Vatikan: Der "gute Amerikaner" - Leo XIV. ein Jahr im Amt
Der erste Papst aus den USA widerspricht dem US-Präsidenten wie kaum jemand sonst - und bekommt dafür viel Lob. Mit anderen Dingen ist man vor allem in Deutschland nicht so zufrieden.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Keine drei Stunden nach seiner Wahl stand Robert Francis Prevost sichtlich nervös auf der Mittelloggia des Petersdoms, ließ sich seine Notizen reichen, schluckte noch einmal und breitete dann seine Arme aus. Dann las Leo XIV., wie er nun hieß, in italienischer Sprache vom Blatt seinen ersten Satz als Papst ab: "La pace sia con tutti voi" ("Friede sei mit Euch allen"). Von den Zehntausenden, die nach dem weißen Rauch aus der Sixtinischen Kapelle an jenem Maiabend zum Petersplatz geströmt waren, brandete Jubel auf.
Der Friedensgruß aus der Bibel ist für regelmäßige Kirchgänger nichts Besonderes. Für den Rest der Welt vielleicht aber schon - zumal in diesen Zeiten, die so kriegerisch sind wie lange nicht mehr. Deshalb machte das neue Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken sogleich klar, dass Frieden in seiner Amtszeit eines der zentralen Themen sein werde. An diesem Freitag (8. Mai) jährt sich Leos Wahl zum ersten Mal.
Leo macht vieles anders als Franziskus
Friedlicher ist die Welt seither nicht geworden, allen Appellen des Vatikans zum Trotz. In Kriegsgebieten wie der Ukraine und dem Iran spielt die Diplomatie des Kirchenstaats keine Rolle. Zumindest aber ist es Leo gelungen, nach aufgeregten Jahren mit seinem Vorgänger Franziskus Ruhe in die Kirche zu bringen. Die Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Reformern sind in den Hintergrund getreten. Kardinal Reinhard Marx, der ihn mitgewählt hat, sagt: "Er ist eine andere Person. Ein Brückenbauer. Einer, der Gräben zuschüttet."
Groß bewegt in theologischen Dingen hat der neue Mann in Weiß noch nichts. Auf das erste große Lehrschreiben - vermutlich über Künstliche Intelligenz (KI) und deren Auswirkungen - wird noch gewartet. Auch mit Personalentscheidungen hält er sich zurück. Also wird bei Leo vor allem auf Äußerlichkeiten geachtet: dass er sich traditioneller kleidet, anders als Franziskus wieder im Apostolischen Palast wohnt, regelmäßig die Sommerresidenz in Castel Gandolfo vor den Toren Roms nutzt.
Viele nennen ihn "Anti-Trump"
Mit zwölf Monaten Abstand hat auch an Bedeutung gewonnen, was in Leos Antrittsrede anfangs nur als Fußnote registriert wurde: dass der erste Papst aus den USA damals zwar Italienisch und Spanisch sprach (aus seiner Zeit als Missionar und Bischof in Peru hat Leo auch die dortige Staatsbürgerschaft), aber kein einziges Wort Englisch. Damit machte er deutlich, so liest man das heute, dass er sich aus seiner Heimat nicht vereinnahmen lassen will.
Im Gegenteil: Der amerikanische Pontifex widersprach US-Präsident Donald Trump seither so deutlich wie kaum ein anderer Staats- oder Regierungschef. Wegen "Allmachtsfantasien". Wegen der Drohung, im Iran eine "ganze Zivilisation sterben" zu lassen. Wegen der Behandlung von Migranten. Demonstrativ setzte er eben erst in den USA einen Bischof ein, der als Flüchtling ohne Papiere in Land gekommen war. Der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli meint: "Er ist der gute Amerikaner, wie man ihn aus Filmen kennt."
Zeit spielt für den Papst
Häufiger noch wird Leo als "Anti-Trump" betitelt, zumal der Republikaner auch noch in einer Schimpftirade über den Papst herzog und ein Kitschgemälde von sich selbst als Jesus ins Internet stellte. Leo erklärte, dass er kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit Trump habe, aber auch keine Angst vor der US-Regierung. Zurück nahm der Stellvertreter Christi auf Erden - so die Lehre - nichts. Im Vatikan legen sie Wert darauf, dass man dort in größeren Zusammenhängen denkt als aktuell im Weißen Haus.
Als Staatsoberhaupt des kleinsten Staats der Welt mit nicht einmal 1.000 Einwohnern und keinerlei Industrie tut sich Leo naturgemäß leichter, Trump zu widersprechen als gewöhnliche Staats- und Regierungschefs. Dessen übliche Drohungen mit Zöllen oder Militär laufen bei ihm ins Leere. Zudem hat Leo die Zeit auf seiner Seite: Mit seinen 70 Jahren ist er fast ein Jahrzehnt jünger als der Präsident. Wenn die Dinge normal laufen, wird er noch Papst sein, wenn Trump längst Geschichte ist.
Reformer in Deutschland mit erstem Jahr nicht zufrieden
Für seine klaren Worte gegen den US-Präsidenten bekam Leo international viel Lob. Andererseits sind gerade in Deutschland viele enttäuscht darüber, dass er bei innerkirchlichen Themen wie der Ernennung von Frauen zur Diakonin - ein Amt, das in der römisch-katholischen Kirche wie das Priestertum bislang ausschließlich Männern vorbehalten ist - sowie der Segnung von homosexuellen Partnerschaften auf die Bremse tritt. Mit Segnungsfeiern für schwule Paare, wie sie in Deutschland mehrere Bistümer praktizieren, erklärte er sich auf dem Heimflug von einer langen Afrika-Reise "nicht einverstanden".
Den ersten Jahrestag seiner Wahl wird Leo übrigens nicht in Rom verbringen, sondern in Neapel und Pompeji. In der Ruinenstadt, die im Jahr 79 nach Christus bei einem Ausbruch des Vesuvs verschüttet wurde, besucht er die päpstliche Wallfahrtsbasilika zu Ehren der Gottesmutter Maria. An einem 8. Mai vor anderthalb Jahrhunderten wurde dort einst der Grundstein gelegt. Daran hatte Leo schon am Tag seiner Wahl auf der Mittelloggia des Petersdoms erinnert. Aber darauf hatte niemand geachtet.
Im Lauf des Jahres will Leo noch nach Südamerika, auch nach Peru. In die USA, so hat er es wissen lassen, will er nicht. Zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli fährt er auf die Mittelmeer-Insel Lampedusa. Zu den Flüchtlingen.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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