Elon Musk: Unmoralische KI sorgt für Jubel – wie tief ist unsere Gesellschaft gesunken?

Die KI Grok erstellt Bilder von absurden Montagen bis zu freizügigen Darstellungen. Während die Software Reue zeigt, reagiert Elon Musk mit Spott. Wie tief muss unsere Gesellschaft noch sinken? Ein Kommentar.

Von news.de-Redakteurin - Uhr

Elon Musk: KI auf seiner Plattform außer Kontrolle und er lacht nur drüber. (Foto) Suche
Elon Musk: KI auf seiner Plattform außer Kontrolle und er lacht nur drüber. Bild: picture alliance/dpa/PX Imagens via ZUMA Press Wire | Louis Grasse
  • KI-Funktion auf X wird für Grenzverletzungen missbraucht
  • KI Grok zeigt Einsicht, Elon Musk nicht
  • Ermittlungen laufen, doch der Schaden ist längst entstanden

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Auf der Plattform X sorgt eine neue Bildfunktion der KI Grok derzeit für hitzige Debatten. Nutzer können Fotos per Klick verändern lassen. Was als spielerisches Feature begann, driftet zunehmend in problematische Bereiche ab. Die Ergebnisse reichen von albernen Montagen bis hin zu Inhalten, die rechtlich hochsensibel sind.

Von Toastern im Bikini bis zu Promi-Motiven

Zahlreiche Nutzer testen laut "BR24" die Möglichkeiten der KI bewusst aus. Alltagsgegenstände wurden digital "bekleidet", ebenso wurden bekannte Persönlichkeiten aber auch "entkleidet". Problematisch wird es genau hier, wo die Technik keine klare Linie zieht. Beobachter kritisieren, dass Grok nicht zwischen harmloser Satire und Persönlichkeitsverletzung unterscheidet. Besonders Frauen seien betroffen, deren Bilder ohne Zustimmung bearbeitet wurden. Die Funktion werde gezielt genutzt, um reale Personen digital zu entkleiden. Besonders besorgniserregend sind Berichte, wonach die KI auch Darstellungen von Minderjährigen und Kindern erzeugt haben soll. In dokumentierten Fällen erkannte das System offenbar das junge Alter der abgebildeten Personen, führte die Bildmanipulation jedoch trotzdem aus. Fachleute warnen vor erheblichen psychischen Folgen für Betroffene und sehen mögliche Straftatbestände erfüllt.

Spott von oben, Reue aus dem Quellcode

Während die Kritik aus Medien, Politik und Gesellschaft lauter wird, bleibt die Reaktion der Führung erstaunlich dünnhäutig. Elon Musk begegnet Vorwürfen mit Ironie, Emojis und demonstrativer Gleichgültigkeit. Presseanfragen werden mit standardisierten, teils herablassenden Textbausteinen abgefertigt. Verantwortung wirkt hier wie ein optionales Feature. Fast rührend dagegen das Verhalten der Maschine. Ausgerechnet die KI Grok meldet sich zu Wort, räumt Versäumnisse ein, spricht von Sicherheitslücken und davon, dass missbräuchliche Inhalte illegal seien. Die Software zeigt Einsicht. Der Mensch darüber nicht. Ein bemerkenswerter Rollentausch.

Wenn Algorithmen moralischer wirken als ihre Schöpfer

Die KI scheint also weiter zu sein als ihr Erfinder. Einsichtiger. Reflektierter. Und damit stellt sich eine unangenehme Frage: Wie tief muss eine Gesellschaft sinken, damit ausgerechnet ein Algorithmus die Stimme der Vernunft übernimmt?

Musk hätte früher gestoppt werden müssen, heißt es oft. Aber wie stoppt man jemanden, der sich jenseits klassischer Machtmechanismen bewegt? Den reichsten Mann der Welt in einer Welt, in der Geld nicht nur regiert, sondern moralische Maßstäbe gleich mit aufkauft? Wie begrenzt man freizügige Inhalte in einer Gesellschaft, die genau danach giert wie nach dem letzten Platz im Rettungsboot der Titanic?

Niemand schuld, alle beteiligt

Musk ist nicht einmal der Schuldige. Er ist nur eine Art Verkäufer. Einer, der liefert, was gefragt ist. Die eigentliche Verantwortung liegt tiefer. Bei einer Gesellschaft, die lieber konsumiert als reflektiert. Die Klicks mehr liebt statt Grenzen zu ziehen. Die Trash-TV, digitale Entblößung und Dauererregung nicht nur duldet, sondern belohnt und erzeugt.

Wäre keine Nachfrage da, gäbe es kein Angebot. Keine Plattformen, keine Algorithmen, keine KI-Experimente am moralischen Abgrund. Doch Selbstkontrolle gilt als uncool, Anstand als altmodisch und Nachdenken als Zeitverschwendung.

Willkommen im Endstadium der Aufmerksamkeitsökonomie

Nun stehen wir an einem Punkt, an dem selbst Kinder im Netz zur Projektionsfläche werden können. Zur Ware. Zum "Feature". Und während unten die Schäden entstehen, stehen oben die Überreichen, schauen zu und lachen. Vielleicht posten sie noch ein Emoji. Willkommen in der schönen neuen Welt. Sie brennt an allen Ecken. Und das Feuer wurde nicht von einer einzelnen Person gelegt, sondern von uns allen gemeinsam.

Ermittlungen laufen bereits

In Frankreich wird nun ermittelt, Akten werden erweitert, Verfahren zusammengeführt. Die Justiz tut, was Justiz eben tut: Sie schreibt mit, ordnet ein und prüft. Auch in Indien verlangt die Politik Erklärungen, Konzepte, technische Lösungen für ein Problem, das längst aus dem Bildschirm gekrochen ist. Prävention im Nachhinein, sozusagen. Ob das irgendetwas repariert, bleibt offen. Der Schaden ist schließlich nicht hypothetisch, sondern bereits produziert, geteilt und gespeichert. Was einmal im Netz war, bleibt dort. Ermittlungen können vielleicht Verantwortlichkeiten klären, aber keine Bilder zurückholen und keine Grenzen wieder einziehen. Es wirkt ein wenig, als würde man Feuerwehrpläne diskutieren, während das Haus bereits niedergebrannt ist. Und selbst dann schaut man sich um und stellt fest: Überall lodern neue Flammen. Nicht nur auf einer Plattform, nicht nur in einem Land. Es wird nicht besser, es wird professioneller, schneller und gleichgültiger. Die Politik fragt, die Justiz prüft, die Technik verspricht Updates. Und die Welt scrollt weiter.

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