Berlin: Erst das Kino, dann die App
Ein soziales Netzwerk ohne endlose Feeds, aber mit Millionen Filmfans: Letterboxd verändert, wie junge Menschen Filme entdecken – und beschert dem Kino ein Revival.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Ein Abend in einem Berliner Kino. Der Saal ist ausverkauft, obwohl niemand weiß, welcher Film gleich kommt. Es läuft die "Classic Sneak", bei der Leute gemeinsam Klassiker der Filmgeschichte schauen, aber erst im Kinosaal erfahren, welche. Es gibt so etwas nicht nur in den Berliner Yorck-Kinos, sondern zum Beispiel auch in Tübingen oder München.
An diesem Abend sind die Besucher recht jung. Einige halten das Erlebte in einer Film-App fest, die die "Classic Sneak" in Berlin mit organisiert. Sie heißt Letterboxd und ist unter Filmfans beliebt, die Nutzerzahlen steigen stark. Man legt sich dort ein Profil an und bewertet Filme, oft mit amüsanten kleinen Kritiken. Die lustigsten Kurzkritiken bekommen Likes von anderen Nutzern und stehen dann ganz oben.
Es handelt sich sozusagen um eine Art Social-Media-Utopie: eine inhaltsgetriebene App, in der Algorithmen, Bots und KI (augenscheinlich) keine Rolle spielen. Anfang 2021 hatte Letterboxd 3 Millionen Nutzer, im April dieses Jahres 28 Millionen. Mehr als die Hälfte ist laut "Time Magazine" unter 35 Jahre alt. Gerade laufen Berichten zufolge Gespräche über einen Verkauf, unter anderem mit Netflix und Sony, was Fans der App naturgemäß in Schrecken versetzt. Dass die in Neuseeland gegründete App unabhängig ist, könnte also bald vorbei sein.
Der Kinogang liegt im Trend
Nicht nur die "Classic Sneak", auch Veranstaltungen wie eine Reihe, in der die alten "Twilight"-Filme laufen, ist bei den Kinos der Berliner Yorck-Gruppe sehr populär. Auch bei "Twilight" sind eher jüngere Kinogänger zu sehen. Die gehen aktuell besonders gerne ins Kino.
Laut einer Untersuchung des US-Marktforschungsinstituts NRG ist die Gen Z im nordamerikanischen Markt vergangenes Jahr 25 Prozent häufiger ins Kino gegangen als noch ein Jahr zuvor – der größte Zuwachs aller Altersgruppen.
Für Deutschland gilt diese Beobachtung zwar nicht – zumindest nicht flächendeckend. Bei bestimmten Betreibern aber schon. Ein Sprecher des Branchenverbands HDF Kino sagt: "Die Gen Z zählt hierzulande zu den wichtigsten Kinogruppen und weist eine überdurchschnittlich hohe Kinonutzung auf."
Kinobetreiber: Durchschnittsalter von 49 auf 37 gesunken
Ganz gut erkennen lässt sich das Revival des Kinos unter jungen Leuten gerade an den gefeierten Kinofilmen "Backrooms" und "Obsession", beide von Regisseuren, die selbst zur Gen Z gehören. Die Horrorfilme spielten erst in den USA, nun auch in Deutschland sehr gute Ergebnisse ein.
"Seit Jahren versucht Hollywood herauszufinden, wie man junge Leute wieder ins Kino locken kann", hieß es bei der "New York Times" kürzlich dazu in einer Folge des Podcasts "The Daily". "In diesem Frühjahr ist dies dank zweier Low-Budget-Horrorfilme, die von Regisseuren in ihren Zwanzigern gedreht wurden, in einem unvorstellbaren Ausmaß gelungen."
Sowohl die Yorck-Kette als auch der Branchenverband HDF sind sich einig, dass Letterboxd einen Einfluss auf die Kinozahlen hat. "Plattformen wie Letterboxd beeinflussen das Kinointeresse junger Menschen spürbar", sagt der HDF-Sprecher. "Sie schaffen Sichtbarkeit für Filme und fördern den lebhaften Austausch über Kinoerlebnisse. Für viele junge Filmfans ist die Plattform heute ein wichtiger Ort der Filmentdeckung und damit auch relevant für den Kinobesuch."
