TV-News: ARD-Hauptstadtchef Preiß: Sommerinterviews braucht es mehr denn je

Störaktionen, Studio, TikTok: Warum die ARD ihre Sommerinterviews neu denkt und wie Hauptstadtstudio-Leiter Markus Preiß Politik für alle verständlich machen will.

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Die ARD-Sommerinterviews ziehen in diesem Jahr ins Studio. Nach den Störaktionen im vergangenen Sommer sollen wieder stärker die Inhalte im Mittelpunkt stehen.

Doch auch grundsätzlich stehen politische Fernsehinterviews vor neuen Herausforderungen: Immer mehr Menschen informieren sich über soziale Medien, Politiker verbreiten ihre Botschaften über eigene Kanäle.

Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Markus Preiß, warum er die Sommerinterviews dennoch für wichtiger hält denn je, wie sie jüngere Zielgruppen erreichen sollen und weshalb aus seiner Sicht auch ARD und ZDF an dem Format festhalten sollten.

Frage: Herr Preiß, die ARD-Sommerinterviews gibt es seit Jahrzehnten. Gleichzeitig verbringen viele Menschen ihre Zeit heute am Handy und schauen weniger lineares Fernsehen. Warum braucht es die Sommerinterviews überhaupt noch?

Antwort: Diese Frage bekommen wir immer wieder. Unsere Erfahrung ist: Vielleicht braucht es sie heute mehr denn je. Die Welt verändert sich rasant und macht längst keine Sommerpause mehr. Donald Trump kann innerhalb weniger Wochen die ganze Welt umkrempeln. Gerade deshalb braucht es auch im Sommer politische Interviews, in denen Verantwortliche Rede und Antwort stehen. Es geht längst nicht mehr darum, in einer ruhigen Zeit einen Politiker von seiner persönlichen Seite kennenzulernen oder darüber zu sprechen, wie ihm der Urlaub am Wolfgangsee gefallen hat. Wir leben in ernsten Zeiten, und entsprechend sind auch die Interviews. Das Einzige, was am Sommerinterview noch Sommer ist, ist, dass es im Sommer stattfindet.

Frage: Geht dabei nicht auch etwas verloren? Viele Menschen sind nachrichtenmüde. Früher boten die Sommerinterviews auch Raum, Politiker einmal persönlicher kennenzulernen.

Antwort: Das kommt immer auf die Situation an. In einer politischen Krise wäre es sicher falsch, mit dem Bundeskanzler Spielchen zu machen. Und auch ein lockerer Umgang mit der AfD, die viele Menschen für sehr problematisch halten, ist aus meiner Sicht nicht angemessen. Die Zeiten sind ernst - und das sieht man auch den Interviews an.

Frage: Was kann ein Sommerinterview leisten, was Politiker auf ihren eigenen Kanälen, also etwa auch in Podcasts oder auf Instagram, nicht können?

Antwort: Gerade weil Politiker heute ihre Botschaften selbst verbreiten können, haben solche Interviews eine besondere Bedeutung. Im Bundestag werden Reden inzwischen oft allein mit Blick auf Social Media gehalten. Da geht es gar nicht mehr nur um die Abgeordneten im Plenum, sondern darum, einen Clip für TikTok zu produzieren. Auf den eigenen Kanälen sprechen Politiker über das, worüber sie sprechen wollen. Ein Interview gehört zu den wenigen Formaten, in denen sie sich auch den Themen stellen müssen, über die sie lieber nicht reden würden. Es gelingt nicht immer, eine zufriedenstellende Antwort zu bekommen. Aber Zuschauer sehen trotzdem, wie jemand mit kritischen Fragen umgeht. Das ist etwas völlig anderes als die eigene Kommunikation in den sozialen Medien.

Frage: Woran erkennen Sie nach einem Interview, dass es gelungen ist?

