Ricarda Lang: "Wie lebensfremd kann man sein?" Grünen-Politikerin grillt Kanzler Merz

Zu viele Krankheitstage, zu wenig Leistung? Kanzler Merz stellt die Deutschen infrage und löst eine heftige Debatte aus. Grünen-Politikerin Ricarda Lang kontert mit einem bitteren Vergleich, die Kommentarspalten explodieren, und selbst die AOK widerspricht dem Kanzler deutlich. Ein politischer Aufreger mit Sprengkraft.

Von news.de-Redakteurin - Uhr

Ricarda Lang zerlegt Friedrich Merz. (Foto) Suche
Ricarda Lang zerlegt Friedrich Merz. Bild: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
  • "Zu viele Krankheitstage": Kanzler Merz stellt Arbeitnehmer an den Pranger
  • Ricarda Lang explodiert: "Wenn sie krank sind, sollen sie doch Kuchen essen"
  • AOK widerspricht: Hoher Krankenstand ist kein Faulheitsproblem

Bei einem Wahlkampfauftritt in Bad Rappenau in der vergangenen Woche hat Bundeskanzler Friedrich Merz die Krankheitstage der deutschen Arbeitnehmer ins Visier genommen. Der CDU-Politiker verwies auf durchschnittlich 14,5 Fehltage pro Jahr – das entspreche fast drei Wochen, in denen Beschäftigte krankheitsbedingt ausfielen. "Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?", fragte Merz rhetorisch. Der Kanzler brachte dabei auch die seit 2021 geltende telefonische Krankschreibung auf den Tisch. Was während der Pandemie sinnvoll gewesen sei, müsse heute hinterfragt werden, so seine Position. Die Union strebt eine Abschaffung dieser Regelung an – ein Thema, das Merz mit dem Koalitionspartner SPD besprechen will. Sein erklärtes Ziel: Deutschland müsse gemeinsam eine höhere volkswirtschaftliche Leistung erreichen.

Er beschimpft die Bevölkerung: Ricarda Lang zerlegt Friedrich Merz

Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang ließ die Äußerungen des Kanzlers nicht unkommentiert. In einem Instagram-Video vom Montag konterte sie mit deutlichen Worten und zog einen historischen Vergleich: Merz' Haltung erinnere sie an "Wenn sie krank sind, sollen sie doch Kuchen essen." Lang appellierte an alle Beschäftigten, bei Krankheit konsequent zu Hause zu bleiben. Wer trotz Erkrankung zur Arbeit gehe, riskiere nicht nur eine Verschleppung der Symptome, sondern riskiere im schlimmsten Fall eine chronische Erkrankung. Auch die Ansteckung von Kollegen sei weder deren Gesundheit noch der betrieblichen Produktivität zuträglich. Die Grünen-Politikerin warf Merz vor, die Bevölkerung zu beschimpfen und die Deutschen "faulzureden", anstatt sich mit echten Lösungen zu beschäftigen.

Prävention statt Schuldzuweisungen: Grünen-Politikerin fordert Kurswechsel

Statt Kritik an den Beschäftigten fordert Lang einen grundlegenden Kurswechsel in der Gesundheitspolitik. Das deutsche System müsse stärker auf Vorbeugung setzen, anstatt sich ausschließlich auf die Behandlung bereits bestehender Erkrankungen zu konzentrieren. Zudem verwies die Grünen-Politikerin auf wissenschaftliche Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Gesundheit. Studien belegten eindeutig, dass Beschäftigte seltener erkranken, wenn sie sich an ihrem Arbeitsplatz wertgeschätzt fühlen und Selbstwirksamkeit erleben. Als dritten Ansatzpunkt nannte Lang die Stressbekämpfung. Gerade für junge Familien würde eine verlässliche und gut funktionierende Kinderbetreuung enormen Druck nehmen. Auch hier sei der Zusammenhang wissenschaftlich belegt: Stress mache krank. All diese Maßnahmen erforderten jedoch Empathie, politischen Willen und Durchsetzungskraft – Eigenschaften, die Merz offenbar vermissen lasse.

Mit ihrem Video trifft Ricarda Lang direkt ins Schwarze. In der Kommentarspalte wird die Politik von Friedrich Merz förmlich zerrissen:

  • "In der Zeit, in der Merz über Migranten, Arme und abhängig Beschäftigte wettert, tut er übrigens nichts für unsere Infrastruktur, günstige Energie und niedrigere Lebenshaltungskosten, geringere Sozialversicherungsbeiträge, bessere Bildung oder gerechtere Steuern.
    Ich sag ja nur", schreibt ein Instagram-Nutzer.
  • "Das ist für Merz zu komplex", heißt es in einem Kommentar.
  • "Mach du bitte Kanzlerin", meint ein anderer X-Nutzer.
  • "Fritze Merz hat es geschafft, dass ich Olaf Scholz als Kanzler vermisse", ist in einem weiteren Kommentar zu lesen.
  • "Leute sind öfters krank, wenn Menschen wie Merz ihre Chefs sind", schreibt ein Instagram-Nutzer.
  • "Hat er sich wieder ein schönes Ei gelegt. Wie wär's denn mal mit vernünftiger Präventionsmedizin, die von Kassen bezahlt wird? Dann wären vielleicht auch langfristig weniger Menschen krank?", heißt es in einem Kommentar.
  • "Der Mann kann sich nicht in andere Menschen hineinversetzen. Eltern mit kleinen Kindern kriegen zum Beispiel dauernd was ab. Oder müssen ihre kranken Kinder betreuen. Eigentlich müsste er es wissen. Wahrscheinlich war er nie Zuhause. So lebensfremd", meint ein anderer X-Nutzer.
  • "Er denkt, er ist der Vorstand der Bundesrepublik und die Bürgerinnen und Bürger seine Angestellten. Eher ist er von uns eingestellt. Er kann es einfach nicht. Zweite Wahl", ist in einem weiteren Kommentar zu lesen.

AOK widerspricht Merz' Argumentation

Die Krankenkasse AOK stellt sich gegen die Annahme des Kanzlers, die telefonische Krankschreibung treibe den Krankenstand in die Höhe. Nach Einschätzung der Kasse führt diese Möglichkeit nicht dazu, dass sich Arbeitnehmer häufiger krankmelden. Niedergelassene Mediziner hätten die telefonische Variante ohnehin nur in einem geringen Anteil der Fälle genutzt.

Einen anderen Faktor macht die AOK hingegen für die gestiegenen Zahlen verantwortlich: die elektronische Krankmeldung. Aktuelle Auswertungen der Kasse zeigen, dass durch dieses System Fehlzeiten deutlich vollständiger erfasst werden als zuvor. Der scheinbar höhere Krankenstand könnte demnach zumindest teilweise auf eine bessere Dokumentation zurückzuführen sein – nicht auf tatsächlich mehr Erkrankungen.

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