TV-News: Loriots "Kalbshaxe Florida" wird 50 - "Die Nudel" bald auch
Die Frage "Schmeckt's?" und die Formulierung "ins Essen gequatscht" sorgen auch fünf Jahrzehnte später für Lacher - ebenso die "Steinlaus". 1976 bis '78 schuf Loriot mit zeitlosem Humor Kultfernsehen.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Boney M. war mit "Daddy Cool" gerade Nummer eins in den westdeutschen Musikcharts und die Satiren-Sammlung "In Sachen Kain und Abel" von Ephraim Kishon das meistverkaufte Buch in der Bundesrepublik, als die ARD am 18. Oktober 1976, einem Montag, um 21.00 Uhr, erstmals "Loriots Teleskizzen" ausstrahlte. 45 Minuten, die in die Fernsehgeschichte eingingen.
Darin: einige der bekanntesten komödiantischen Szenen des legendären Humoristen Vicco von Bülow (1923-2011) alias Loriot, etwa "Schmeckt's?".
"Sie haben mir ins Essen gequatscht!"
In diesem Fremdschäm-Sketch wird ein Gast im Restaurant ständig angesprochen, vom Kellner, Tischnachbarn, einem Mann vom Nebentisch. Da der von Loriot mit Brille und Schnäuzer verkörperte Gast stets höflich antwortet, kann er kaum seine warme Speise essen ("Kalbshaxe Florida" mit einem kleinen Schirmchen drin). Schließlich platzt ihm der Kragen.
Seinem Gegenüber wirft er vor: "Sie haben mir ins Essen gequatscht!" Der Mann ist konsterniert: "Das ist ja unerhört - ins Essen gequatscht..." Der Geschäftsführer der Gaststätte versucht, die Lage zu beruhigen, er lässt den Gast auf Kosten des Hauses essen.
Am Ende nimmt der Gast unter Aufsicht Dutzender anderer Gäste, des Kellners, Kochs und Geschäftsführers seine Haxe zu sich. Eine Frau sagt: "Nun lassen Sie das Kind doch mal nach vorne."
Ebenfalls am 18. Oktober 1976 lief erstmals im ARD-Fernsehen Loriots Slapstick-Nummer "Zimmerverwüstung" mit einem Tollpatsch, der sein angerichtetes Chaos trocken mit "Das Bild hängt schief" kommentiert.
Loriots Steinlaus schaffte es in ein wissenschaftliches Wörterbuch
Im Sketch "Die Steinlaus" trat Loriot außerdem als Parodie des Zoologen und Fernsehmoderators Bernhard Grzimek auf. Er sprach über das angeblich "kleinste Nagetier unserer Heimat". Der possierliche kleine Kerl und scheue Nager ernähre sich von Steinen. Gelegentlich werde ein Eisenträger nicht verschmäht. Das geschlechtsreife Männchen habe einen Tagesbedarf von etwa 28 Kilogramm Beton und Ziegelsteinen, dichtete Loriots Grzimek, das Weibchen brauche in der Schwangerschaft fast doppelt so viel. Angebliche Mikroskop-Aufnahmen zeigen ein gezeichnetes Insekt mit hervorstehender Kauleiste.
Einige Jahre später nahm das medizinische Wörterbuch "Pschyrembel" die Steinlaus als fingierten Lexikonartikel auf. Die Steinlaus ist bis heute das vielleicht bekannteste Beispiel des wissenschaftlichen Witzes im deutschsprachigen Raum.
"Loriots Teleskizzen" vom 18.10.'76 war die zweite Folge der Comedy-Fernsehserie "Loriot", die Radio Bremen zwischen 1976 und 1978 produzierte. Es gibt sechs Episoden - nummeriert mit den römischen Zahlen I bis VI.
"Die Nudel" wurde erstmals im Mai '77 ausgestrahlt
Der vielleicht bekannteste Loriot-Sketch, "Die Nudel", folgte sieben Monate nach Folge zwei - in der dritten Ausgabe des Formats, am 16. Mai 1977. Darin missglückt ein Liebesgeständnis im feinen Restaurant, weil dem Mann, als er sich offenbart, eine Nudel im Gesicht klebt. Sie wandert obendrein auch noch durchs Gesicht, was die Frau (die unvergessene, kongeniale Evelyn Hamann) völlig ablenkt und die Situation ruiniert.
Aus Folge drei stammt auch der hervorragend geschriebene Zeichentrick-Sketch "Feierabend". Er treibt in gut drei Minuten Kommunikationsprobleme in einer Ehe auf die Spitze. Der Mann möchte nur im Sessel chillen ("Ich sitze hier") und wird in ein anstrengendes Gespräch verwickelt.
Sie (Berta): "Es könnte ja nicht schaden, wenn du mal etwas spazieren gingest." - Er (Hermann): "Nein, nein." - Sie: "Ich bringe dir deinen Mantel" - Er: "Nein, danke." - Sie: "Aber es ist zu kalt ohne Mantel." - Er: "Ich gehe ja nicht spazieren." - Sie: "Aber eben wolltest du doch noch?" - Er: "Nein, du wolltest, dass ich spazieren gehe." - Sie: "Ich? Mir ist es doch völlig egal, ob du spazieren gehst."
"Früher war mehr Lametta"
Mitte der 90er Jahre wurden die kurzen Loriot-Filme der sechs Sendungen in 14 Sendungen zu je 25 Minuten neu zusammengestellt, ergänzt um Werke aus anderen Fernsehsendungen mit Loriot. So kam unter anderem "Weihnachten bei Hoppenstedts" zustande.
"Früher war mehr Lametta" wurde ein geflügeltes Wort für angeblich bessere Feiern in der Vergangenheit. Der Heiligabend-Ablauf wird als deutsches Konfliktthema auf den Punkt gebracht, wenn Frau Hoppenstedt (Evelyn Hamann) ihrem Mann (Heinz Meier) entgegnet: "Nein, Walter, erst holen wir die Geschenke rein, dann sagt Dicki ein Gedicht auf und wir packen die Geschenke aus, dann machen wir erst mal Ordnung, dabei können wir fernsehen, und dann wird's gemütlich."
Zurück zum Anfang und dem 18. Oktober 1976: Damals war Helmut Schmidt seit fast zweieinhalb Jahren Bundeskanzler. Der sogenannte Deutsche Herbst mit dem beispiellosen RAF-Terror war noch ein Jahr entfernt.
Genau ein Jahr später - am 18. Oktober 1977 - begingen die inhaftierten RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stuttgart-Stammheim Suizid.
Am selben Tag hatte die Spezialeinheit GSG 9 in Mogadischu die von palästinensischen Terroristen entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" befreit. Einen Tag später, am 19. Oktober, wurde der von seinen Entführern ermordete Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer tot im Elsass gefunden.
Die Bundesrepublik Deutschland in den 70ern: Das war keineswegs nur lustig.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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kns/roj/news.de
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