Wladimir Putin: Kremlchef unter Druck - Verluste übersteigen Rekrutierungen

Wladimir Putin gerät unter Druck. Jeden Monat verliert Russland 6.000 Soldaten mehr, als es nachrekrutieren kann. Der Kremlchef reagiert darauf mit einer neuen Eskaltionsstrategie.

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Die Verluste innerhalb von Putins Armee übersteigen Rekrutierungen. (Foto) Suche
Die Verluste innerhalb von Putins Armee übersteigen Rekrutierungen. Bild: picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin via AP | Mikhail Metzel
  • Russlands Verluste im Ukraine-Krieg übersteigen die Zahl der Neurekrutierungen
  • Putin unter Druck - Kremlchef ändert Strategie
  • Weitere Mobilisierungen sind für Putin politisch gefährlich

Die Bilanz von Russlands Sommeroffensive im Ukraine-Krieg fällt düster aus. Das schreckliche Blutvergießen kostet weiterhin Leben. Allein die Zahl der personellen Verluste übersteigt längst die Millionenmarke. Russlands Streitkräfte verlieren im Ukraine-Krieg deutlich mehr Personal, als sie ersetzen können. Nach Angaben westlicher Regierungsvertreter vom 28. August übersteigen die monatlichen Verluste die Zahl der Neurekrutierungen um etwa 6.000 Soldaten.

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Düstere Bilanz für Putin: Verluste im Ukraine-Krieg übersteigen Rekrutierungen

Zwar gelingt es Moskau weiterhin, in hohem Tempo neue Kämpfer anzuwerben – schätzungsweise rund 1.000 pro Tag. Doch selbst dieses Rekrutierungstempo reicht seit zwei Monaten nicht mehr aus, um die Ausfälle durch Gefallene und Verwundete auszugleichen.

"Wir schätzen, dass die Lücke zwischen der Zahl der Menschen, die Russland durch Verluste einbüßt, und der Zahl derer, die es rekrutieren kann, derzeit bei etwa 6.000 pro Monat liegt", erklärte ein westlicher Offizieller gegenüber dem "Guardian". Diese wachsende Personallücke setzt den Kreml zunehmend unter Druck und zwingt Putin zu einer veränderten Kriegsstrategie.

Putins Eskalationsstrategie – Raketen gegen die Zivilbevölkerung

Angesichts der schrumpfenden Truppenstärke setzt der Kreml auf eine brutale Eskalationsstrategie. Statt die Verluste auf dem Schlachtfeld durch zusätzliche Soldaten wettzumachen, greift Moskau verstärkt zivile Ziele in der Ukraine an. Seit Anfang Juli feuerte Russland mehr als 360 Raketen ab und nutzt dabei gezielt die Schwächen der ukrainischen Abwehr gegen ballistische Geschosse aus. Dabei gerät die Zivilbevölkerung in Gefahr. Laut einem Bericht könnte Putin durch Angriffe auf die Wasserversorgung sogar eine humanitäre Katastrophe auslösen.

Am Freitagabend kamen bei einem russischen Drohnenangriff auf ein Munitionslager westlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew mindestens 27 Menschen ums Leben. "Es gibt erhebliche Schäden an der umliegenden Infrastruktur: Wohnhäuser sowie ein Senioren- und Behindertenheim wurden beschädigt", schrieb Präsident Wolodymyr Selenskyj bei Telegram. Auch in der Südukraine - im von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiet Odessa und der von Russland annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim - kamen Menschen bei gegenseitigen Angriffen ums Leben.

Das Kalkül dahinter ist klar: "Moskau beabsichtigt offensichtlich, die ukrainische Moral zu brechen, indem es die Energieinfrastruktur des Landes in diesem Winter zerstört", so ein westlicher Regierungsvertreter.

Die massive Bombardierung ziviler Infrastruktur ist demnach eine direkte Folge von Putins begrenzten Optionen. Da eine Kompensation der enormen Schlachtfeldverluste durch verstärkte Rekrutierung kaum möglich erscheint, verlagert sich der Schwerpunkt auf die systematische Zerstörung der ukrainischen Lebensgrundlagen.

Mobilmachung? Für Putin politisch hochriskant

Eine erneute Einberufungswelle wäre nach Einschätzung westlicher Offizieller sowohl politisch als auch wirtschaftlich hochriskant. Die Erfahrungen der letzten Mobilisierung im Herbst 2022 sprechen eine deutliche Sprache: Damals verließen rund eine Million Russen das Land – viele davon hochqualifizierte Fachkräfte. Weniger als die Hälfte von ihnen kehrte zurück.

Diese massiven Verluste trafen die russische Wirtschaft empfindlich. Eine Wiederholung könnte Putin innenpolitisch erheblich unter Druck setzen. Doch selbst wenn der Kreml hunderttausende neue Soldaten einziehen würde, bliebe ein weiteres gravierendes Problem: Es fehlt sowohl an militärischer Ausrüstung als auch an Offizieren, um eine solche Masse an Rekruten aufzunehmen und auszubilden.

Selenskyj fordert mehr Abehrsysteme aus dem Westen

Die Ukraine wehrt sich unterdessen mit Angriffen auf russische Öleinrichtungen, die zu Treibstoffengpässen führen. Gleichzeitig appelliert Kiew immer wieder an seine Verbündeten, mehr Offensivraketen und Abwehrsysteme bereitzustellen.

Andy Burnham reiste diese Woche als frisch ernannter britischer Premierminister erstmals nach Kiew. Bei seinem Treffen mit Wolodymyr Selenskyj sagte er zu, der Ukraine bislang geheime Informationen über britische Bauteile für Marschflugkörper mit großer Reichweite zur Verfügung zu stellen.

Darüber hinaus drängt Burnham die internationale Gemeinschaft, die Ukraine besser gegen russische Angriffe zu schützen – insbesondere durch die Lieferung zusätzlicher US-amerikanischer Patriot-Abfangraketen. Moskau reagierte mit wiederholten Vergeltungsdrohungen, darunter mögliche Angriffe auf britische Militärziele innerhalb und außerhalb der Ukraine.

Zermürbung als Putins Strategie – Spaltung Europas als Ziel

Nach Einschätzung westlicher Regierungsvertreter verfolgt Putin in der Ukraine eine langfristige Abnutzungsstrategie. Sein Kalkül: Die Unterstützung der westlichen Verbündeten für Kiew werde mit der Zeit nachlassen – vor allem dann, wenn Regierungen durch öffentliche Verunsicherung angesichts russischer Drohungen eingeschüchtert werden.

Genau darauf zielen Moskaus wiederholte Warnungen ab. Ein Offizieller bezeichnete sie als Versuche, "ein gespaltenes und verwundbareres Europa" zu schaffen. Die aggressive Rhetorik entspreche langjähriger russischer Militärdoktrin, die darauf abziele, "Ängste bei Gegnern auszunutzen und deren Entscheidungsfindung zu beeinflussen".

Trotz aller Drohgebärden gehen westliche Analysten davon aus, dass Putin eine direkte Konfrontation mit der Nato unbedingt vermeiden will. Auch die mehrfach angedeutete Möglichkeit eines Nuklearwaffeneinsatzes diene ausschließlich dem Zweck, den Westen von weiterer Ukraine-Unterstützung abzuschrecken.

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