18.11.2019, 08.48 Uhr

Angst vor Altersarmut: Klaffende Versorgungslücke! Was tun gegen Armut im Rentenalter?

Der Blick in die Zukunft sieht für manchen düster aus: Wird die Rente später ausreichen? Trotz angekündigter Rentensteigerung im kommenden Jahr drohen Versorgungslücken - doch wie schützt man sich vor Altersarmut?

Viele Deutsche fragen sich: Wird die Rente im Alter für ein angenehmes Leben ausreichen? Bild: Marijan Murat / picture alliance / dpa

Sich nach der Erwerbstätigkeit gemütlich im Schaukelstuhl zurücklehnen und das Leben als Rentner genießen klingt nach einer verlockenden Vorstellung - doch für viele Rentner wird der Ruhestand zum Minenfeld. Oft reicht die Rente nicht zum Leben, die Angst vor Altersarmut wächst. Angekündigte Rentenerhöhungen - 2020 soll es drei Prozent mehr Rente geben - können mit den steigenden Lebenserhaltungskosten nicht mithalten. Für Wirtschaftsexperten ist klar: Altersarmut ist in Deutschland ein wachsendes, nicht von der Hand weisendes Problem.

Altersarmut in Deutschland: Überschuldung von Senioren nimmt drastisch zu

Bereits jetzt ist Altersarmut ein greifbares Phänomen: Immer mehr alte Menschen in Deutschland können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Innerhalb von nur zwölf Monaten sei die Zahl der überschuldeten Verbraucher im Alter ab 70 Jahren um 44,9 Prozent auf rund 380.000 gestiegen, berichtete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem am Donnerstag veröffentlichten "Schuldneratlas 2019". Seit 2013 habe sich die Zahl der überschuldeten Senioren sogar um 243 Prozent erhöht. Und auch bei den 60 bis 69 Jahre alten Verbrauchern kämen immer mehr nicht mehr mit ihrem Geld zurecht.

700 Euro weniger Rente! Renten-Studie alarmiert

Doch wie können sich Erwerbstätige vor der drohenden Altersarmut schützen und sicherstellen, dass die Rente später zum Leben reicht? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die Bertelsmann-Stiftung haben in einer Studie vorgerechnet, dass im Jahr 2039 ganze 21,9 Prozent der Rentner mit Altersarmut konfrontiert sein werden. Ein Renten-Minus von 700 Prozent ist der Prognose zufolge realistisch, wie die "Bild" schreibt.

Was können Erwerbstätige gegen Armut im Rentenalter tun?

Besonders düster sind die Aussichten für Arbeitnehmer, die nur Mindestlohn verdienen: Wer sich auf die gesetzliche Rente als einziges Standbein verlässt, muss mit Versorgungslücken rechnen. Schon vor dem Eintritt ins Rentenalter sollten deshalb ergänzende Vorsorgemodelle fürs Alter in Erwägung gezogen werden. Ein Rettungsring ist zudem die Grundsicherung im Alter, die als Sozialleistung für Senioren vom Sozialamt vergeben wird. Der Deutschen Rentenversicherung zufolge sollten sich Menschen mit einem Einkommen unter 865 Euro vom Sozialamt beraten lassen, ob ein Anspruch auf Grundsicherung besteht.

Was sind die Gründe für steigende Altersarmut in Deutschland?

Die Gründe für die wachsende Altersarmut sind nach Einschätzung der Experten vielfältig. Einerseits machten sich hier die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte bemerkbar, die fast durchweg auf eine Kürzung des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente abgezielt hätten, heißt es im Schuldneratlas. Außerdem wirkten sich die wachsende Zahl unsteter Erwerbsbiografien und das Anwachsen des Niedriglohnsektors aus. Auch der zum Teil dramatische Anstieg der Mieten spiele eine Rolle.

