Epstein und die Folgen: Eliten-Versagen im Fall Epstein – Fiasko für die Demokratie?

Prominente Namen aus Politik, Wirtschaft und Königshäusern – der Epstein-Skandal zieht immer weitere Kreise. Wie gefährlich ist es für die Demokratie, wenn Eliten versagen?

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Ein Polizeieinsatz in Bochum eskalierte. (Foto) Suche
Ein Polizeieinsatz in Bochum eskalierte. Bild: Adobe Stock / DABLJU (Symbolbild)

Ein abgründiger Ring zur Ausbeutung minderjähriger Mädchen, ein Netz von Kontakten, das in die höchsten Kreise der Supermacht USA reicht - Verbindungen in den Kreml nicht ausgeschlossen. Der Epstein-Skandal nimmt immer größere Ausmaße an. Manches klingt wie aus einer Verschwörungserzählung, doch haben sich schon viele Verdachtsmomente bestätigt.

Vor einer Woche hatte das US-Justizministerium weitere Ermittlungsakten zum Fall Epstein veröffentlicht. Der New Yorker Finanzberater und verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte jahrelang einen Missbrauchsring betrieben. Er selbst missbrauchte zahlreiche minderjährige Mädchen und bot diese auch in seinem Freundeskreis an. 2019 kam er in einer Gefängniszelle zu Tode, nach Behörden-Angaben durch Suizid.

Die Reichen und die Schönen, die Mächtigen und die Berühmten

Einzigartig wird der Fall dadurch, dass Epstein mit zahllosen Vertretern der High Society befreundet war, von Ex-US-Präsident Bill Clinton und dem derzeitigen Amtsinhaber Donald Trump über Regisseur Woody Allen und einige der reichsten Menschen der Welt wie Elon Musk und Bill Gates bis hin zu europäischen Royals wie dem britischen Ex-Prinzen Andrew und der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit. Die Reichen und die Schönen, die Mächtigen und die Berühmten – alles, was mit Glanz und Glamour zu tun hatte, war für Epstein offenbar unwiderstehlich.

Das bedeutet nicht, dass all diese Personen auch des Missbrauchs verdächtigt werden. Viele müssen sich aber zumindest mangelnde Distanz zu Epstein vorwerfen lassen. Auch als längst Vorwürfe gegen ihn kursierten und er 2008 verurteilt worden war, gingen sie weiter bei ihm ein und aus. So ergibt sich aus der Zusammenschau der Akten das Bild einer Elite, die meint, sich alles erlauben zu können.

Eine weitere Dimension erhält der Epstein-Komplex durch mögliche Verbindungen zum Kreml. Der polnische Regierungschef Donald Tusk sprach von einer möglichen "Honey Trap", einer süßen Falle für die Eliten der westlichen Welt, vor allem der USA.

Für den russischen Geheimdienst war Epstein sehr interessant

Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, sagt dazu, vieles sei zwar Spekulation, man könne aber feststellen, dass Epstein für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB sehr interessant gewesen sei. Epstein habe Zugang zu allen wichtigen Personen der US-Elite gehabt und über diese auch sensible Informationen und Fotos gesammelt.

"Das hat enormes Erpressungspotenzial, was für den russischen Geheimdienst von Interesse ist", erläutert Meister der Deutschen Presse-Agentur. "Viele Frauen, die Epstein missbraucht oder angeboten hat, kamen aus Russland, was wiederum Möglichkeiten auch für russische Dienste eröffnet hat, für Zugänge und kompromittierendes Material."

Der Kreml weist die Vorwürfe als Lügen "satanistischer liberaler Eliten" zurück. Russische Staatsmedien und ihnen nahestehende Netzwerke greifen den Epstein-Komplex auf, um westliche Demokratien als moralisch bankrott darzustellen.

Eine korrupte Elite, die unbehelligt finsteren Machenschaften nachgeht und nach außen hin den schönen Schein wahrt - das ist seit vielen Jahren der Stoff für Verschwörungserzählungen. Der Epstein-Skandal lässt nun die Grenzen zwischen Fake News und belegbaren Missständen verschwimmen. Das hat das Potenzial, Vertrauen in die liberale Demokratie zu erschüttern.

Der Psychologe Roland Imhoff von der Universität Mainz geht davon aus, dass sich viele Anhänger von Verschwörungstheorien in der Annahme bestätigt sehen dürften, dass "die da oben" mit unlauteren Mitteln zum eigenen Vorteil agieren. "Und dieser Schluss ist ja vielleicht auch gar nicht immer unzutreffend", sagt der Hochschullehrer. "Es gibt Studien dazu, dass Macht auf Dauer den psychologischen Effekt hat, dass man sich weniger um die Regeln schert, weniger dafür interessiert, was andere denken. Dafür ist der Fall Epstein sicherlich ein gutes Beispiel."

