund zwei Grad steigen, wenn bei einer intensiven Hitzewelle verbreitet Klimaanlagen zum Einsatz kämen. Andere Modellierungen zeigten ähnliche Werte.

Eindeutig sei, dass Pflegestationen, Krankenhäuser und Kindergärten mit Klimaanlagen ausgestattet werden müssten, meint Briegel. Zu diskutieren sei aber, ob wirklich jedes Büro und jedes Eigenheim auf 19 Grad gekühlt werden muss. Für öffentliche Verkehrsmittel und Einrichtungen wiederum ist demnach anzunehmen, dass künftig regelmäßig Lufttemperaturen erreicht werden, bei denen gekühlt werden muss, um die Gesundheit der Menschen dort nicht zu gefährden.

Hilft es denn, in einem gut gedämmten Gebäude zu leben?

Jein. Zwar heizt sich ein gedämmtes Haus merklich langsamer auf als ein ungedämmtes - nach Abflauen der Hitze sinkt seine Innentemperatur aber auch langsamer, wie Briegel erklärt. Komplett egal ist die Dämmung aber nicht: Sie verschafft bei einer drei- oder viertägigen Hitzewelle einen wertvollen Zeitpuffer: Wenn sich das Haus dann aufzuheizen beginnt, sinken die Temperaturen draußen schon wieder und die Bewohner bleiben verschont. "Auch 10-Tage-Hitzewellen wird es zwar mehr geben als bisher, aber weitaus häufiger bleiben die kürzeren Phasen - und bei denen ist Dämmung ein Vorteil."

Würde es helfen, Parks mit mehr Bäumen zu Wäldern zu machen?

Nein. Zwar fangen Bäume tagsüber viel Sonnenstrahlung ab und sorgen zudem mit dem Verdunsten von Wasser für Kühlung. Nachts aber wirken die Baumkronen Briegel zufolge wie eine Wolke - und ein Wald entsprechend wie eine geschlossene Wolkendecke: Sie halten die von Grund abgegebene Wärme in Bodennähe, die Luft kann weniger gut abkühlen.

"Wichtig ist darum immer ein Mosaik aus Bäumen und Freiflächen", sagt Koßmann. Das gelte nicht nur für Parks: In schmalen Straßenschluchten könne es sinnvoll sein, nur auf einer Seite Bäume zu pflanzen, damit die Luft besser zirkulieren könne. Am Rand einer großen Grünfläche wie dem Tempelhofer Feld in Berlin zu leben, sorge wiederum gerade nachts für angenehmere Temperaturen, ergänzt Briegel. Allerdings reiche der Einfluss maximal einige Hundert Meter in die umliegenden Straßenschluchten hinein.

Längerfristig drohten zudem viele Bäume und Grünflächen einzugehen. Die Pflanzen litten nicht nur unter immer mehr Hitze, sondern auch unter Wassermangel - sie zu gießen, wird wegen allgemeinen Wassermangels zunehmend kaum möglich sein. "Eine braune Wiese hat aber ähnliche thermische Eigenschaften wie eine Asphaltfläche", so Briegel. Sprich: Sie hat keinerlei Kühleffekt mehr. Das sei mit ein Grund dafür, warum viele Parks in Südeuropa gepflastert und kaum begrünt seien.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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