Donald Trump: Was, wenn doch? Trump und die Verschwörungserzählungen

Waren die Schüsse in Washington inszeniert? Die Frage kann noch so oft mit einem klaren "Nein!" beantwortet werden – viele Menschen fasziniert allein der Gedanke an eine Verschwörung. Warum?

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Donald Trump bei einer Rede. (Foto) Suche
Donald Trump bei einer Rede. Bild: picture alliance/dpa/AP | Alex Brandon

Ein Maskierter sitzt in einem dunklen Raum vor der Kamera und nennt immer wieder den einen Namen: Cole Allen. Mit ruhiger Stimme zählt er scheinbare Fakten auf, Zusammenhänge. Eine Schlussfolgerung zieht er nicht – die soll sich aus dem kurzen Instagram-Video von selbst ergeben. Hinter den Schüssen beim Korrespondentendinner in Washington soll demnach viel mehr stecken, etwas, das verschwiegen wird. Und schon ist die Welt um US-Präsident Donald Trump um eine Verschwörungserzählung reicher.

Ähnliche Videos mit teils abweichenden Erzählungen sind in den vergangenen Tagen vielfach in den sozialen Medien aufgetaucht. Mal zeigen sich die Erzähler – oft Männer –, mal ist eine KI-Stimme zu hören. Als scheinbares Indiz wird ein mehr als drei Jahre alter Beitrag auf X genannt, der nur den Namen des Schützen, Cole Allen, enthält. Wer daran glauben möchte, bekommt es einfach gemacht: Da steckt doch mehr hinter den Schüssen!

Verschwörungserzählungen "appellieren an unsere urmenschliche Intuition, hinter den Dingen Muster, Intention und Plan zu unterstellen", sagte der Psychologe Roland Imhoff von Johannes Gutenberg-Universität Mainz der Deutschen Presse-Agentur. "Diese "hyperactive agency detection" hilft uns, unsere soziale Umwelt besser zu verstehen, aber auch die Welt als kontrollierbar wahrzunehmen."

Die Erzählung des inszenierten Angriffs

Der Universitätsprofessor zieht einen Vergleich zu klassischen Erzählstrukturen von der antiken Tragödie bis zum Hollywood-Blockbuster: "Es gibt Schurken, die sinistre Pläne verfolgen (und schuld sind am beklagenswerten Zustand der Welt), denen aber Heldinnen und Helden das Handwerk legen können." Die britische Psychologin Karen Douglas von der University of Kent sagt, dass im Grunde "jeder unter den richtigen Umständen anfällig für Verschwörungstheorien sein kann".

Das Narrativ der aktuell wohl am häufigsten auftauchenden Erzählung ist schnell erklärt: Der Angriff des Einzeltäters, der versuchte, bewaffnet in den Ballsaal zu stürmen, soll inszeniert gewesen sein. Stellenweise wird eine Verbindung zu Israel gezogen. Trumps Gegner unter den Verschwörungserzählern glauben, der US-Präsident wolle damit von seiner verfehlten (Kriegs-)Politik ablenken und seine Beliebtheitswerte steigern. Ende des Jahres wird in den USA bei den sogenannten Midterms gewählt – für Trump steht viel auf dem Spiel.

Das US-Unternehmen Newsguard, das auf Falschinformationen und Vertrauensbewertungen für Nachrichtenquellen im Internet spezialisiert ist, zählte unmittelbar nach dem Zwischenfall 80 Millionen Aufrufe von Beiträgen allein auf X, die dieses Narrativ des "staged shooting" verbreiten. Die Geschwindigkeit überraschte selbst Trump. "Normalerweise dauert es etwas länger. Normalerweise warten sie etwa zwei oder drei Monate, bevor sie so etwas sagen", sagte er dem Sender CBS.

Die Gefahr der Verbreitung in den sozialen Medien

Imhoff beschreibt die schnelle Verbreitung als Gefahr. "Wenn Verschwörungserzählungen zu einem Ereignis vor die eigentliche Meldung kommen, also das Erste sind, was ich zu einem Ereignis lese, dann kommen sie in die privilegierte Position des zuerst Gehörten", sagte der Psychologe. "Das hat häufig einen Vorteil bei der Erinnerung, aber auch der folgenden Verarbeitung von Informationen, die vor dem Hintergrund des bereits Gehörten aufgenommen und gewichtet werden."

Bei der Deutung der um den Schützen aufgebauten Mysterien spielen auch Trumps Unterstützer mit. Sie können nun mit dem Finger auf die Gegner zeigen und behaupten, mit Verschwörungserzählungen werde bewusst versucht, dem US-Präsidenten zu schaden. Die eine Verschwörung dient der anderen, es entsteht ein endloses Spiegeln der Vorwürfe. Für Trump ist das kein Neuland – kaum eine Verschwörungserzählung steht für sich alleine.

Verschwörungserzählungen lassen sich "nur schwer eindämmen"

Auch zum Attentat auf den damaligen Präsidentschaftskandidaten im Juli 2024, nach dem sich Trump mit blutendem Ohr zum großen Anführer stilisierte, gibt es schier unzählige Beiträge. Mittlerweile wird hier auch eine Verbindung zum Washingtoner Schützen gezogen.

Verschwörungen verbreitet werden auch zum tödlichen Anschlag auf Trumps Unterstützer Charlie Kirk im September 2025. Und es müssen nicht immer Schüsse sein. Auch an der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro arbeiten sich die Macher der Verschwörungsideen ab – und am Skandal um Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der täglich neue Vermutungen provoziert.

"In sozialen Medien ist es leicht, Verschwörungstheorien zu finden und zu verbreiten. Menschen, die sich dafür interessieren, stoßen fast sofort darauf", sagte Psychologin Douglas. "Sind Verschwörungstheorien erst einmal im Umlauf, lassen sie sich nur schwer eindämmen – besonders dann, wenn einige Fakten noch unbekannt sind."

Begünstigt werden die Erzählungen von der teils skurrilen Personenkonstellation um den US-Präsidenten und durch dessen eigene Art. Trump verbreitet selbst wilde Erzählungen, unter anderem zum Klimawandel und den Vorgängerregierungen unter Barack Obama und Joe Biden.

Der US-Präsident mobilisiere seine Anhänger "vor allem durch Polarisierung und Dämonisierung seiner Gegner", sagte Imhoff. Die Experten warnen vor der Gefahr der unabsehbaren Folgen. Verschwörungserzählungen "können Menschen von der etablierten Politik und Wissenschaft abwenden und hin zu extremeren politischen Ansichten und wissenschaftsfeindlichen Einstellungen führen", sagte Douglas. "Für manche mögen sie unterhaltsam und harmlos erscheinen, doch in vielen Fällen sind sie potenziell deutlich gefährlicher."

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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