Verbrannte Erde, vergiftetes Wasser: Putins Umwelt-Verbrechen - die desaströsen Folgen des Ukraine-Kriegs
Russlands Krieg zerstört nicht nur Städte, sondern auch Böden, Wälder, Wasser und Klima. Viele Schäden bleiben unsichtbar - und könnten die Ukraine noch Jahrzehnte nach Kriegsende massiv ökologisch prägen. Das Ausmaß der Zerstörung verlässlich zu dokumentieren und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, ist jedoch alles andere als einfach.
Von news.de-Redakteur Felix Schneider - Uhr
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- Der Ukraine-Krieg zerstört nicht nur Städte, sondern auch die Natur
- Gleichzeitig ist die Sicherheit der Menschen eng mit der Umwelt verbunden
- Lesen Sie, wie groß die Schäden sind und warum die Ukraine sie akribisch dokumentiert
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Es ist der 6. Juni 2023: Ein angenehm warmer Frühsommertag bricht über der ukrainischen Region Cherson an. Nach der Schneeschmelze und den heftigen Regenfällen der Vormonate steht das Wasser im Kachowka-Stausee auf einem historischen Höchststand. Doch die Ruhe des Morgens täuscht. Um kurz vor drei Uhr nachts erschüttern schwere Explosionen die Anlage. Die Betonmassen des Damms geben nach.
Millionen Kubikmeter Wasser schießen ungebremst ins Tal - aus der unverzichtbaren Lebensader der Region wird binnen Minuten eine tödliche Waffe. Die Flutwelle reißt nicht nur Häuser und Brücken mit sich, sondern schwemmt auch Motoröl, Industriechemikalien und Minen aus den Böden. Es ist der Beginn einer Umweltkatastrophe, deren Ausmaß die Region auf Jahrzehnte prägen wird.
Bis heute ist nicht vollständig geklärt, wie es zum Bruch des Damms kommen konnte. Die Indizien für eine Sprengung durch russische Streitkräfte sind jedoch erdrückend. Was sicher ist: Der Bruch des Staudamms ist vielleicht das sichtbarste Beispiel ökologischer Zerstörung im Zuge des Ukraine-Kriegs - jedoch bei weitem nicht das einzige.
Der russische Angriffskrieg hinterlässt eine ökologische Schuld, die sich nicht nur in zerstörten Landschaften zeigt, sondern auch in Daten, Gutachten und möglichen Reparationsforderungen. Die zentrale Frage ist deshalb nicht nur, wie groß die ökologischen Schäden sind. Sondern auch: Wie lassen sie sich in einem laufenden Krieg überhaupt dokumentieren - und eines Tages politisch oder juristisch geltend machen?
Die unsichtbaren Langzeitfolgen des Krieges
Die Auswirkungen von Kriegen auf Umwelt und Klima werden im Allgemeinen unterschätzt, erklärt Anna Ackermann, Vorstandsmitglied des ukrainischen Zentrums für Umweltinitiativen Ecoaction, gegenüber News.de. "Angesichts der enormen Zerstörungen, der vielen Todesopfer und der Vertreibungen konzentrieren sich die Menschen verständlicherweise zunächst darauf, in ihre Heimat zurückzukehren und das wiederaufzubauen, was sie verloren haben: Häuser, Straßen, Schulen und Krankenhäuser."
Doch Katastrophen wie der Dammbruch von Kachowka zeigen, dass die ökologischen Folgen für die Bevölkerung und die Natur meist dauerhaft sind - und wie eng Umwelt und menschliche Sicherheit miteinander verflochten sind. Für die Vertriebenen sei es "schlichtweg gefährlich, nach Hause zurückzukehren, wenn grundlegende Voraussetzungen nicht gegeben sind", so Ackermann. Dazu zählt nicht nur der Zugang zu Unterkünften, sondern auch sauberes Trinkwasser und kontaminationsfreies Land.
Wie beweist man einen Krieg gegen die Umwelt?
Um später möglicherweise Ansprüche auf Reparationen geltend zu machen, bedarf es einer starken Beweislage. Das Ausmaß dieser Zerstörung verlässlich zu erfassen, ist jedoch leichter gesagt als getan. Viele betroffene Gebiete liegen nahe der Front, sind vermint, besetzt oder für unabhängige Gutachter kaum erreichbar. Umweltorganisationen und Behörden müssen deshalb mit Satellitenbildern, offenen Quellen, Fotos, Behördenmeldungen, Zeugenaussagen und punktuellen Messungen arbeiten.