Klassische Verschwörungsszenarien sind bizarr überzeichnet

Michael Butter, einer der bekanntesten Experten für Verschwörungstheorien, geht ebenfalls davon aus, dass der Fall Epstein manch einen in seinem Komplott-Denken bestätigt. "Aber ich glaube, das ist nicht der entscheidende Punkt", sagt der Professor von der Universität Tübingen. Denn der klassische Verschwörungstheoretiker benötige gar keinen Realitätsbezug, um sich bestätigt zu fühlen. Der größere Schaden besteht seines Erachtens darin, dass nun auch Menschen, die bisher nicht zu Verschwörungstheorien neigten, den Eindruck bekommen können: Vielleicht ist da ja doch was dran.

Sowohl Imhoff als auch Butter betonen, dass es zwischen dem Epstein-Netzwerk und klassischen Verschwörungsszenarien wie Pizzagate oder QAnon durchaus noch enorme Unterschiede gibt. "Bei Epstein geht es um den Missbrauch minderjähriger Frauen, bei den Verschwörungstheorien um Kleinstkinder, die in Kerkern gehalten und zur Gewinnung von sogenanntem Adrenochrom angezapft werden", sagt Imhoff. "Also bizarre Überzeichnungen." Zudem, so Butter, drehen sich die Verschwörungserzählungen immer auch um einen großen Plan.

Der prominenteste Name, der in den Epstein-Akten tausendfach auftaucht, ist der von Donald Trump. Von dieser Warte aus betrachtet, könnte man annehmen, dass die Enthüllungen in erster Linie für den US-Präsidenten mit seinen bekannten autokratischen Neigungen ein Problem sind – und nicht so sehr für die liberale Demokratie. Bisher drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass auch diese Enthüllungen wieder an Trump abperlen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass viele seiner Anhänger ihre Informationen nur aus selektiven Quellen beziehen, in denen in erster Linie Epsteins Verbindungen zu demokratischen Politikern wie Bill und Hillary Clinton herausgestellt werden. "Andere tun das ab als Teil eines komplexeren Komplotts, dessen Ziel es ist, Trump zu schaden", erläutert der Amerikanist Butter. "Allerdings gibt es auch im Trump-Lager Stimmen, die sich kritisch geäußert haben. Die Reaktionen sind unterschiedlich."

War die Maduro-Aktion ein Ablenkungsmanöver?

Spekuliert wird auch darüber, dass Trump Anfang dieses Jahres ganz bewusst die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro eingeschoben haben könnte, um von einem neuen Schwung Epstein-Akten abzulenken. Butter meint dazu, dass Trump nachgewiesenermaßen gut darin sei, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit umzupolen. "Ob das in diesem Fall alles bewusst zu diesem Zeitpunkt so eingestielt war, weiß ich allerdings nicht. Die Venezuela-Sache war ja von langer Hand geplant und wurde wegen des Wetters auch verschoben. Was man hier aber auch sieht, ist, dass wir eben alle manchmal zu Verschwörungstheorien neigen."

Im vergangenen September etwa war der Fall Epstein auch schon einmal groß in den Medien. "Und was passiert dann? Dann wird Charlie Kirk ermordet. Und auf einmal ist Epstein völlig raus aus den Schlagzeilen." Damals wurde Butter mehrfach gefragt: Ist das jetzt passiert, um davon abzulenken?

Der "Sydney Morning Herald" spekuliert über ein durch die Epstein-Akten provoziertes Eingreifen Trumps im Iran: "Je stärker Trump versucht, von Epstein abzulenken, desto größer wird das Risiko für ausländische Ziele, die ihm gerade gelegen kommen", glaubt die Zeitung. Für den Iran sei das "ein schlechtes Omen".

Der Epstein-Skandal zeigt nach Einschätzung von Butter in jedem Fall, dass Verschwörungstheorien nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern auf realen gesellschaftlichen Missständen gründen. "Erzählungen wie Pizzagate und QAnon muss man sehen vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirtschaftskrise in den USA seit der großen Rezession 2008. Da zeigt sich eben, dass es eine kleine Gruppe von Leuten gibt, die immer reicher und reicher werden und machen können, was sie wollen, und viele andere, denen es wirtschaftlich gar nicht gut geht. Das befeuert das Narrativ "Volk gegen Elite"."

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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