Berlin News: Trauer und Verlust: "Everytime" lässt die Sonne stillstehen
In Cannes hat das Drama den Hauptpreis in der wichtigsten Nebenreihe des Festivals gewonnen. Es zeigt, wie unwirklich sich der Verlust eines geliebten Menschen anfühlen kann - aber ohne Kitsch.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Plötzlich ist die Sonne eckig und will einfach nicht untergehen. Es sind solche Bilder – stimmungsvoll, mehrdeutig, rätselhaft –, die im Kopf bleiben, wenn man "Everytime" schaut. Die Tragödie der Österreicherin Sandra Wollner erzählt feinfühlig von Trauer und Verlust, ohne dabei kitschig zu werden.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass "Everytime" in der prestigeträchtigen Nebenreihe Un Certain Regard bei den Filmfestspielen in Cannes überzeugte - und dort dieses Jahr den Hauptpreis gewann.
Wollner ("The Trouble with Being Born") lässt unter der flirrenden Sonne Teneriffas die Realität mit der Vergangenheit, Videoaufnahmen und Erinnerungen verschmelzen. Der Film zeigt, wie unwirklich und surreal sich der Verlust eines geliebten Menschen anfühlen kann.
Wie Mutter und Schwester nach einem tragischen Tod trauern
Doch bevor die Handlung auf die spanische Insel springt, folgt sie zunächst der alleinerziehenden Mutter Ella (Birgit Minichmayr) und ihren beiden Töchtern Jessie (Carla Hüttermann) und Melli (Lotte Shirin Keiling) in Berlin. Die Familie wohnt in einer kleinen Wohnung in der Hauptstadt, die Schwestern teilen sich ein Zimmer und streiten um ihre Privatsphäre.
Dabei bleibt es nicht. Denn die Umstände ändern sich drastisch, als Jessie nach einer ausgelassenen Party mit ihrem Freund Lux (Tristán López) durch eine Tragödie ums Leben kommt. Wollner inszeniert diesen Moment still, unvermittelt und fast schon poetisch. Während die beiden den Sonnenaufgang auf dem Dach eines Hochhauses beobachten, der Himmel ist in warmes Licht getunkt, verunglückt Jessie.
Danach setzt die eigentliche Geschichte an. Wollner geht es aber nicht darum, die unmittelbaren Momente nach dem Tod bis zur Beerdigung auszustellen. Sie überspringt diese und zeigt stattdessen, wie Ella und die kleine Schwester Melli ein Jahr später versuchen, im Alltag zu funktionieren.
Von der Trauer im Alltag erdrückt
In einer Szene gießt Ella etwa die Blumen am Grab und telefoniert nebenbei. In einer anderen Szene liegt Melli abends im Bett und liest sich auf dem Handy den alten Chat mit ihrer toten Schwester durch. Dann schaut sie sich alte Kameraaufnahmen von Jessie als Kind an oder zockt ein Videospiel, das sie früher zusammen gespielt haben. Diese Momente berühren besonders, weil sie den Schmerz der Familie nicht dramatisch zur Schau stellen, sondern beobachtend auffangen. Dadurch wird der Schmerz in seiner Brutalität greifbar.
Als Lux auftaucht, nimmt der Film eine Wendung. Kurzerhand entschließt sich Ella, einen ursprünglich mit ihren Töchtern geplanten Urlaub nachzuholen. Mit Lux und Melli reist sie nach Teneriffa, wo unterdrückte Gefühle und Erinnerungen wieder an die Oberfläche kommen. Den gesamten Film über spürt man eine Beklommenheit, die sich im letzten Drittel entlädt. Die Gegenwart mischt sich mit (Camcorder)-Erinnerungen und surrealen Momenten.
Film erinnert von Bildsprache und Kamera an "Aftersun"
Stilistisch wird "Everytime" öfter mit dem Filmdrama "Aftersun" von Charlotte Wells mit Paul Mescal verglichen. Das ist wohl kein Zufall: Regisseurin Wollner hat sich den Kameramann Gregory Oke an die Seite geholt, der bereits bei "Aftersun" für die Kamera verantwortlich war. Oke fängt die gleißende Sonne und den Sommer in Berlin mit warmen Farben ein, lässt die Kamera oft beobachten.
Besonders Birgit Minichmayr verleiht ihrer Figur eine eindringliche Tiefe. Sie spielt Ella als eine Frau, die sich keine Zeit lässt zu trauern und stattdessen versucht, immer in Bewegung zu bleiben und zu funktionieren. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, für ihre jüngere Tochter da zu sein oder auch Lux zu trösten, dem viele die Schuld an Jessies Tod geben. Auch ihr scheint es schwerzufallen, zu vergeben.
Wenn die Sonne innehält
Die drei Protagonisten des Films basierten auf Menschen und Konstellationen, denen sie an bestimmten Punkten ihres Lebens begegnet sei, sagte Wollner dem US-Magazin "The Hollywood Reporter". Sie seien aber eher "Nachbilder" dieser Menschen, die ein Eigenleben entwickelt hätten und denen sie hätte folgen müssen.
Interessiert habe sie die Frage, wie die Sonne nach so einer Tragödie wie im Film einfach weiter scheinen könne, also die Gleichgültigkeit des Universums. Man könne doch meinen, nach solch einem Vorfall solle die Welt doch so viel Anstand haben, stillzustehen. "Die Sonne hängt einfach weiter am Himmel und strahlt in schlichter, ahnungsloser Unschuld, als hätte sich nichts geändert, als wäre nichts geschehen."
Und doch lässt Wollner die Sonne am Endes des Films am Himmel einfach stehen und nicht untergehen. Sie wirkt mit ihrer eckigen Form wie aus einem Videospiel entsprungen. Zumindest in "Everytime" scheint das Universum also dann doch innezuhalten.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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