Was heute dokumentiert ist, zeigt also nicht zwangsläufig das ganze Ausmaß der Schäden - sondern oft nur jenen Teil, der überhaupt sichtbar und überprüfbar ist. Besonders schwer zu erfassen sei die Lage "in den von Russland besetzten Gebieten und in unmittelbarer Nähe der Frontlinie", erklärt Ackermann.
Hinzu kommt ein Problem, über das deutlich seltener gesprochen wird: Die Ukraine verliert durch den Krieg auch Fachleute, die solche Schäden dokumentieren könnten. Viele Umweltexpertinnen und -experten seien in die Armee eingetreten, andere hätten das Land verlassen müssen, seien getötet oder in besetzten Gebieten illegal inhaftiert worden. Der Umweltsektor hänge stark von engagierten Menschen ab, die Zeit, Wissen und Ressourcen einbringen. Damit schwächt der Krieg nicht nur Ökosysteme, sondern auch jene Strukturen, die nötig wären, um ihre Zerstörung zu dokumentieren und später zu beheben.
Die Klimabilanz des Ukraine-Krieges
Umweltschäden entstehen nicht nur an der Front - neben den katastrophalen direkten Folgen für Mensch und Natur verursacht der Krieg auch massive CO2-Emissionen. Nach Berechnungen der Initiative on GHG Accounting of War verursachte Russlands Krieg gegen die Ukraine in den ersten vier Jahren rund 311,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Der größte Anteil entfällt dabei auf die direkte Kriegsführung: Treibstoff für Panzer, Flugzeuge, militärische Logistik, Munition, zerstörtes Gerät und Befestigungen machen 37 Prozent der berechneten Kriegsemissionen aus.
Fast genauso stark schlagen zwei Folgen zu Buche, die über die unmittelbaren Kampfhandlungen hinausweisen: Landschaftsbrände und Wiederaufbau verursachen jeweils 23 Prozent der Emissionen. Der Krieg heizt das Klima also nicht nur durch Waffen und Fahrzeuge an, sondern auch durch brennende Ökosysteme und durch das spätere Wiedererrichten zerstörter Infrastruktur.
Kollateralschaden oder gezielte Zerstörung?
Schwierig abzuschätzen bleibt, ob Umweltzerstörung nur eine Folge militärischer Kampfhandlungen ist - oder ob sie bewusst in Kauf genommen oder sogar gezielt verursacht wurde. Ackermann warnt vor vorschnellen juristischen Schlüssen. Der Nachweis von Vorsatz sei "eine der größten Herausforderungen bei der Einstufung von Umweltschäden als Straftat". Gerade Kachowka steche jedoch heraus: Selbst wenn die Zerstörung des Damms militärisch motiviert gewesen sein sollte, seien die ökologischen und humanitären Folgen absehbar gewesen und weit über ein unmittelbares militärisches Ziel hinausgegangen.
In der Ukraine ist "Ökozid" bereits ein Straftatbestand. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof ist der Begriff allerdings noch nicht als eigenständiges Kernverbrechen im Rom-Statut verankert. Bereits seit Jahren gibt es laut der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen internationale Bestrebungen, schwerste Umweltverbrechen als eigenen Straftatbestand aufzunehmen. Bereits vierzehn Länder haben Ökozid in ihrem nationalen Strafrecht verankert.
Narben, die bleiben werden
Doch der Weg zu einer internationalen Ahndung derartiger Verbrechen bleibt kompliziert. Ungeklärt ist bislang nicht nur die genaue Definition von Ökozid, sondern auch die Zuständigkeit der Gerichte, die Beweisführung und die Frage, wer strafrechtlich verantwortlich gemacht werden kann. Genau daran zeigt sich die juristische Schwierigkeit im Fall Ukraine: Die ökologische Zerstörung ist sichtbar - sie vor Gericht belastbar nachzuweisen, bleibt ungleich schwerer.
Für die Ukraine bedeutet das: Nur, was heute dokumentiert wird, kann später saniert, entschädigt oder juristisch verfolgt werden. Doch gleichzeitig hinterlässt der Krieg Spuren im Boden, im Wasser, in den Wäldern und in der Atmosphäre - Spuren, die noch bleiben werden, wenn die Gefechte längst vorbei sind.
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