Für die Yorck-Kinogruppe, die 14 Häuser in Berlin und eins in München betreibt, sagt Sprecherin Katja Schubert: "Von 2019 zu 2023 hat sich das Medianalter unseres Publikums von 49 auf 37 Jahre verjüngt." Die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen trage dabei am stärksten zu dem Wachstum bei, sagt sie.
Gegenentwurf zum Doomscrolling
"Die App hat keine Mechanismen, die ihre User so lang wie möglich an sie binden soll – es geht wirklich darum, Filme zu entdecken und sie anzusehen", sagt Schubert. "Sie ist in gewisser Weise ein Gegengewicht zu den Social-Media-Feeds, bei denen Verweildauer das Kernkriterium ist; und eine der wenigen Apps, bei der die Beziehungen zu Freunden wirklich noch den Mittelpunkt bildet."
Neben Letterboxd spielen auch YouTube und TikTok eine Rolle dabei, wie junge Menschen Filme entdecken. Der 26 Jahre alte Regisseur von "Obsession", Curry Barker, wurde mit YouTube-Videos berühmt. TikTok erreicht unter dem Hashtag FilmTok ein junges Kinopublikum.
Doch das Vertrauen in die Inhalte dort schwindet ein wenig. Das Magazin "Vulture" und andere US-Medien haben gerade dazu recherchiert, wie Agenturen Kampagnen in den sozialen Netzwerken starten, um Begeisterung für Filme und andere Kulturprodukte zu simulieren.
Mit dem Aufkommen von KI-generierten Inhalten weiten sich Manipulationsmöglichkeiten aus, wie Yorck-Sprecherin Schubert ausführt. "Das Vertrauen des Publikums, dort Inhalte zu finden, wird sicherlich weiter schwinden." Letterboxd hingegen gilt – noch – als authentisch. Das macht die Scores dort zu einer ernstzunehmenden Währung: Wer heute einen Film sehen will, schaut davor oft auf Letterboxd – oder den Webseiten Rotten Tomatoes und Metacritic, welche die Kritiken von Zeitungs- und Onlinemedien zusammenfassen.
Die Kehrseite von Letterboxd
Das hat wiederum finanzielle Konsequenzen. "Schlechte Kritiken sind viel schneller ein Todesstoß für einen Film als früher", sagt Schubert. Die alte Branchenweisheit, dass man einen mittelmäßig bewerteten Film noch übers erste Wochenende retten kann, gelte nicht mehr. Schlechtes "Word of Mouth" könne heute einem Film innerhalb von Stunden am Eröffnungstag Tickets kosten.
Das Gegenbeispiel existiert allerdings auch: Der "Super Mario"-Film war trotz durchwachsener Kritiken ein riesiger Kassenerfolg, wie Schubert sagt. Im Mainstream-Kino zählen Letterboxd-Scores weniger. Im Arthouse – dem Terrain der Yorck-Kinos – umso mehr.
Dass einzelne Plattformen so eine Macht haben, ist natürlich auch bedenklich. Schubert – die darauf verweist, dass Yorck nach ihren Angaben als erstes deutsches Unternehmen einen Letterboxd-Account hatte – sieht ein Risiko darin, "sich zu sehr von einer einzelnen Plattform abhängig" zu machen. "Diese kann jederzeit ihre Ausrichtung ändern, und dann steht man im Regen. Wir versuchen daher, mehrere Kanäle zu bespielen."
Aktuell aber ist Letterboxd der Favorit vieler Kinofans. Manche Nutzer sagen, die Möglichkeit, einen Film auf der App als "Gesehen" zu markieren, motiviert sie erst dazu, diesen zu schauen. Es ist natürlich etwas ironisch, dass das "echte" Erlebnis damit im digitalen Raum rückgekoppelt wird. Zumindest endet der Kinogang auch bei der "Classic Sneak" damit, dass viele Leute im Anschluss direkt ihr Smartphone zücken.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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