Reform-Entwurf steht: So ändert sich Ihr Netto-Gehalt in den kommenden zwei Jahren
Bereits im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD angekündigt, 2027 und 2028 den Steuertarif anpassen zu wollen und Arbeitnehmer zu entlasten. Ein erster Entwurf liegt nun vor - doch von Entlastungen kann kaum die Rede sein.
Von news.de-Redakteur Felix Schneider - Uhr
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- Ein erster Entwurf für die Steuerreform liegt nun vor
- Statt einer echten Reform gibt es eine Mogelpackung
- Es gibt leichte Entlastungen, dafür aber auch Mehrbelastungen
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Die schwarz-rote Koalition hält ihre Wähler offensichtlich nicht nur für äußerst geduldig, sondern auch noch für mathematisch besonders unbegabt. So oder so ähnlich ließe sich wohl der Entwurf für die Steuer-"Entlastung" zusammenfassen. Denn: Das Reformpapier wird als Entlastung verkauft, doch in Wahrheit fällt diese eher gering aus.
Die Steuerreform bringt nur geringe Beträge
Zunächst ein Beispiel, um zu verdeutlichen, wie klein die Reform ausfällt: Für einen ledigen Arbeitnehmer, der 3.000 Euro brutto im Monat verdient, gibt es ab 2027 gerade einmal 8,17 Euro mehr netto im Monat. Bedeutet: Davon kann sich der Arbeitnehmer in diesem Fall gerade mal einen Döner pro Monat leisten. Gleichzeitig ist der Verbraucherpreisindex seit 2020 im Jahresdurchschnittsvergleich um ca. 18,3 Prozent gestiegen.
Woraus genau setzt sich die Entlastung zusammen? Die Koalition will gleich an mehreren Stellschrauben drehen: So soll einerseits der Einkommensteuertarif geändert werden, andererseits wird auch auf höhere Freibeträge, mehr Kindergeld und ein späteres Einsetzen des Spitzensteuersatzesgesetzt, um Steuerzahler gezielt zu entlasten. Die Bundesregierung ist überzeugt von ihrem "Entlastungspaket", das seine volle Wirkung 2028 entfalten soll. Was erstmal nach viel Entlastung klingt, sind für Arbeitnehmer im Endeffekt oft nur einstellige oder niedrige zweistellige Monatsbeträge.
Warum bringen steigende Gehälter kaum etwas?
Das Kernproblem des Pakets ist die sogenannte kalte Progression. Das bedeutet, dass die Löhnedurch die Inflation steigen, Menschen also nominal mehr verdienen - und theoretisch damit auch ihre Kaufkraft steigt. Das zeigt etwa die Entwicklung des Reallohn-Indexesdes Statistischen Bundesamtes im Laufe der vergangenen Jahre.
Dadurch rutschen viele Arbeitnehmer jedoch in eine höhere Steuerbelastung. In Wirklichkeit können sie sich also gar nicht mehr leisten. Eine echte Entlastung müsste mindestens diese heimliche Mehrbelastung ausgleichen. Der aktuelle Reformentwurf sieht jedoch keinen vollständigen Ausgleich der kalten Progression vor. Die Regierung macht Arbeitnehmern damit also keine großzügigen Steuergeschenke, sondern gibt nur einen Teil dessen zurück, was die Inflation ihm zuvor an Mehreinnahmen beschert hat.
Steigerung der Kaufkraft wirkt unwahrscheinlich
Ein weiteres Problem: Der Lohnzettel kennt nicht nur die Einkommensteuer. Vom Bruttogehalt gehen auch Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Arbeitslosenversicherung ab. Dazu kommen steigende Preise im Alltag - etwa bei Miete, Lebensmitteln, Energie, Versicherungen, Fahrkarten und mehr. Wer nur die Steuerseite betrachtet, der sieht nur die halbe Wahrheit.
Die hohe Kunst der Reform liegt genau darin: Der Staat zeigt, wo er Arbeitnehmern ein paar Euro mehr lassen kann, während er deutlich weniger darüber redet, wo Bürger gleichzeitig mehr zahlen müssen. Die 8,17 Euro? Geschenkt - das Geld kann über andere Steuern mit Leichtigkeit wieder reingeholt werden. Vom Versprechen einer Steigerung der tatsächlichen Kaufkraft bleibt nach Abzug der Steuern nur wenig über.