Antwort: Wir bereiten diese Gespräche sehr detailliert vor. Uns geht es nicht nur um die Aktualität, sondern auch um grundsätzliche Fragen, für die in einem sieben- oder achtminütigen Interview oft keine Zeit ist. Für mich ist die wichtigste Frage immer: Wie stellt sich jemand seine Politik eigentlich konkret vor? Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, einen Politiker zu korrigieren, sondern seine Vorstellungen sichtbar zu machen. Auch wenn ich denke, dass jemand völlig falschliegt, möchte ich erst einmal verstehen, wie er sich das vorstellt. Dann können die Zuschauer, die ja auch Wähler sind, selbst entscheiden, ob sie das überzeugt.

Frage: Ist genau das die Stärke des Formats - dass Politiker mehr Zeit haben und dadurch eher über Floskeln hinauskommen?

Antwort: Ja. Die Chance des Formats ist, dass sich ein Gespräch entwickeln kann. Ich versuche bewusst nicht, in einer halben Stunde möglichst viele Themen abzuhaken. Dann bekommt man nur die Standardantwort, die ein Politiker ohnehin jedes Mal gibt. Wenn man dagegen bei einem Thema bleibt, merkt der Gesprächspartner irgendwann: "Ich komme hier nicht einfach durch. Ich muss wirklich erklären, wie ich das meine." Oder es zeigt sich, dass er immer wieder nur dieselbe Antwort geben kann. Auch das ist für Zuschauer eine wichtige Erkenntnis.

Frage: Was ist für Sie schwieriger: ausweichende Antworten oder einstudierte Botschaften?

Antwort: Dass Politiker mit einer Botschaft in ein Interview gehen, ist völlig normal. Sie sitzen auf einer Bühne, die Millionen Menschen sehen. Entscheidend ist, dass man selbst einen Plan hat und sich davon nicht abbringen lässt.

Frage: Sie ziehen mit den Sommerinterviews in diesem Jahr ins Studio. In der Ankündigung der ARD hieß es, man wolle sich wieder stärker auf die Inhalte konzentrieren. Ist das politische Interview zuletzt oft zu einem Ereignis geworden und gar nicht mehr zu einem Gespräch?

Antwort: Ich würde sagen: beides. Es ist ein relevanter Termin geworden, und das freut uns auch. Es ist ein Format, auf das andere politische Journalisten schauen und das von den Politikern sehr ernst genommen wird. Wir wollen relevante Produkte machen und den politischen Diskurs mitprägen. Ich finde aber nicht, dass das Gespräch darunter gelitten hat. Im Gegenteil: Die Interviews werden häufig sehr strukturiert und auch hart geführt.

Frage: Im vergangenen Jahr gab es Störaktionen bei den Interviews mit Alice Weidel und Markus Söder. War damals der Moment erreicht, an dem klar war: So kann das Format nicht weitergehen?

Antwort: Nach dem Interview mit Alice Weidel gab es schon Zweifel. Nach der zweiten Störaktion bei Markus Söder war klar: Wir wollen Interviews führen und uns nicht den ganzen Tag mit Sicherheits- und Logistikfragen beschäftigen. Unsere Aufgabe ist Journalismus. Wir wollen über Inhalte sprechen. Deshalb haben wir entschieden, ins Studio zu gehen.

Frage: Für wen machen Sie die Sommerinterviews eigentlich?

Antwort: Für alle Menschen in Deutschland. Wir arbeiten zwar in Berlin und kennen den politischen Betrieb sehr gut. Aber wir müssen uns immer wieder fragen: Interessiert das auch jemanden in Halberstadt, Bamberg oder Kaiserslautern? Gerade bei den Sommerinterviews versuche ich, Politiker aus der Perspektive der Bürger zu befragen. Gleichzeitig gehört auch dazu, komplizierte politische Zusammenhänge verständlich zu erklären. Politik ist oft komplex, und das sollten wir nicht künstlich vereinfachen.

Frage: Viele jüngere Menschen schauen kaum noch lineares Fernsehen. Wie erreichen Sie sie?

