Berlin: Wie Ikkimel Rap und Rollenbilder aufmischt
Was passiert, wenn eine Rapperin Männer in Käfige steckt und Hasskommentare öffentlich macht? Ikkimel bricht mit Tabus – und trifft einen Nerv.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Herbert Grönemeyer nennt sie "eine unglaubliche Künstlerin", ihre Fans nennen sie liebevoll "Mutter Ikkimel", sie selbst bezeichnet sich als "offiziell die allergrößte Fotze der Stadt": Mit Texten über Partys, Drogen und Sex hat Ikkimel in den vergangenen Jahren die Rapszene aufgemischt – wohl auch, weil die forschen Texte zur Abwechslung mal von einer Frau, nicht von einem Mann stammen.
Sie kombiniert schnelle Technobeats mit Zeilen wie "Ich fick sie alle", "Gibt's den Pimmel auch in groß?" und "Sperrt die Männer weg". Das kommt an: Die Künstlerin hat 2,2 Millionen monatliche Hörer auf Spotify, fast 400.000 Follower auf Instagram und über 13 Millionen Likes auf TikTok. Bei einem spontan angekündigten Konzert in Berlin-Kreuzberg am 1. Mai war der Andrang riesig.
Am 15. Mai erscheint Ikkimels zweites Studioalbum "Poppstars" – und kommt mindestens so provokant daher wie ihr Debütalbum "Fotze", das 2025 in die Top 10 der deutschen Albumcharts einstieg. Was Ikkimel so erfolgreich macht? Soziologin Heidi Süß, die zu Rap und Männlichkeit forscht, meint: "Sicherlich nicht nur die Musik."
Wie man beleidigende Begriffe umdeutet
Ikkimel steht für das Berlinerische "Icke Mel", also "Ich bin Mel". Melina Gaby Strauss ist in Berlin-Tempelhof aufgewachsen, hat Abitur und einen Bachelor in Linguistik. Sie habe immer gerne Rap gehört, Party gemacht und "schon als Kind nicht in diese männerdominierte Welt reingepasst", sagte die Künstlerin in einem Interview der "Zeit". Der Tod ihres Vaters, den sie bis zuletzt gepflegt hatte, sei der Punkt gewesen, "wo ich dachte, man lebt nur einmal. Ich scheiß jetzt auf alles und mach einfach das, was mir Spaß macht", so Ikkimel auf Instagram.
Darin liege auch das Erfolgsrezept: "Es ist ihr zeitgeistiges Image, ein Lifestyle, den sie verkörpert. Es geht um Eskapismus, Hedonismus", so Süß. Und vor allem um Empowerment, was schon immer der Kern des Hip-Hops gewesen sei: "sich die Kontrolle über den eigenen Körper, über das eigene Image in der Gesellschaft, ob jetzt aufgrund von Rassismus- oder auch Sexismuserfahrungen, zurückzuerobern", erklärt Süß.
Kontrolle zurückholen – das tut Ikkimel vor allem, in dem sie Begriffe wie "Fotze" reclaimt, um "ihnen die Verletzungsmacht zu nehmen", so die Soziologin. Reclaimen bedeutet hier, einen beleidigenden Begriff umzudeuten und zur Selbstbeschreibung zu nutzen, um ihn gewissermaßen zu entwaffnen. Es sei ein großer Unterschied, ob man als "Fotze" bezeichnet würde oder "die Person als Subjekt agiert und diesen Begriff selbst wählt und aktiv für sich reklamiert", sagt Süß.
Missy Elliott oder Lady Bitch Ray als Vorreiterinnen
Dass gerade ältere Generationen damit wenig anfangen könnten, verwundert die Soziologin nicht: "Das ist schon auch ein popkulturelles Produkt, so mit diesen Feinheiten von Sprache und diesen Raum auszureizen, auszuloten, den Raum des Sagbaren sozusagen."