Inflation und Rente machen einen Strich durch die Rechnung
Eine ehrlichere Rechnung müsste deshalb so aussehen: Ein Single mit 3000 Euro Monatsbrutto soll laut Berechnungen 2027 zunächst 8,17 Euro mehr netto im Monat bekommen. 2028 kommen noch einmal 5,30 Euro dazu. Macht zusammen 13,47 Euro mehr im Monat. Gleichzeitig soll der Rentenbeitrag nach Angaben der Bundesregierung 2028 von 18,6 auf 19,8 Prozent steigen. Für Arbeitnehmer bedeutet das: Ihr Anteil steigt von 9,3 auf 9,9 Prozent. Bei 3000 Euro brutto sind das 18 Euro mehr Abzug im Monat.
Und dabei ist die Inflation noch gar nicht eingerechnet. Die Bundesregierung erwartet für 2027 eine Inflation von 2,8 Prozent. Wer monatlich 2000 Euro für Miete, Lebensmittel, Energie, Versicherungen und Alltag ausgibt, braucht allein dadurch 56 Euro mehr im Monat, nur um sich dasselbe leisten zu können wie vorher. Dann lautet die Rechnung also:
| Steuerplus | 13,47 Euro |
| höherer Rentenbeitrag | -18 Euro |
| Kaufkraftverlust durch Inflation | - 56 Euro Kaufkraftverlust |
| Ergebnis | = 60,53 Euro weniger reale Monatswirkung |
Am Ende könnten mehr als 60 Euro im Monat fehlen
Heißt: Auf dem Papier steigt das Netto. Im Alltag kann die Kaufkraft trotzdem sinken. Dass Angestellte also am Monatsende wirklich mehr übrig haben, ist erstmal eher unwahrscheinlich. Für einige Modellfälle (keine exakte Lohnabrechnung) könnte das Monatsminus dann in etwa so aussehen:
| Beispielhaushalt | Steuerplus 2028 gesamt pro Monat | Höherer Rentenbeitrag ab 2028 | angenommener Kaufkraftverlust durch 2,8 % Inflation | Reale Monatswirkung |
| Single, 3000 Euro brutto | +13,47 Euro | -18,00 Euro | -56,00 Euro bei 2000 Euro Monatsausgaben | -60,53 Euro |
| Alleinerziehend, 3500 Euro brutto | +26,55 Euro | -21,00 Euro | -70,00 Euro bei 2500 Euro Monatsausgaben | -64,45 Euro |
| Familie, 5000 Euro brutto | +47,77 Euro | -30,00 Euro | -112,00 Euro bei 4000 Euro Monatsausgaben | -94,23 Euro |
| Doppelverdiener, 6000 Euro brutto | +26,93 Euro | -36,00 Euro | -112,00 Euro bei 4000 Euro Monatsausgaben | -121,07 Euro |
Reform entpuppt sich als Mogelpackung
Sicher: Die Maßnahmen kosten den Staat Milliarden. Familien profitieren dabei sogar aufgrund des erhöhten Kindergeldes, und kleine und mittlere Einkommen werden gezielt entlastet. Zudem erfolgt die Entlastung in zwei Stufen, wodurch letztlich immer noch nachgebessert werden kann. Aber: Eine Maßnahme kann Milliarden kosten und immer noch für den Einzelnen kaum spürbar sein. Es zählt nicht nur das Volumen, sondern auch die reale Wirkung - und wer Kaufkraft verspricht, muss auch Kaufkraft messen.
Die Reform mag einzelne Zahlen auf dem Papier auszubessern, bleibt jedoch oberflächlich. Zwar werden Steuern gesenkt, doch Inflation, kalte Progression und steigende Sozialbeiträge bleiben unbeachtet. Von echter Kaufkraftpolitik bleibt damit wenig übrig. Die Regierung scheint sich damit zufriedenzugeben, die bequemste Zahl der Lohnabrechnung zu zeigen. Doch entscheidend ist nicht das, was im Gesetzesentwurf steht, sondern was nach wirklich allen Abzügen übrig bleibt. Daran sollte sich die Steuerreform messen.
Und nach allem, was bisher auf dem Tisch liegt, fällt das Urteil ernüchternd aus: Diese Reform ist keine echte Entlastungsoffensive, sondern lediglich eine kosmetische Maßnahme, die als Kaufkraftpolitik verkauft wird.
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