Wirtschaftsexperten besorgt wegen "Doppeltrend zu Altersarmut und Altersüberschuldung"

Die dramatische Entwicklung bei den Senioren steht auffälligen Gegensatz zur Entwicklung in den übrigen Altersgruppen. Denn erstmals seit 2013 ist in diesem Jahr die Zahl der überschuldeten Verbraucher in Deutschland wieder leicht gesunken - um rund 10.000 auf rund 6,92 Millionen Betroffene. Doch konzentriert sich der Rückgang auf die unter 50-Jährigen. Bei den Älteren gebe es dagegen einen stabilen "Doppeltrend zu Altersarmut und Altersüberschuldung", heißt es im Schuldneratlas.

Todesurteil Altersarmut? So bedroht sind Rentner in Deutschland

Altersarmut sei besonders schwerwiegend, betonten die Experten von Creditreform. Während jüngere Menschen Armut häufig als vorübergehende Lebensphase begriffen und über ein Perspektive verfügten, sich aus ihrer schwierigen Situation herauszuarbeiten, sei das bei älteren Menschen in der Regel nicht mehr der Fall. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinke die Chance älterer Menschen, ihre ökonomische Lage zu verbessern, drastisch. Verschärft werde das Problem dadurch, dass die Betroffenen oft ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch nähmen.

Experten betrachten wachsende Altersarmut in Deutschland mit Sorge

Georg Eickel vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Nordrhein-Westfalen schlägt ebenfalls Alarm. "Die Altersarmut nimmt seit 10 Jahren zu und wir befürchten, dass das Thema in zehn oder zwanzig Jahren die ganze Gesellschaft überrollen wird. Spätestens dann, wenn all die 40- oder 50-Jährigen ins Rentenalter kommen, die wir heute beraten, weil sie in der Langzeitarbeitslosenfalle oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen mit niedrigen Einkommen stecken", warnt der Fachmann.

Er beschreibt auch die schlimmen Folgen, die Altersarmut für die Senioren hat: "Die Betroffenen trauen sich oft nicht mehr aus der Wohnung. Krankheiten werden nicht mehr ordentlich behandelt, weil sogar an Medikamenten gespart wird, und die Wohnungen werden nicht mehr richtig geheizt, weil das Geld dafür nicht reicht." Die geplante Grundrente könne hier zwar ein bisschen helfen, werde aber die Probleme letztlich nicht lösen können.

Düstere Prognose zu Altersarmut und Überschuldung bei deutschen Senioren

Auch die Experten der Creditreform gehen davon aus, dass das Doppelproblem von Altersüberschuldung und Altersarmut in Zukunft eher zu- als abnehmen wird. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass die Überschuldungsquote bei den Rentnern ab 70 Jahren trotz der deutlichen Zuwächse mit 2,95 Prozent noch immer erheblich unter den Durchschnittswert anderer Altersgruppen liegt. Zum Vergleich: Über alle Altersklassen hinweg ist laut Creditreform jeder zehnte Erwachsene überschuldet.

Auch mit Blick auf die Verschuldungssituation insgesamt hält sich der Optimismus der Creditreform-Experten in Grenzen. Der Hauptgrund für den leichten Rückgang der Überschuldungszahlen in diesem Jahr sei die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren. Es sei jedoch zu befürchten, dass der positive Trend nur von kurzer Dauer sein werde, da sich die konjunkturellen Rahmenbedingungen zuletzt wieder deutlich eingetrübt hätten.

Neben der Konjunktureintrübung machen den Experten zwei weitere Punkte Sorgen. In fast allen Altersgruppen sei aktuell eine zunehmende Konsumverschuldung zu beobachten. Außerdem sei noch völlig ungeklärt, welche Auswirkungen die zunehmenden Kosten für Umwelt- und Klimaschutz künftig auf das Überschuldungsrisiko der Verbraucher in Deutschland haben werden. Auch deshalb sei davon auszugehen, "dass die Überschuldungszahlen in Deutschland trotz aktuellem Positivtrend in der näheren Zukunft wieder steigen werden", warnten die Experten.

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loc/news.de/dpa

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