Berlin News: Geteilte Geschichte: Wie der Mauerbau bis heute nachwirkt

Am 13. August 1961 begann die DDR, die Ost-West-Grenze in Berlin mit einer Mauer abzuriegeln. Das Monstrum ist heute nahezu verschwunden. Aber das stimmt wohl nur äußerlich.

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Die Berliner Skyline an der Spree. Aktuelle News aus und über Berlin hier auf news.de. Bild: Adobe Stock / Rico Oder

Als sich Mario Röllig mit 17 Jahren in einen Mann aus Westberlin verliebte, stand zwischen ihnen die Berliner Mauer. Sein Freund konnte ihn zwar in der DDR besuchen. Aber das Ministerium für Staatssicherheit hatte ein Auge auf die beiden. Röllig sollte den Mann bespitzeln, um ihn erpressbar zu machen. Als der Druck zu groß wurde, wagte der junge Ostberliner einen Fluchtversuch über Bulgarien. Er wurde gefasst und kam in Stasi-Haft. Es war das Jahr 1987.

Röllig erzählt seine Geschichte bei einem Besuch von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) in der Gedenkstätte Hohenschönhausen kurz vor dem 65. Jahrestag des Mauerbaus vom 13. August 1961. Die Berliner Mauer selbst ist ja fast spurlos verschwunden, seit die friedliche Revolution in der DDR sie 1989 zu Fall brachte. Nur noch Bruchstücke sind in der Stadtmitte zu finden, dazu die bunt bemalte East Side Gallery in Friedrichshain.

Hier aber, im Schatten der Wachtürme dieses graubraunen Gefängniskastens, wirkt der untergegangene SED-Staat noch sehr greifbar. "Die Mauer war für die Bürgerinnen und Bürger der DDR ein Gefängnis aus Beton", sagt Klöckner.

"Niemand hat die Absicht ..."

Tatsächlich begann die DDR-Führung unter Walter Ulbricht den Bau der Mauer, um einen Exodus zu stoppen. Zwischen der Staatsgründung 1949 und August 1961 hatten nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer bis zu vier Millionen Menschen die DDR verlassen. Die Grenze zur Bundesrepublik wurde schon 1952 abgeriegelt. Doch die Übergänge zwischen den vier Sektoren des geteilten Berlin blieben als Schlupfloch. Allein vom 1. bis 13. August 1961 verließen 47.000 Ostdeutsche auf diese Weise ihr Land, um im Westen Freiheit oder Wohlstand zu suchen. Sie rissen Lücken in der DDR.

Dass das nicht lange so weitergehen konnte, war wohl zu ahnen in jenem Sommer. Im Juni 1961 fragte eine Journalistin der "Frankfurter Rundschau" SED-Chef Ulbricht, ob eine "Staatsgrenze" am Brandenburger Tor geplant sei. Der wiegelte ab: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Zwei Monate später war es dann doch so weit.

155 Kilometer

Am frühen Morgen des 13. August begannen Soldaten und Bautrupps auf Befehl der SED-Spitze, die Grenze des sowjetischen Sektors mit Asphaltstücken, Pflastersteinen und Betonpfeilern zu blockieren. Es war der Anfang der letztlich 155 Kilometer langen Mauer.

"Ostberlin abgeriegelt", titelte ein Extrablatt der Westberliner "Morgenpost". Und Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister im Westteil, wählte einen drastischen Vergleich für die Grenzanlagen: "Sie bedeuten, dass mitten durch Berlin nicht nur eine Art Staatsgrenze, sondern die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird."

Die DDR-Einheitspartei SED sprach lieber von einem "antifaschistischen Schutzwall". Der mutmaßliche Erfinder des Begriffs, ZK-Mitglied Horst Sindermann, gestand aber 1990 ein, dass es darum ging, die Menschen in der DDR zu halten: "Wir wollten nicht ausbluten, wir wollten die antifaschistisch-demokratische Ordnung, die es in der DDR gab, erhalten."

