Buchverbote in Russland: Angst vor TikTok-Hits - Putins geheimer Krieg gegen Bücher
Literarische Vielfalt ist in Russland immer mehr zur Mangelware geworden. Putins Regime treibt Autoren und Verlage kontinuierlich zur Selbstzensur und betreibt damit heimliche Buchverbote. So kalkuliert geht der Kremlchef vor.
Von news.de Redakteurin Sabrina Böhme - Uhr
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- Buch-Zensur in Russland
- Festnahme, Label und Flucht: So erbietet Putins Regierung heimlich Bücher
- Von Manga bis Romance: Diese Bücher sind unerwünscht
Für autokratische Regime gibt es kaum etwas Gefährlicheres als Menschen, die der Propaganda nicht verfallen und selbst denken. So lässt es sich vielleicht erklären, wieso Bücher in Russland aus Buchhandlungen verschwinden und Autoren fliehen müssen. Die Buchbranche wird schleichend unterwandert. Wie sieht die Lage aus?
Weitere Meldungen über Bücher mit politischem Bezug finden Sie am Ende des Artikels.
Buchverbote in Russland sind eine Form heimlicher Unterdrückung
Politische Einflüsse spielten für die Buchbranche schon immer eine Rolle. Nehmen wir die Sowjetunion, die kritische Werke unterband. Der Staat griff gezielt ein. Im heutigen Russland ist es oberflächlich anders. Ein staatliches Buchverbot gibt es laut Verfassung nicht. Niemand von den Behörden entscheidet, ob ein Buch veröffentlicht werden darf. In Artikel 29 heißt es dazu deutlich: "Die Freiheit der Massenmedien wird garantiert. Zensur ist verboten." Dafür nimmt die Regierung immer mehr Einfluss auf die Buchindustrie. Am deutlichsten zeigt es sich am "Verlegerfall". Verleger müssen sich vor einer Zensur durch erlassene Gesetze oder vor den Strafbehörden fürchten. Diese Angst sickert längst in die Realität hinein. Das zeigt der Fall des festgenommenen CEOs von Eksmo, einem der größten Verlage Russlands, wegen des Verdachts des LGBTQIA+-"Extremismus".
Autoren als "Extremisten" gebrandmarkt - TikTok-Bestseller lässt Putin kochen
Russland agiert heimlich und hat Gesetze erlassen, die unter anderem queere Geschichten und jene, die sich gegen den Ukraine-Krieg aussprechen oder generell Regimekritik üben. So werden Autoren beispielsweise als "ausländische Extremisten" bezeichnet und verlassen zum eigenen Schutz ihr Land. Das zeigt sich am Beispiel des queeren Romance-Buches "Du und ich und der Sommer". Der TikTok-Bestseller wurde schnell zum Politikum und die beiden Autorinnen zu unerwünschten Personen. Das alles wird unter der "Organisation der Aktivitäten einer extremistischen Organisation" (Artikel 282.2 des russischen Strafgesetzbuches) gefasst.
Putin treibt Autoren und Verlage zur Selbstzensur
Der von oben ausgeübte Druck geht so weit, dass sich Buchhandlungen und Verlage eine Selbstzensur auferlegen, die neben mehrere Maßnahmen umfassen, weil die Angst, mit einer Geschichte dem Regime zu missfallen groß ist:
- Label "ausländische Agenten"
- Schwärzungen
- KI-Kontrolle, um unerwünschte Themen vorab zu erkennen
- "Grauzone": beim Vertrieb unerwünschte Bücher
- Auflistung von Autoren, die sich auf Social Media oder auf Versammlungen kritisch äußerten
Putins Märchenerzähler und die staatliche Einmischung – wie Moskaus Regime Bücher politisiert
Der Staat mischt sich immer sichtbarer ein. Das wird nicht erst an den Schulen deutlich, wo die Geschichte so verdreht wird, dass sie zur putinesken Propaganda passt. So wurde die Regierung angewiesen, "Vorschläge für die Übertragung staatlicher Funktionen und Befugnisse zur Entwicklung und Umsetzung staatlicher Politik und rechtlicher Regelungen im Bereich der Literatur und des Verlagswesens an das russische Kulturministerium zu unterbreiten", berichtet RE:Russia. Im Laufe der Zeit wird die literarische Vielfalt weiter unterdrückt. Patriotische und inländische Literatur soll verkauft werden. An allem anderen stoßen sich die Kremltreuen. Es wurden sogar bereits Initiativen eingebracht, unter anderem von Jana Lantratowa, Vorsitzende des Duma-Ausschusses für die Entwicklung der Zivilgesellschaft. Sie plädierte zum Beispiel dafür, dem Kulturministerium die Kontrolle über Bücher zu übertragen. Dort sollen Quoten für inländische Bücher und Empfehlungen für Verlage entstehen. Außerdem sprach sie sich für Strafen aus, sollten Verlage "schädliche Inhalte" verbreiten.
Verlage und Autoren müssen sich also den Regeln der russischen Behörden beugen, um weiterhin auf dem Buchmarkt zu existieren. Einer, der maßgeblich eine Rolle spielt, ist Schriftsteller und Faktenverdreher Wladimir Medinski. Er soll die schreibende Zunft auf Linie bringen, heißt: sie zu systemtreuen Geschichten, ohne intime Partnerschaften oder queere Lovestorys bringen. Der Mann, der propagandistische Geschichtslehrbücher auf den Weg brachte.
Diese Bücher verschwanden von den Regalen
In Russland werden Buchverbote immer lauter, obwohl es keine gesetzlichen Bestimmungen gibt. Das nennt sich staatliche Kontrolle im Geheimen. Das ist nicht neu. Seit 1768 wurden 503 Bücher verboten oder beanstandet. Darunter sind Klassiker, Werke von ausländischen Autoren, Journalisten oder Putin-Kritikern wie dem verstorbenen Alexej Nawalny. Dazu kommen Romane aus dem Genre Young Adult, queere Geschichten, Graphic Novels oder sogar Mangas. Eine Auswahl der eingeschränkten oder aus Regalen genommenen Büchern:
- "Call Me By your Name" (André Aciman)
- "Du und ich und der Sommer" (Elena Malisowa und Katerina Silwanowa)
- "Maus" (Art Spiegelman)
- "Das Bildnis des Dorian Gray" (Oscar Wilde)
- "Giovannis Zimmer" (James Baldwin)
- "Heartstopper" (Alice Oseman)
- "The Binding" (Bridgit Collins)
- "Sonetschka" (Ljudmila Ulitzkaja)
- "The Dirty BookClub" (Lisi Harrison)
Widerstand gegen Putins geheime Buchzensur
Was bedeutet es für Verlage und Autoren? Sie suchen Schlupflöcher. Anwälte werden beratend herangezogen, um Texte auf ihre staatliche Tauglichkeit zu überprüfen. Listen sollen die Buchhandlungen und Verleger schützen. Unabhängige Buchhandlungen, die genau das verkaufen, wovor sich der Kreml offenbar fürchtet, progressive Literatur, kämpfen ums Überleben. Viele gehen auch ins Exil. Von dort vertreiben sie unter dem Blick der Regierung ihre Bücher. Dennoch haben es diese Verleger schwer - denn Bücher sind Teil des Kampfes geworden.
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bos/loc/news.de
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