Sergej Lawrow: Kreml im Krisenmodus - Putin-Minister beim Lügen erwischt

In einem Interview im französischen Fernsehen versucht Sergej Lawrow, den Kreml im Iran-Streit zu verteidigen. Doch in dem Gespräch bleibt der russische Außenminister nicht bei der Wahrheit. Ein ukrainischer Experte zerlegt Lawrows Lügen.

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Sergej Lawrow wurde bei einem Interview nun offenbar beim Lügen erwischt. (Foto) Suche
Sergej Lawrow wurde bei einem Interview nun offenbar beim Lügen erwischt. Bild: picture alliance/dpa/Pool AFP via AP | Tatyana Makeyeva
  • Lawrow bestreitet Russland habe dem Iran Aufklärungsdaten geliefert, räumt aber militärische Unterstützung ein
  • Ukrainischer Ex-Berater spricht von gezielter Kreml-"Informationsoperation"
  • Lawrow wiederholt bekannte Kreml-Narrative zu Ukraine, Bucha und Sprache

Wenn der Druck auf den Kreml wächst, greift Moskau oft zu seinem ältesten Mittel: abwiegeln, umdeuten, angreifen. Genau dieses Muster zeigte jetzt auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow in einem brisanten Fernsehinterview. Darin wies Putins Chefdiplomat Vorwürfe zurück, Russland habe dem Iran mit Geheimdienst- oder Aufklärungsdaten geholfen. Doch statt die Kritik auszuräumen, lieferte Lawrow vor allem neue Munition für den Vorwurf, Moskau betreibe einmal mehr globale Propaganda im Krisenmodus.

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Rückschlag für Putins Glaubwürdigkeit: Sergej Lawrow verteidigt Iran-Kurs in Interview

In dem Interview mit France Télévisions vom 26. März bestritt Lawrow, dass Russland dem Iran bei Angriffen mit Aufklärungsdaten geholfen habe. "Wir haben dem Iran bestimmte Arten militärischer Güter geliefert, aber dem Vorwurf, dass wir dem Iran mit Aufklärungsdaten helfen, können wir nicht zustimmen", erklärte der russische Außenminister. Damit räumte Lawrow zwar militärische Unterstützung ein, zog aber eine Linie bei der besonders heiklen Frage nach direkter operativer Hilfe.

Besonders brisant wurde das Interview, als Lawrow über amerikanische Militärbasen in der Region sprach. Diese seien allgemein bekannt und frei zugänglich, sagte der Minister – und fügte dann einen Satz an, der international für neue Kritik sorgen dürfte: "Ich wundere mich nicht darüber, dass der Iran sie attackiert." Mit dieser Aussage wirkt es, als wolle Moskau die iranischen Angriffe zumindest politisch einordnen oder indirekt nachvollziehbar machen. Gleichzeitig bekräftigte Lawrow die strategische Partnerschaft zwischen Russland und dem Iran.

Doch der Kreml-Chefdiplomat ging noch weiter. Den USA und Israel warf er einen völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran vor. Die iranischen Gegenschläge auf arabische Staaten seien aus seiner Sicht eine direkte Folge dieser Aggression. Parallelen zwischen dem Vorgehen des Iran und Russlands Krieg gegen die Ukraine wollte Lawrow allerdings nicht gelten lassen. Genau das sorgt nun erneut für scharfen Widerspruch aus Kiew.

Lügt Lawrow im Interview? Ex-Berater aus Kiew spricht von Kreml-"Informationsoperation"

Anton Gerashchenko, früherer Berater des ukrainischen Innenministers, reagierte mit schweren Vorwürfen auf das Interview. Auf X schrieb er, das Gespräch sei Teil einer gezielten "Informationsoperation", mit der eine alternative Realität erzeugt werden solle. Seiner Einschätzung nach folgten fast alle öffentlichen Auftritte Lawrows demselben Muster: Russland relativiere eigene Aggressionen, stelle sich selbst als Opfer oder Verteidiger dar – und versuche gleichzeitig, den Westen moralisch anzuklagen. Besonders empört zeigte sich Gerashchenko über Lawrows Versuch, Russland als eine Art Verteidiger des Völkerrechts zu inszenieren. Aus ukrainischer Sicht ist genau das der Kern des Problems: Moskau präsentiert sich als Ordnungsmacht, obwohl Russland selbst seit Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt.

Gerashchenko bezeichnete Lawrows Zurückweisung der Geheimdienstvorwürfe deshalb nicht als klare Widerlegung, sondern als ausweichende Antwort. Auch bei Lawrows Aussagen zu amerikanischen Interessen sah der Ex-Berater ein bekanntes Muster. Dessen Behauptungen über Energie, Machtpolitik und westliche Einflussnahme seien nichts anderes als Projektion. Der Vorwurf: Russland habe selbst über Jahre hinweg Energie als politisches Druckmittel eingesetzt und nach 2022 seine Öleinnahmen zur Finanzierung des Krieges genutzt. Gerashchenkos harte Diagnose: "Der Kreml beschuldigt andere systematisch dessen, was er selbst praktiziere."

Lawrow wiederholt Kreml-Narrative über die Ukraine

Noch deutlicher wurde die ideologische Stoßrichtung des Interviews bei Lawrows Aussagen zur Ukraine. Dort bezeichnete er die Regierung in Kiew erneut als "Nazi-Regime", das 2014 durch einen Putsch an die Macht gekommen sei. Außerdem behauptete der russische Außenminister, die russische Sprache sei in der Ukraine vollständig verboten worden. Und auch beim Massaker von Bucha bediente Lawrow bekannte Kreml-Zweifel. Er stellte das Verbrechen als nicht bewiesen dar und forderte Journalisten auf, die Identität der Opfer zu recherchieren. 

Gerashchenko widersprach diesen Darstellungen scharf und im Detail. Nach der Flucht des damaligen Präsidenten Janukowytsch habe die Ukraine vorgezogene Präsidentschaftswahlen abgehalten, die von der OSZE als internationalen Standards entsprechend anerkannt worden seien. Auch Lawrows Darstellung zur Sprache weist Kiew zurück: Die ukrainischen Sprachgesetze beträfen nicht den privaten Gebrauch und kriminalisierten nicht den Alltag russischsprachiger Bürger. Beim Massaker von Bucha verwies Gerashchenko auf UN-Dokumente, Zeugenaussagen, strafrechtliche Ermittlungen und bereits identifizierte Verdächtige. Aus seiner Sicht verfolgt Moskau dabei ein klares Ziel: nicht entkräften, sondern zermürben.

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