Die Teilung wirkt fort

Was bedeutet diese Zäsur mehr als sechs Jahrzehnte später, fast 36 Jahre nach dem Ende der DDR? Die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser, geboren 1987 in Gera, ruft in Erinnerung, was für viele heute fast unvorstellbar ist: das Leben zu riskieren, um das eigene Land zu verlassen. "Was das wirklich bedeutet hat, das finde ich schon sehr beeindruckend", sagt die SPD-Politikerin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Stacheldraht, Wachtürme, Hundestaffeln, Schüsse: Allein für Berlin listet die Stiftung Berliner Mauer 140 Todesfälle im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime auf. Alle Fluchtversuche aus der DDR zusammen sollen 915 Menschen das Leben gekostet haben.

Der andere Aspekt, den Kaiser herausstreicht: Die Teilung wirkt bis heute fort, weil sich beide Teile Deutschlands jahrzehntelang unterschiedlich entwickelten. Einkommen, Tarifbindung, Renten, all das sei bis heute in Ostdeutschland niedriger, die Arbeitslosigkeit höher. Die Zivilgesellschaft mit starker finanzieller Basis fehle ebenso wie die großen Strukturen der Wohlfahrtsverbände, Kirchen oder Unternehmen. "Das sind eben alles Auswirkungen dieser Teilung, die durch die Mauer manifestiert wurde", sagt die Ostbeauftragte.

Ost und West, geteilte Erinnerung

Auch der Rückblick auf die DDR fällt bisweilen unterschiedlich aus: Im Osten scheint er vielschichtiger, weniger kategorisch. Das zeigt etwa eine Forsa-Umfrage unter rund 1.643 Berlinerinnen und Berlinern von 2025. Von den Befragten, die bis 1990 im Westen wohnten, nannten 52 Prozent die DDR diktatorisch. Bei jenen aus dem Osten waren es nur 38 Prozent. 29 Prozent der befragten Ostberliner sahen die DDR auch als "menschenorientiert" oder "fürsorglich"; unter den Westberlinern waren es gerade mal 4 Prozent.

Zuletzt machte sich der Kabarettist Uwe Steimle einen Spaß, als er auf einer AfD-Veranstaltung die DDR-Hymne anstimmte. Aus Chatgruppen der Linksjugend Solid wurden Elogen auf den ehemaligen DDR-Staatschef Erich Honecker bekannt. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht verweist in Wahlkampfreden gern darauf, dass sie sich in der Gegenwart an die Endzeit der DDR erinnert fühle. Alles da im politischen Diskurs des Jahres 2026.

"Verklärung ist gefährlich"

Die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke regt das auf. "Mit jedem Tag, den die DDR länger zurückliegt, wird sie vermeintlich schöner", sagt die frühere DDR-Bürgerrechtlerin der dpa. "Nostalgie im Privaten kann verständlich sein. Politische Verklärung einer Diktatur ist gefährlich." Die Direktorin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky, sieht das ähnlich. Für sie ist der 13. August eine Erinnerung an die "verheerenden Folgen dieser Diktatur für die Wirtschaft, Gesellschaft und politische Kultur, mit denen das vereinte Deutschland bis heute zu kämpfen hat".

Mario Röllig, der wegen seines Fluchtversuchs 1987 vier Monate im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Einzelhaft saß, trägt diese Erinnerung jeden Tag bei sich. Nachts kontrollierten dort damals die Wachleute durch den Schlitz der Zelle, ob die Häftlinge vorschriftsgemäß auf dem Rücken schliefen. Drehen war strengstens verboten. Bis heute wache er manchmal erschrocken auf, wenn er auf der Seite liege, zu Hause, in seinem eigenen Bett, erzählt der 58-Jährige.

"Wenn man dann heute hört, wir haben schon die DDR 2.0, das ist eine Verhöhnung der ehemals Verfolgten, muss man einfach sagen", sagt Röllig. Diese Relativierung des Unrechts mache ihm Angst.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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