TV: Wahrzeichen West-Berlins: Der Funkturm wird 100
Seit hundert Jahren begrüßt der Funkturm in Berlin ankommende Autofahrer im Westen. Einst wies er auch den Rosinenbombern den Weg nach Tempelhof.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Berlin beginnt im Westen unvermittelt. Wer im Dunkeln mit dem Auto über die Autobahn A115 durch den Grunewald in die Stadt fährt, merkt erst mit Erblicken des Funkturms, dass er schon mittendrin ist.
Das 147 Meter hohe Stahlgerüst auf dem Messegelände markiert seit bald 100 Jahren den abrupten Übergang zwischen dem ländlichen Berliner Umland und der Großstadt - und über Jahrzehnte den zwischen Ost und West.
Schon während der Berlin-Blockade wiesen hellgelbe Flugfeuer-Lampen an der Turmspitze den alliierten Rosinenbombern den Weg nach Tempelhof, also zum Flughafen Berlin-Tempelhof, wo sie das 1948/49 von den Sowjets abgeschnittene West-Berlin mit Lebensmitteln und Kohle versorgten.
Bei seiner Eröffnung am 3. September 1926 galt der Funkturm als der höchste Turm Deutschlands. Seine Ähnlichkeit mit dem Pariser Eiffelturm lässt sich nicht leugnen. Zufall ist sie nicht.
Vorgeschichte
Die Geschichte des Funkturms - des "langen Lulatsch" im Berliner Volksmund - ist eng verbunden mit der Verbreitung des Rundfunks in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Vom Vox-Haus in der Potsdamer Straße in Berlin wurde am 29. Oktober 1923 die erste offizielle Unterhaltungsrundfunksendung in Deutschland ausgestrahlt. Eine weitere Antennenanlage gab es beim Sender Berlin II am Magdeburger Platz. Doch beide waren bald zu schwach für die Rundfunkversorgung der Hauptstadt.
Zur ersten "Großen Deutschen Funkausstellung" - der späteren IFA - im Jahr 1924 wurde auf dem Messegelände deshalb eine 126 Meter hohe Antenne errichtet, über die der ebenfalls auf dem Gelände angesiedelte Sender Witzleben übertrug.
Schnell gab es den Plan für kommende Ausstellungen, die Antenne mit einem Stahlturm einzurahmen - ausgestattet mit Aussichtsplattform, Restaurant und Aufzug. Den Entwurf dafür lieferte der Architekt Heinrich Straumer.
Bau und Eröffnung
Der Bau eines Funkturms gehörte damals nicht zum gängigen Angebotsportfolio von Bauunternehmen - insbesondere dann, wenn er für die Bevölkerung zugänglich sein sollte. Eines der wenigen Exemplare stand in Paris. In seinen Plänen orientierte sich Straumer daher stark an der Architektur des Eiffelturms.
"Wie beim Pariser Vorbild fußt die stählerne Fachwerkkonstruktion auf vier Basisstützen, verjüngt sich nach oben, nimmt Plattformen auf und hat ähnliche Proportionierungen im Aufbau", heißt es beim Landesdenkmalamt Berlin.
Gleichwohl sei es beim Bau des Funkturms viel stärker um Funktionalität gegangen, betont der Stabstellenleiter der Messe Berlin, Michael Pfeiffer, in einem Podcast der Messe. So seien beim Eiffelturm pro laufendem Höhenmeter etwa 22,7 Tonnen Stahl verbaut, "wovon mehr als die Hälfte nur Dekoration sind". Beim Berliner Funkturm seien es hingegen lediglich 2,2 Tonnen pro Höhenmeter. "Jeder Stahlträger, der hier eingesetzt worden ist, war konstruktiv und statisch notwendig", betont Pfeiffer in dem Beitrag.
Rund zwei Jahre dauerte der Bau. Die Stahlteile wurden dabei dem Messe-Experten zufolge von einem auf der Spitze der bereits bestehenden Funkantenne angebrachten Turmdrehkran hochgezogen und verbaut.
Besondere Herausforderungen waren dabei der Bau des bis heute existierenden Restaurants, die Aussichtsplattform und der Fahrstuhl, der selbst heute noch an windigen Tagen nicht in Betrieb ist. Mit der Eröffnung der dritten Großen Deutschen Funkausstellung am 3. September 1926 wurde auch der Funkturm eingeweiht.
Der Funkturm als Funkturm
Über den Stahlbau wurden bald nicht nur Rundfunkwellen, sondern in der Nacht zum 9. März 1929 auch die weltweit ersten noch tonlosen Fernsehbilder ausgestrahlt. Da die Sendekabel schlecht isoliert gewesen seien und auch die Störung durch den Restaurantbetrieb unterschätzt worden sei, habe der Turm nie mit der geplanten Qualität gesendet, schildert Pfeiffer von der Messe Berlin. Mit dem Übertragungsbetrieb war ab 1935 vorerst ohnehin Schluss. Ein großes Feuer zerstörte in dem Jahr weite Teile der Sendetechnik.
Nach dem Krieg sendete zunächst der Sender NWDR über den Funkturm, später dann der Sender Freies Berlin (SFB). So war der Turm vor allem ein Wahrzeichen für den später durch die Mauer abgetrennten Westteil der Stadt und begrüßte über Jahrzehnte die Autofahrer aus der Bundesrepublik, die über die Transit-Autobahn nach Berlin (West) kamen.
1973 wurde Pfeiffer zufolge der Funkbetrieb vollständig eingestellt, weil es genügend andere Türme und Antennenlagen in West-Berlin gegeben habe.
Und heute?
Der im Zweiten Weltkrieg schwerbeschädigte Turm wurde in den Jahren danach wieder stabilisiert und steht in seiner ursprünglichen Form noch heute auf dem Messegelände. Auch das Restaurant auf 55 Metern Höhe gibt es noch sowie die Aussichtsplattform auf 126 Metern Höhe.
Funkwellen verbreitet er gleichwohl keine mehr. Und auch seine Bedeutung als Berliner Wahrzeichen hat er spätestens mit dem Bau des mehr als doppelt so hohen Fernsehturms im Osten der Stadt erheblich eingebüßt.
"Doch eines verbreitet er nach wie vor", schreibt die Berliner Messe. "Atmosphäre! Das gelingt ihm sowohl tagsüber als auch nachts, wenn er von starken LED-Leuchten in warmes Licht getaucht wird und so ein von weitem sichtbares Zeichen der Vertrautheit setzt."
Heimkehrende Berliner im Auto auf der Avus wissen, was damit gemeint ist.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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