Antwort: Über die sozialen Medien. Wir werden die Interviews auch in diesem Jahr wieder für TikTok, Instagram und YouTube aufbereiten. Die Zahlen dort sind enorm. Beim Sommerinterview mit Alice Weidel hatten wir knapp zwei Millionen Zuschauer im Ersten, den Faktencheck dazu haben allein auf Instagram mehr als drei Millionen Menschen gesehen. Wir versuchen deshalb, auf den Plattformen präsent zu sein, auf denen jüngere Menschen unterwegs sind.

Frage: Woran messen Sie heute den Erfolg eines Sommerinterviews? An den Einschaltquoten, den Abrufen in der Mediathek oder daran, wie stark einzelne Ausschnitte in den sozialen Netzwerken verbreitet werden?

Antwort: Die Währung ist erst mal, dass wir ein journalistisch gutes Interview geführt haben. Dass wir das Gefühl haben: Wir haben etwas erfahren, wir haben eine Seite der Person gesehen, die wir vorher nicht kannten, wir haben in der politischen Debatte neue Aspekte sichtbar gemacht. Das ist das Wichtigste. Danach kommt natürlich der Erfolg beim Publikum: Abrufzahlen, Einschaltquote, Zitierung in anderen Medien, Beteiligung in den sozialen Medien. Dort erreichen wir mit den Frageaufrufen inzwischen zehntausende Menschen. Das ist eine Riesenarbeit im Vorfeld, aber auch sehr inspirierend für die Fragen, die wir den Politikern stellen.

Frage: Wenn am Ende ein 20-sekündiger Clip viral geht und viele Menschen das ganze Interview gar nicht sehen - ist das Erfolg oder Frust?

Antwort: Erfolg. Wir planen unsere Interviews nicht auf einen einzelnen Clip hin, sondern wollen ein gutes Gespräch führen. Aber wenn daraus anschließend Ausschnitte entstehen, die Millionen Menschen erreichen und die Relevanz des Interviews noch einmal erhöhen, dann ist das etwas Positives.

Frage: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht zunehmend unter politischem Druck. Verändert das Ihre Arbeit als Interviewer?

Antwort: Nein. Mich interessiert die Politik, die hier in Berlin gemacht wird. Ich sehe mich in einem Interview nicht als Repräsentanten der ARD gegenüber Politikern, sondern als Beauftragten der Zuschauer. Meine Aufgabe ist es, die Fragen zu stellen, die Bürger interessieren. Ich möchte die Positionen der Politiker sichtbar machen - nicht mit ihnen darüber streiten.

Frage: Kritiker fragen, warum es Sommerinterviews sowohl bei der ARD als auch beim ZDF braucht. Gerade mit Blick auf den Rundfunkbeitrag könnte man argumentieren, dass sich hier Kosten einsparen ließen.

Antwort: Die Kosten kann ich schwer kalkulieren, es müsste ja trotzdem etwas gesendet werden. Viel wichtiger ist: Wir sind zwei voneinander unabhängige Sender. Für uns sind die Sommerinterviews relevant, und wir werden sie auf jeden Fall weiter machen. Außerdem laden wir unterschiedliche Politiker ein. Bei den Parteien mit Doppelspitzen teilen wir die Gesprächspartner auf - etwa bei den Grünen Franziska Brantner und Felix Banaszak oder bei der AfD Alice Weidel und Tino Chrupalla. Nur bei der Union gibt es mit Markus Söder und Friedrich Merz die gleichen Gesprächspartner in den Sommerinterviews. Ein Kanzlerinterview Anfang Juli und eines kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt finde ich gar nicht so uninteressant.

ZUR PERSON:

Markus Preiß leitet seit Juni 2024 das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin und moderiert unter anderem den "Bericht aus Berlin", die ARD-Sommerinterviews sowie Sondersendungen wie "Farbe bekennen" und "Brennpunkt". Zuvor leitete der in Heiligenstadt (Thüringen) geborene Journalist unter anderem acht Jahre lang das ARD-Studio Brüssel und berichtete über Europa, die EU und die Nato. Preiß studierte Journalistik und Politikwissenschaft an der Universität Dortmund.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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