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"Grisi siknis", "Havanna-Syndrom" und Co.: Mysteriöse Seuchen ohne organische Ursachen lassen Ärzte rätseln

Mehrere Kinder in Mittelamerika erkranken plötzlich an einer unheimlichen Seuche. Auch in anderen Ländern wurden Symptome registriert, die sich keinem bekannten Krankheitsbild zuordnen lassen. Was steckt dahinter?

Kinder fallen reihenweise in Ohnmacht oder verlieren den Verstand - doch organische Ursachen für die rätselhaften Seuchen, die in Mittelamerika und Europa auftraten, konnten nicht gefunden werden (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Nattanon

Sie verursacht Schnappatmung, Krampfanfälle und unerklärte Wesensveränderungen - mehrere Kinder in Nicaragua sind plötzlich an einer unheimlichen Seuche erkrankt, die die Einheimischen "grisi siknis" nennen. Auch in anderen Ländern wurden Symptome registriert, die sich keinem bekannten Krankheitsbild zuordnen lassen. Was steckt dahinter?

Mysteriöse Krankheit befällt Kinder und Jugendliche in Nicaragua: Was steckt hinter der "grisi siknis"?

In dem mittelamerikanischen Land entwickeln Generationen von Kindern seit jeher urplötzlich merkwürdige Symptome, die zu keiner bislang bekannten Krankheit passen wollten.Dem Volksglauben in Nicaragua zufolge sei "ein toter Mann mit einem Hut" der Auslöser dafür, dass reihenweise Kinder und Jugendliche Wesensveränderungen an den Tag legten. Die jungen Betroffenen krümmten sich demnach bei Krampfanfällen, hyperventilierten oder rannten von zuhause fort, um auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Urwaldes zu verschwinden. Wer versuche, die Erkrankten festzuhalten, stelle fest, dass die Heranwachsenden Bärenkräfte entwickelt hatten, die es unmöglich machen, sie im Zaum zu halten. Wissenschaftler, die sich mit der "grisi siknis" (abgeleitet vom Englischen für "verrückte Krankheit") beschäftigten, fanden Parallelen zu ähnlichen kulturgebundenen Syndromen, die sich auf trance-ähnliche Zustände zurückführen ließen.

Eine führende Neurologin hat nun eine Einschätzung zu den möglichen Ursachen der rätselhaften Symptome abgegeben. Dr. Suzanne O'Sullivan beschrieb in ihrem Buch "The Sleeping Beauties", dass die Erkrankungen menschengemacht und auf die Kraft des Unterbewussten zurückzuführen seinen, jene Krankheiten zu entwickeln, nach denen der Körper verlange.

Rätselhaftes "Havanna-Syndrom" in US-Botschaften: Wie kam es zu den Symptomen?

Ähnlich rätselhaft gestalteten sich auch andere Epidemien, denen Suzanne O'Sullivan auf den Grund ging. Dass dabei nicht nur primitiv lebende Gemeinschaften betroffen sind, zeigt das Beispiel mysteriöser Symptome, die 2016 unter Angestellten der US-amerikanischen Botschaft in Kuba grassierten. Mehrere Personen klagten damals über Benommenheit, Gleichgewichtsstörungen und einer Art Bewusstseinstrübung, für die keine organischen Ursachen gefunden werden konnten. Nur zwei Jahre später wiederholte sich die merkwürdige Seuche, diesmal in der US-amerikanischen Botschaft in China. Damals wurden die Beschwerden, die als "Havanna-Syndrom" zusammengefasst wurden, auf eine "Mikrowellen-Waffe" zurückgeführt, deren Existenz oder Einsatz jedoch niemals belegt werden konnte.

Mikrowellen-Waffe als Krankheitsauslöser? Neurologin rechnet mit Irrglaube ab

Eines hätten die unerklärlichen Seuchen gemein, so die Neurologin: Sie alle hätten ihren Ursprung in der menschlichen Psyche, nicht in organischen Erkrankungen, so die These der Wissenschaftlerin. Im Fall der erkrankten US-Botschafter ist sich die Neurologin sicher, der felsenfeste Glaube an die Existenz einer Überschall-Waffe habe die rätselhaften Symptome verursacht. "Der Glaube an eine solche Waffe besteht weiter. Ganz gleich, wie umfangreich Wissenschaft und Biologie deren Existenz widerlegen können, es gibt immer noch viele Menschen, die davon überzeugt sind", so Suzanne O'Sullivan. Immer neue Berichte über angebliche Beschwerden, die durch unsichtbare Schwingungen ausgelöst sein sollen, legen Zeugnis davon ab.

Kinder fallen reihenweise in Ohnmacht: Löste ein Giftanschlag die Krampfanfälle aus?

Nicht nur in Übersee, auch in Europa waren derlei unerklärliche Massenerkrankungen zu beobachten. 2015 litten mehrere Schüler einer Schule in der englischen Grafschaft Yorkshire urplötzlich an Krampfanfällen, die einer Epilepsie glichen. Kaum war ein Schüler kollabiert, setzte eine Art Domino-Effekt ein, wie Suzanne O'Sullivan beschreibt - plötzlich fielen weitere Schüler in Ohnmacht und etliche liefen aus der Schule an die frische Luft.

Einige Jahre zuvor, nämlich 1980, sorgte das massenhafte Auftreten plötzlicher Ohnmachtsanfälle bei einer Musikveranstaltung in der Grafschaft Nottinghamshire (England) für Rätselraten. Hunderte Jugendliche fielen urplötzlich in Ohnmacht und beschrieben unerklärliche Schwächesymptome in den Gliedmaßen. Anfangs stand der Verdacht im Raum, die Heranwachsenden seien Opfer eines Giftanschlags geworden oder aufgrund von Pestizidausbringung auf einem nahegelegenen Acker ohnmächtig geworden - doch bis heute ist kein organischer Auslöser für die Massenohnmacht nachgewiesen.

Flüchtlingskinder am "Uppgivenhetssyndrom" erkrankt: Keine organischen Ursachen für Kinder-Koma

In Schweden wiederum zerbrechen sich Ärzte über hunderte Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien den Kopf, die in komaähnlichen Zuständen dahinvegetieren - und das, obwohl Untersuchungen zeigten, dass die Betroffenen organisch kerngesund und bei Bewusstsein sind. In der Medizin sind diese Symptome inzwischen als "Uppgivenhetssyndrom" oder "Resignation Syndrome" beschrieben worden. Die Wissenschaft ist inzwischen zu der Theorie gelangt, dass die jungen Patienten organische Symptome entwickelten, um mit außergewöhnlichen seelischen Belastungen fertig zu werden.

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Ist die Erklärung für seuchenartig auftretende Beschwerden also viel naheliegender, als es einige Menschen wahrhaben wollen? Für Suzanne O'Sullivan ist der psychosomatische Erklärungsansatz am schlüssigsten. Dass die Krankheitssymptome seelische Ursachen haben könnten, heiße jedoch nicht, dass man sie auf die leichte Schulter nehmen könne. Vielmehr sei die Behandlung dadurch komplizierter, denn es gäbe keine universelle medikamentöse Behandlung für die Betroffenen. Der Einsatz von Epilepsie-Medikamenten und Benzodiazepinen, also Beruhigungsmitteln, sei beispielsweise bei den wesensveränderten Kindern in Nicaragua ohne Erfolg geblieben. Ledlglich Voodoo-Sitzungen bei einem Schamanen hätten Wirkung gezeitigt, hieß es.

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loc/news.de