"Sperrt die Männer Weg", rappt Ikkimel und tut das auch: Bei ihren Liveshows landen männliche Fans in Käfigen. Damit drehe sie den Spieß um. Ganz nach dem Motto: "Jetzt sind wir an der Reihe, jetzt bin ich da und jetzt geh mal auf die Knie und leck mal und sei mal bitte still, weil jetzt rede ich", so Süß.
Nicht umsonst werde diese neue feministische Strömung auch als "Fotzenfeminismus" bezeichnet, meint die Rap-Forscherin. Eine eigene Sparte, aber kein neues Phänomen: Rapperinnen wie Missy Elliott in den USA oder Lady Bitch Ray in Deutschland hätten dem Female Rap den Weg geebnet.
"Für viele Männer offensichtlich schwer verdaulich"
Ikkimels hypersexualisierte Darstellung und ungefragte Offenheit irritiert und stört auch einige. Kurz vor ihrem Album-Release veröffentlichte die 28-Jährige in einem
Instagram-Post
etliche Hassnachrichten männlicher User, die ihr Gewalt androhten, ihr sogar den Tod wünschten. Auch Kollegen stoßen sich an ihr: Rapper Fler – der in der Vergangenheit ebenfalls derbe, sexualisierte Lyrics geschrieben hat – beleidigte Ikkimel auf Instagram und bedrohte sie.
Warum sie so viel Hass abbekommt? "Weil sie eine Frau ist, die das Frausein oder das Weiblichsein und vor allem auch ihre Sexualität ja nicht nur ausstellt und zeigt, indem sie mal was Kurzes anhat, sondern die damit auch richtig proaktiv, selbstbewusst und auch in diesem klassischen Rap-Gestus der Überzeichnung rausgeht", sagt Süß. "So ein offener, lustvoller und provokativer Umgang mit Sexualität ist für viele Männer offensichtlich schwer verdaulich."
Ikkimel werde "als Bedrohung" wahrgenommen. Vielen Männern würden Strategien fehlen, um mit so viel weiblichem Empowerment umzugehen.
Alice Schwarzer war erst kein Fan
In feministischen Kreisen wiederum wird ihr mitunter vorgeworfen, den "male gaze" zu reproduzieren, der Frauen zum Objekt macht und auf ihre Körper reduziert. Frauenrechtlerin Alice Schwarzer zeigte sich von Ikkimel erst "erschüttert", ein paar Wochen später dann aber "bekehrt". Sie schrieb in ihrer Emma-Kolumne: "Ihre Stärke ist nicht gespielt, sie scheint echt." Das belege die Qualität ihrer Musik und Performance.
Nur das Spiel mit dem Wort "Fotze" geht Schwarzer zufolge nicht auf - schließlich lasse sich dieser "erniedrigendste Begriff von Männern für Frauen auch in einem vorlauten Frauenmund nicht einfach umdrehen in Frauenpower".
In der Schlange vor ihrem Konzert sind sich Ikkimels Fans einig: "Sie gibt uns Mädels die Kraft, uns nicht mehr beleidigt zu fühlen, wenn ein Mann zu uns sagt, wir seien Bitches, nur weil wir sexuell offen sind", sagte eine 24-Jährige der "Zeit".
"Wenn zeitgleich zehn Männer frauenfeindliche Texte ins Mikro sprechen, juckt das keinen. Bei mir wird strenger hingeguckt. Was einfach sexistisch ist", sagte Ikkimel der "Zeit". Es gehe ihr nicht darum, einfach draufzuhauen: "Ich mache Kunst, in der es um das Aufzeigen von gesellschaftlichen Problemen geht", sagte Ikkimel dem Musikmagazin "Diffus".
Ihr Ziel sei es, die "Gesellschaft zu beeinflussen und in die richtige Richtung zu treiben. Erreichen, dass Frauen und Minderheiten mehr anerkannt werden und es mehr Zusammenhalt gibt". Dass der Wandel schon im Gange sei, zeige auch ihr Mainstream-Erfolg: Junge Männer würden langsam anfangen, "feministisch zu denken und sich kritisch gegenüber anderen Männern zu positionieren", erklärt Süß.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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kns/roj/news.de
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